Nº 207 (2019): Schrödingersches Textwerk

Am Ende aber hinkt der Vergleich ziemlich heftig.

To get a Google translation use this link.

 

Existiert ein auf Papier geschriebenes Gedicht, das keiner je las und nie jemand lesen wird?

Und wie ist das mit all den Texten, die in meinen Kladden stehen und die niemand zu lesen bekommt, ehe sie nicht da angekommen sind, wo sie endgültig verbleiben sollen?

Solange die Texte von niemandem gelesen werden, weiß ja niemand, daß sie existieren; an viele davon kann ja nichtmal mehr ich mich erinnern, und ich habe sie irgendwann einmal geschrieben. Daher könnten die Kladden die Box sein, in denen meine Texte wie die berühmte Katze im Gedankenexperiment des Herrn Prof. Dr. Erwin Rudolf Josef Alexander Schrödinger sowohl existieren als auch nicht existieren, gleichzeitig.

Allerdings gibt es einen Unterschied zur Katze: Wird eine Kladde geöffnet, so existieren meine Texte und können gelesen werden, und zwar in jedem Fall; die Katze wäre, rein statistisch betrachtet – bei genau der Hälfte aller Kistenöffnungen tot. Also sind ungelesene Texte doch kein Schrödingersches Textwerk?

 

Der Text entstand aus einer Reply (Antwort), die ich heute zu einem Tweet schrieb. Ich danke Julia für die Steilvorlage.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 26.97.2019 waren positiv Haare, Ventilatoren, abends in der Stadt unterwegs zu sein.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Münzen.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2019, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

4 Kommentare zu Nº 207 (2019): Schrödingersches Textwerk

  1. Sofasophia sagt:

    Ha, das Experiment geht bei so weiter (oder es ist ein Seitentrieb deines Experiments): Gibt es diesen einen Ort (Stadt, Land, Berg was auch immer) auch dann, wenn ich nicht dort bin, wenn niemand (= kein Mensch) dort ist? Und die Blume, duftet sie auch ohne jemanden, die*der riecht?
    Unter dem Strich dann der sehr ernüchternde Gedanke, wie überheblich wir Menschen doch sind, zu glauben, dass etwas nur ist und wird, weil wir hinsehen, weil wir da sind und die wohltuene Erkenntnis, dass dem natürlich nicht so ist. Denn alles war und ist bereits ohne uns da gewesen und kann gut ohne uns sein. Vieles gar besser. Wie gesagt: Ein Seitentrieb.
    Ich mag so Gedankenspiele sehr!

    • Sofasophia sagt:

      Da fehlt ein ‚mir‘ …

    • Der Emil sagt:

      Hm.

      Ich bezieh mich mal ausschließlich auf menschgemachte Dinge, die nicht sichtbar sind, von denen keiner außer dem Erschaffer etwas weiß, also auf dieses eine dahingekritzelte Gedicht z. B. — der Außenstehende weiß nichts von der Existenz, und zusätzlich ist die ja nun auch von einem Menschen abhängig, von dem der Außenstehende auch nicht weiß, ob der diese Sache nun geschaffen hat. Und wenn der Erschaffer, mittlerweile hochgradig dement (also keine Erinnerung an das geschriebene Gedicht mehr) nun stirbt und sein Nachlaß als Müll verbrannt wird, dann ist es doch, als hätte das Gedicht nie existiert, nein, dann hat das Gedicht nie existiert, weil ja niemand weiß …

      Heiliges Kanonenrohr, ist das komzipliert!

      • Sofasophia sagt:

        Ich weiß, denn ich kenne diese deine Gedanken ja auch. Und ähnliche, und andere (siehe oben), aus der gleichen Familie zwar (weil aus dem menschgemachten herausgedacht) und drum eben doch anders.
        So Gedanken(spiele) mag ich ja irgendwie, weil sie mir unsere eigene Vergänglichkeit vor Augen führen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert