Aus dem Briefnachlaß von Annagrets Freundin (2)
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Guten Morgen, Du Liebe, Du Schöne,
nun sind schon wieder sechs Wochen vergangen, seit wir hier auf meiner Couch saßen mit diesem wundervollen Englischen Tee, den Du mitgebracht hattest. Ach, wenn es nur öfter möglich wäre, so beieinanderzusitzen – ich wünsche mir sehr oft, daß wir nicht so weit auseinander wohnen müßten. Aber so ist das Leben und so hat sich unsere Freundschaft mit den seltenen Besuchen und den Briefen nicht verbraucht, ist uns geblieben und beschert mir immer wieder wundersame Momente beim Lesen Deiner Zeilen.
Gestern habe ich alleine auf der Couch gesessen und mir “Das Gespenst” nocheinmal angesehen, zum vierten oder fünften Mal. Wie bist Du nur auf die Idee gekommen, einen 1982 gedrehten Schwarzweißfilm mitzubringen? Du hast gesagt, daß Du ihn interessant fandest – aufgrund seiner Geschichte und weil er in Österreich wohl noch immer verboten ist. Und an den Stellen, an denen wir gemeinsam gelacht haben über die Dinge, die diesem vom Kruzifix gestiegenen Jesus und der Mutter Oberin geschehen, war ich gestern sehr nachdenklich. Klar, es ist schon komisch, wenn Jesus eben nicht in der Lage ist, in einem Teich zu schwimmen, weil er eben übers Wasser gehen kann. Aber der arme Kerl kennt das Wohlgefühl eines Schaumbades nicht – oder?
Ach Du! Hast mein Leben mal wieder etwas durcheinandergewirbelt. Mit dem Film. Mit der Nachtcreme, die Du hier stehengelassen hast. Die fühlt sich so gut an, und ich weiß nicht, wo ich sie mir kaufen könnte. Hey, war die vielleicht aus der Schweiz? Hast Du sie absichtlich ganz hinten in den Schminkschrank gestellt, um sie als späte, kleine Überraschung hierzulassen? Oder habe ich mir die irgendwann mitgebracht und sie einfach vergessen? Egal, sie ist toll. Ja, auch über unsere Unterhaltung habe ich noch viel nachgedacht. Und jedesmal, wenn ich im Laden an dem bewußten Regal vorbeigehe, muß ich wieder schmunzeln über den neuen Spitznamen, den F. jetzt für alle Zeiten bei uns haben wird – und den bestimmt der eine oder andere Mann in Zukunft von uns bekommt. Oh Gott, ich habe schonwieder dieses Bild vor Augen …
Ja, wie Du schreibst, so ist es. Du hast bei mir kein einziges Bild gesehen von René, kein einziges. Ich hatte auch nur ein kleines, paßbildkleines Foto, das natürlich in meinem Portemonnaie steckte. Als Du hier warst, kannte ich René ja erst ein paar Tage, wir waren noch beim gegenseitigen Abtasten, beim Kennenlernen, hatten uns erst ein einziges Mal gesehen. Was ich Dir bereits erzählen konnte, habe ich Dir erzählt, wirklich! Normal gebaut, kein Bauch, kurze, dunkle Haare, kraftvoller Händedruck, knackiger Hintern: alles das trifft zu, so, wie ich es Dir gesagt habe. Und auch die Vorliebe für gute Jeans und Poloshirts und Wanderstiefel in allen Lebenslagen. Wie Du mir in Deinem Brief jetzt viel Glück mit dem Kerl wünschst: Nein, meine Süße, mit diesem Kerl werde ich kein Glück haben.
Doch doch, wir haben uns seit Deinem Besuch beinahe jeden zweiten Tag getroffen, meistens unten am Teich im Stadtpark. Das Wetter war ja auch noch richtig angenehm in diesen Herbsttagen. Wir saßen und redeten beinahe wie Du und ich über alles mögliche und unmögliche. Nein, wir haben nicht über Dich gelästert, aber René weiß, daß ich eine beste Freundin habe, der ich alles, wirklich alles erzählen kann in meinem Briefen. Und deshalb kann ich Dir heute auch schreiben, daß wir beide uns wohl ineinander verliebt haben. Ja, geküßt haben wir uns auch schon – es war himmlisch. Weißt Du noch, wie Du mir den ersten Kuß von G. (Ah, hast Du nun noch etwas von ihm gehört seit eurer Trennung? Ja? Grüß ihn bei Gelegenheit bitte von mir.) beschrieben hast? Es schmeckte nach … nach … nach Negerkuß mit Bärenfang, es war genau fest genug, um sanft zu sein; es fühlte sich einfach richtig an. Auch am hellerlichten Tag. Mittlerweile gehen wir auch hier in der Straße Hand in Hand oder untegehakt oder oder oder. Du weißt ja bestimmt, wie das am Anfang bei Frischverliebten so ist.
Und trotzdem werde ich mit diesem Kerl kein Glück haben.
