Bedrohte & Untergegangene (#103)

Bertold und Günther sitzen da und betrachten ein Buch.

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“Hast Du gesehen, wieviele davon bedroht sind, kaum noch zu finden sind? Mir ist das sooooo deutlich überhaupt noch nicht aufgefallen.” “Oh ja. Leider. Viele werden von diesen eingeschleppten oder hereindrängenden Ausländischen einfach verdrängt.”

“Aber das kann doch nicht gut sein, nicht gesund sein – jedenfalls nicht für das gesamte System hierzulande?” “Wahrscheinlich nicht. Aber viele finden die Ausländischen eben viel besser, obwohl sie das nicht sind. Ich weiß ja auch nicht, warum das so ist. Aber es ist so.”

Es entsteht eine kurze Pause, in der die beiden weiterblättern.

“Sag mal, Bertold, kann nicht ich … Kannst nicht Du … Können wir nicht irgendetwas dagegen tun?” “Ach Günther, ich hab’s schonmal versucht. Als Spinner wurde ich bezeichnet, als rückwärtsgewandter Fortschrittsfeind.”

Wieder sind sie im Buch versunken und blättern ab und zu weiter. Bertold macht ein trauriges, Günther ein eher empörtes Gesicht. Und aus der Empörung wird Aufregung.

“Ach Du Schreck!” Fassungslos blickt Günther kopfschüttelnd ins Buch. “So viele, echt so viele sind schon ausgestorben? Und keiner merkt etwas davon?” “Du mußt schon sehr genau hinsehen, dann bemerkst Du manchmal, daß einige fehlen.”

“Vielleicht kümmern sich einfach zuwenig Leute drum?” “Stimmt.” “Und dann werden die Eingewanderten, wenn ich jetzt mal drüber nachdenke, die Eingewanderten werden überall bevorzugt.” “Ja.” Bertold seufzt.

“Kann das daran liegen, daß soviele ausgestorben sind?” Bertold stutzt: “Was kann woran liegen?” “Naja, sind die alle ausgestorben, weil die Neuen, die Zugewanderten bevorzugt werden?” “Ja.”

“Und wie kann … Wo sind denn die Ausgestorbenen und die fast Ausgestorbenen alle hin? Ich mein‘: die können doch nicht einfach so verschwinden?” “Doch, schon. Es gibt ja kaum noch Menschen hier, die sich an sie erinnern. Und ein Museum extra dafür gibt es nicht.”

“Also bleiben nur noch die Bücher, in denen man sie sieht, nur die alten, sehr alten Bücher?” “Ja, aber vielleicht nichteinmal mehr die. Am Ende gibt es sie nur noch in den digitalen Abbildungen der Bücher …”

Die zwei sehen wieder in das Buch vor ihnen und blättern willkürlich vor und zurück. Und jetzt höre ich sie flüstern:

“Butterbrot – Kalamität – Cambingbeutel – Blumenkind – Tanzgürtel – Hosenmatz – schmausen – Chemisett – durchixen – Patenbrigade …”
 
 

Die zwei sehen sich nicht Brehms Tierleben an. Sie lesen im
 
                Rotbuch Deutsch Liste der gefährdeten Wörter
                Schwarzbuch Deutsch Liste der untergegangenen Wörter.
                marixverlag GmbH, Wiesbaden 2006 (ISBN 978-3-86539-221-3)
 
Es ist ein Buch, mal reinschauen lohnt sich, wirklich.

Der Verfasser des Blogs schleicht augenzwinkernd davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11. April 2012 war der entspannte Stadtbummel im Nieselregen (den hab ich echt genossen). Außerdem habe ich festgestellt, daß ich viele der bedrohten oder untergegangenen Wörter noch verwende.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Bedrohte & Untergegangene (#103)

  1. Emma Wolff sagt:

    Danke für diesen herrlichen Blog, den ich mit sehr viel vergnügen gelesen haben… 😉
    LG Emma

  2. Herbstbaum sagt:

    Freu – ich habe richtig vermutet, um welches Buch es sich handelt.
    Den Dialog allerdings, habe ich auch schon so geführt in Bezug auf Tiere 🙂

    • der_emil sagt:

      Hier in der Bücherei (auch so ein verschwindendes Wort) werden immer wieder mal besondere Bücher in besonderen Vorrichtungen besonders auffällig angeboten – da stand das dabei und lachte mich an 😉 Nach dem ersten Abend (mit Notizlock) kam mir der Dialog so in den Sinn …

  3. Follygirl sagt:

    Ja, diese Art Gespräche werden wir wohl immer öfter führen können, besonders auch in bezug auf den Artenreichtum der Tier- und Pflanzenwelt, ganz ehrlich, da kann ich die schönen Worte eher verschmerzen.
    Auf Wiederschauen! (das liebe ich, dabei zogen den Herren ihren Hut! …sagt aber niemand mehr)

  4. april sagt:

    Gut geschrieben. Das ist aber wohl der Lauf der Welt, der Wörterwelt. Es war schon immer so. Viele Wörter, die wir heute ganz selbstverständlich als deutsche Wörter benutzen, stammen aus anderen Sprachen und wurden eingedeutscht, blouse (frz.) zu Bluse und viele, viele mehr. Ich finde es auch nicht so gut, wenn ich jetzt noch Trottoir sagen müsste wie meine Großmutter. Aber ‚Bürgersteig‘ ist doch auch schon ganz schön altmodisch. Da fällt mir gerade ‚Backfisch‘ ein statt weiblicher Teenager 😉

    Ich bin allerdings auch der Meinung, dass es heutzutage mit dem Denglisch übertrieben wird: sale, ich geh shoppen etc. Aber wahrscheinlisch schreibt man in 20 Jahren ’schoppen‘ und denkt sich nix dabei.

  5. Gudrun sagt:

    „Durchixen“ – das Wort hatte ich schon erfolgreich vergessen. 😀 Das erinnert ich an meine Diplomarbeitschreiberei. Nichts durfte durchgeixt werden und so habe ich manche Seite mehrmals geschrieben. Oh Mann!

  6. Gabi sagt:

    Dieses Buch klingt interessant. Was ich auch interessant finden würde, wenn es so ein Buch auch über typische österreichische oder sogar wienerische Ausdrücke geben würde. Auch hier gibt es so viele Wörter, die nicht mehr gebraucht werden und unsere Kinder und
    KindesKindeskinder gar nicht mehr kennen.
    Ein typisches Beispiel ist z.B. „Pompfineberer“ bzw. „Pompfüneberer“. Damit war der Leichenbestatter gemeint. Es kommt vom französischen Wort „pompe funèbre“, was so viel wie „prunkvolle Bestattung“ heißt. http://www.ostarrichi.org/wort-493-reise-at-andereswort.html
    Aber, ich muss gestehen, das Wort war auch schon zu „meiner Zeit“ nicht mehr sehr gebräuchlich, doch auch da gäbe es viele Beispiele und ich denke, die gibt es wohl in jeder Sprache.

    lg Gabi

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