Aussprechen, was ich sonst verschweige (199/166)

Trotz der Gefahr, anzuecken oder ausgeschimpft zu werden

To get a Google translation use this link.

 

Gestern. Freitag. Es sollte ein netter, entspannter Tag werden.

 

Um 6.30 Uhr wurde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Von Mitbürgern, die Gott huldigen mußten mit großen Lautsprechern und Mikrofon und Verstärker. Die Feier des Zuckerfestes (Fastenbrechen nach dem Ramadan) begann halb sieben morgens mit dem takbīr in einer Lautstärke, die mir auch bei geschlossenem Fenster das Radiohören unmöglich machte. Warum mit Verstärker und Lautsprecher? Ist die Kraft des (unverstärkten) Gebetes, des kontemplativen Gebetes im Islam nicht stark genug, um mit Allah in Verbindung zu treten? In meinem Koran fand ich jedenfalls nichts, das eine solche Lautstärke erfordert. Ganz im Gegenteil steht in al-Isra, in der 17. Sure (Die Nachtwanderung) im Vers 110: » Sag: Ihr mögt zu Allah beten oder zum Barmherzigen (ar-rahmaan). Wie ihr ihn auch nennt, ihm stehen die schönsten Namen zu. Und mach dein Gebet (salaat) nicht (zu) laut, aber (auch) nicht (zu) leise! Schlag (vielmehr) einen Mittelweg ein! « (So zu finden z.B. dort.) Und in Sahih Muslim Nr. 677 steht es ebenso: » Ibn ‚Abbas, Allahs Wohlgefallen auf beiden, berichtete: Die Worte Allahs, Des Allmächtigen und Des Hocherhabenen: Und sei nicht laut vernehmbar in deinem Gebet und sei nicht leiser Stimme dabei, erstrebe dazwischen einen Weg [Quran 17:110] wurden herabgesandt, als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, die Leute in Mekka heimlich zum Islam aufrief.  «

Einen Mittelweg also … Obwohl: Bei einem Freudenfest darf der Mensch auch laut sein. Doch muß er das mit Mikrofon, Verstärker und Lautsprecher tun, so laut wie gestern? Nach einer zu kurzen Nacht ist das nicht gerade gut für meine Laune.

 

Im Sender dann war der Dienstplan der Sendetechniker einmal mehr – nun, nicht ganz aktuell trifft es in etwa. Der Nächste Schlag ins Genick. Chaos. Panik. Bammel, daß es niemanden für die Zeit von 17 bis 18.45 Uhr gibt, daß der Abendschichter nicht auftaucht. Handlungsunfähig. Dissoziiert? Nein, nicht ganz. Nicht dissoziiert. Noch bei mir, aber handlungsunfähig. Ich lasse (beinahe) alles vom noch anwesenden Frühschichter klären.

Und bei dieser Hitze saß ich dann irgendwann irgendwo und merkte: Ich gerate gerade an meine Grenze. Ich freue mich auf das Ende des Bundesfreiwilligendienstes. Auf das Ende der Verantwortung. Der Pflicht. Wäre ich ein P601 (ein Trabant!), so müßte auf Reserve umgeschaltet werden; noch etwa 25 bis 50 km würde das Benzingemisch reichen. Dann braucht’s einen Kanister, 1:33 bitte. Meine Reserven reichen, so hoffe ich, bis zum 31. August. Sechs Wochen. Wochen, in denen ich mich langsam aus dem täglichen Betrieb verabschieden werde. Langsam. Stück für Stück. Als erstes werde ich die Verantwortung fü einen speziellen Bereich der Sendetechnik abgeben. Und dann … Dann … Dann weiß ich noch nicht.

Kurz vor der Zeit, zu der ich gestern eigentlich heimgehen wollte, wurde mir dann die Freitagabendverabredung abgesagt. Also war der ganze Dienstplanstreß einfach sowas von überflüssig, sinnlos und absolut unnötig. Gleichzeitig war natürlich das, worauf ich mich freute, auch weg: Ich hätte auf das Baby aufpassen dürfen, Fläschchen geben und Windeln wechseln und Bäuerchen machen lassen. Hach. All das, was ich bei den eigenen Kindern auch gemacht habe (ehe ich mich dann eben von der Ursprungsfamilie verabschieden und verschwinden mußte). Naja, ich hatte also auch am Abend noch Zeit zum Nachdenken. Über Selbstausbeutung, Engagement, Verantwortung, Leistung und ihreraller Grenzen. Und wieder wurde mir klar, daß ich zur Zeit hart an der Grenze bin zum Zusammenbruch – nein, das nicht, aber zum Rückzug von und vor allem. Zwei Wochen in der Wohnung sitzen, ohne auch nur einmal die Wohnungstür zu öffnen. Die immer vorhandenen Vorräte aufbrauchen bis zum letzten Krümel. Alle Antidepressiva einnehmen, um das vollständige Abgleiten zu verhindern. So fühle ich mich gerade.