René ist nicht verheiratet, nein. Und ich bin jetzt doppelt nervös: zum Einen, weil ich Dir etwas gestehen muß, und zum Anderen, weil sie heute zum ersten Mal bei mir, wahrscheinlich sogar mit mir schlafen wird. Puh! Ja, Du hast Dich nicht verlesen. SIE wird. Und ich werde. Heute Abend. Bei mir. Ich glaube, ich bin ein klein wenig glücklich. Und ich bin ängstlich, weil ich nicht weiß, was passieren und wie es passieren wird. Ich habe doch keine Erfahrungen mit Frauen. Und voreilig wäre das vor sechs Wochen auch gewesen, hätte ich Dir DAS erzählt. Kannst Du mir verzeihen? Und kannst Du jetzt verstehen, warum ich so unsicher, so vorsichtig war?
Hast Du Dich von dem Schock erholt? Deine beste Freundin Annagret. Liebt eine Frau. Einfach so. Will es jetzt auch ausprobieren. Aber so ganz festlegen mag ich mich (noch) nicht. Wir werden ja alle sehen und spüren, wie sich das entwickelt. Bei der Gelegenheit kannst Du mir auch noch zur Gehaltserhöhung gratulieren – mein Chef hat endlich eingesehen, daß er mich noch ein paar Jahre in seinem Büro brauchen wird. Und ich kann endlich wieder auf einen Urlaub sparen, ohne jeden Pfennig dreimal umdrehen zu müssen. Also werde ich Dich auch wieder einmal besuchen können, oder ich lade Dich auf ein kleines Wochenende zwischen Trier und hier ein, wie vor sechs Jahren zu Deinem runden Geburtstag.
Ach, ich hab Dich lieb. Wenn ich Dich nicht hätte, dann hätte ich das, was ich Dir jetzt gestanden habe, quer über die Straße brüllen müssen. Ich bin so froh darüber, daß es Dich gibt.
In drei Stunden wird René hiersein. Ich muß vorher noch schnell einkaufen (ich werde wieder breit grinsend an F. denken) – da kann ich diesen Brief gleich in den Kasten werfen – und mich dann irgendwie beruhigen.
Bleib neugierig, ich werde Dir schon alles erzählen.
Annagret – die fürchterlich aufgeregt ist.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 28. Oktober 2013 waren ein Gespräch mit jemand lange Vermißtem und ein kurzes Zufallstreffen.
© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Korrigiere: eine ALTE Liebe ist wie ein neues Leben 😉
Sehr schön.
Ach nein … da kann ich Dir nicht wirklich zustimmen aber YMMV …
YMMV? Yesterday My Mind Vanished? 😀
Your mileage may vary … 😉
Der Kraftstoffverbrauch sollte in der Tat immer variabel sein.. möglichst nach unten :p
Ich bin gespannt, ob es bald gehäuft Erfahrungsberichte im Web gibt über Experimente mit Bärenfang und „Negerküssen“. Zunimdest ich habe versucht, mir die Kombination vorzustellen und bekomme es nur separat hin.
p.s.: Meinem Gefühl nach geht diese Freundschaft demnächst in die Brüche.
Ich hoffe, mir wird diese althergebrachte Bezeichung der „Schaumküsse“ verziehen. Oh, und ich stelle mir diese Verbindung — weil ich beides kenne und mag — wirklich passend vor. Vielleicht probiere ich sie mal aus …
Der Menge an Briefen nach, die hier noch herumliegt, bestand die Freundschaft noch sehr lange 😉
schreib weiter!!!!
(was ist bärenfang?! lakritze etwa, der bei uns in der schweiz bärendreck heisst?)
Bärenfang: Ein Honiglikör … Lecker.
mjam … und so was am „frühen“ morgen im aufwachmodus …
Ich hätte mir solch eine Brief-Freundin gewünscht. Hätte sicher den Psychoanalytiker ersetzt.
Liebe Grüße von Elvira
Die Briefform, explizit ausgewählt und verwendet von Dir hier als Blogbeitrag – das werde ich mir merken. Gute Idee, so als kleine Sprachorgie in Nichtgedichtform…
Bin begeister von diesen Briefen und hoffe auf Fortsetzung.
Und was ich nebenbei gelernt habe, dass es einen Film gibt (lt. Wikipedia sogar zwei), die in Österreich verboten sind, bzw. beschlagnahmt worden sind. Was mich nun erst recht neugierig auf sie macht.
Grotesk am Rande: Nun hab ich gelesen, dass ARTE den Film vorige Woche das erste mal im Fernsehen gezeigt hat. Auf der Suche danach in der Medathek erscheint er zwar, aber klicke ich das Video an, steht da: in meinem Land nicht verfügbar.
LG Gabi
Schreib sie bloß weiter, die Briefe. Ich habe sie gerne und mit Spannung gelesen. Gut gemacht, lieber Emil.
Gruß von nebenan.