Steigende Mengen bei gleichbleibender Ordnung (Nº 259/2018)

Die Entropie im Zettelversum.

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Es sind zuviele Zettel. Viel zu viele Papierstücke, auf denen ich irgendwann (meist vergesse ich, ein Datum anzugeben, wenn ich auf Zettel schreibe) irgendwelche Notizen machte. Dabei habe ich doch der Kladden genug!? Aber nein, es muß auf Zettel geschrieben sein, immer und immer wieder, was mir für meine Kladden zu verräterisch ist (obwohl es extra für die “schmutzigen” Texte ein ganz besonderes Notizbuch gibt!) oder zu unbedeutend. Ich hasse meine Inkonsequenz, meine Unordnung im Schreiben; und gleichzeitig fürchte ich mich vor zuviel Struktur in den Sammlungen von Stichworten und bruchstückhaften Entwurfsfetzen, befürchte ich obendrein, mich durch die strikte Einhaltung von Regeln zu unflexibel zu machen, mich dadurch meiner Kreativität zu berauben. Das ist verrückt, ganz sicher verrückt. Weil ich ja in vielen Bereichen solche klare Regeln brauche, wie hier die des täglichen Bloggens. Aber ich weiß mir kein Mittel dagegen, weder gegen diese Angst noch diese Widersprüchlickeit.

Wie wohl Goethen das handhabte? Er diktierte wohl oft seine Texte, hatte angestellte Schreiber, die seine Worte zu Papier brachten. Von Kleist hatte diesen Luxus wohl nicht und weder Schreibmaschine noch Computer noch Tablet. Ich habe den Eindruck, daß mir diese Hilfsmittel vor allem helfen, das Chaos chaotischer zu machen, die Entropie meiner Notizensammlung zu vergrößern. Im wahrsten Sinne des Wortes verzettele ich mich bei der Sammlung von Ideen. Freilassen. Das war einmal eine meiner Ideen abseits der Schreiberei: Ideen freilassen, auf daß sie neue Frauchen und Herrchen und Schreiberlinge finden, bei denen sie sich wohlfühlen und weiterentwickeln können zu einem abgeschloßnen Text. Warum habe ich damit wieder aufgehört, schließlich wäre das doch dem Säen vergleichbar?

So aber verringert sich von Tag zu Tag die Ordn – nein, das stimmt nicht. Die Ordnung bleibt gleich, die Materialmenge steigt: Es sinkt die Ordnung im Verhältnis zur Menge der Notate, d. h. es vergrößert sich die Unordnung in meiner Materialsammlung, die Entropie meines Gedächtnisauswurfes wächst, je länger ich diesen sammle. Hm. Da fällt mir doch eine mögliche Lösung meines Problems ein, welches mir nicht die wachsende Entropie, sondern die wachsende Sammlung zu sein scheint: Denn wenn die Sammlung nicht mehr wächst, nimmt dann die Entropie noch zu? — Was ich an Ideen und Notizen nicht innerhalb von zwei Wochen verwendet habe, sollte ich aus meiner Sammlung hinauswerfen, freilassen. Ganz einfach! Jetzt muß ich es nur noch schaffen, auf jedem Notizzettelchen, zu jedem Satz, zu jedem Brocken und allem einfach das Datum und die Uhrzeit hinzuzuschreiben …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 16.09.2018 waren schwieriges Einpacken, eine freundliche Begegnung, sortierte Zettel.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Steigende Mengen bei gleichbleibender Ordnung (Nº 259/2018)

  1. Sofasophia sagt:

    Ich kenne das. Schon oft dachte ich: Ich müsste mal alle Zettel ungeachtet ihres Inhalts aneinanderfügen und mit diesem dadaistischen Text etwas Ganzes schaffen. Oder sie wie ein Puzzle an den (kleinstmöglichen) Berührungspunkten zusammenfügen? Aber würde ich sie dann ihres ursprünglichen Sinnes berauben? Oder wäre das dann egal?
    Du siehst … auch ich bin diesbezüglich ähnlich ver-rückt. 😉
    Vielleicht ist es letztlich egal, denn manche Ideen leben nur einen Augenblick lang. Und vielleicht auch nur genau für mich. Und das ist womöglich ganz gut so …

  2. Karsten Seel sagt:

    Ach wie gut ich dich verstehen kann … 😉 . Bei mir ein ähnliches Chaos, weniger Zettel aber Notizbücher aller Art, Programme zum „Ideen Sammeln“, „Projekte“ kaum begonnen oder in der ansteigenden Informationsflut versinkend …
    Der Fluch des Computerzeitalters: immer mehr Informationen, das Zeitbudget beschränkt, interessierende Themen inflationsartig steigend.
    Beschränkung aber kommt (für mich) nicht in Frage, stattdessen mit dem Mangel an Zeit und manchmal auch an „Antrieb“ arrangieren. Was bleibt mir sonst übrig?


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