Leer, fast leer. Ausgebrannt, aber es glimmt noch.

Durchhalten ohne einzuknicken. Noch ein paar wenige Tage. Weiterschreiben. Arbeiten, funktionieren in den engen, mir durch die Nutzung letzter Reserven gerade noch verbleibenden Grenzen.

Ich habe es erkannt, ich bin gewarnt.

Es geht mir gut.

Warten auf Godot September.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 17. Juli 2015 war die beruhigende, besänftigende Wirkung des Leerlaufs am Abend.
 
Tageskarte 2015-07-18: Der Ritter der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Gedachtes, One Post a Day, postaday2015 abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

0 Kommentare zu Aussprechen, was ich sonst verschweige (199/166)

  1. Ulli sagt:

    Lieber Emil, da fällt mir noch ein anderes Lied ein: I can`t wait until Septembre …
    pass gut auf dich auf und sorge für dich!
    Ich habe gerade gestaunt, dass du einen Koran bei dir hast und dachte: und ich bin noch nicht einmal bibelfest … aber muss ich ja auch nicht!
    geniesse das freie We
    herzlichst Ulli

    • Der Emil sagt:

      Frei ist das WE nicht, heute muß ich.

      Ach, der Koran. Der steht bei mir seit anno Tobak im Schrank, neben Bibeln und dem Buch Mormon. Fest bin ich in keinem der drei Bücher, aber ich rühme mich eines gewissen Halbwissens darüber und weiß eben auch, wo ungefähr etwas stehen könnte (bzw. wo ich suchen kann).

      Das Lied hör ich mir nachher an.

  2. Gudrun sagt:

    Ich wünsch dir von Herzen Kraft und Gelassenheit für das Stück Weg.

  3. Arabella sagt:

    Lärm, gleich welche Ursache er hat, stört.
    Der Akku ist leer…ich habe einen Tipp.
    Hör niemals auf anzuecken!
    Die entstehende Reibungsenergie sorgt für neue Kraft.
    Meine besten Grüße zu dir, ich warte auf November!

  4. Elvira sagt:

    Vor etlichen Jahren haben mein Mann und ich einen Urlaub in Bodrum verbracht. Irgendwann am extrem frühen Morgen, nein, es war für mich definitiv noch Nacht, standen wir fast in unseren Betten. Ein furchterregendes Trommeln hatte uns geweckt. Laut und beängstigend. Es hörte sich an wie aus Mittelalterfilmen, wenn ein Delinquent zum Schafott geführt wurde. Irgendwann hörte es auf. An Schlaf war aber nicht mehr zu denken. Beim Frühstück haben wir das Personal gefragt, was denn in der Nacht los gewesen sei. Es war Ramadan und Trommler gingen durch die Straßen um die Menschen zu wecken, damit sie vor Sonnenaufgang noch etwas essen konnten. Dieses Trommeln durften wir noch einige Nächte hören, obwohl die Menschen sicher einen Wecker hätten stellen können. Aber das gehört dort eben zur Tradition. Am Abend war das anders. Da leiteten nach Sonnenuntergang Kanonenschüsse von der Burg St.Peter die Essendphase ein.
    Was aber viel schlimmer war: die Freiluft-Dicothek Halikarnas. Wenn da aufgelegt wurde, bebte die Erde. GsD haben wir das nur an einem Wochenende erlebt, da die Hauptsaison bereits vorüber war.
    Liebe Grüße,
    Elvira
    P.S. Gut, dass Du Deinen Zustand erkannt hast. Das ist immerhin eine Möglichkeit, Deine verbliebenen Kräfte einzuteilen. Ich wünsche Dir, dass von irgendwo neue Kräfte kommen. Oft sind es andere Menschen, Freunde, die einen helfen können.

  5. Sofasophia sagt:

    In Gedanken bei dir. Schau gut zu dir, bitte. Ich schick dir liebe Gedanken und den Wunsch, dass du dich irgendwie in und mit dir selbst stärken kannst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert