Aus dem Briefnachlaß von Annagrets Freundin
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Hallo, meine allerliebste, allerbeste Freundin,
ich weiß, daß Du jetzt schon beinahe drei Wochen auf meine Antwort wartest – und so, wie ich die Post kenne, dauert es auch nocheinmal ein paar Tage, ehe Du diesen Brief erhältst. Aber genau deshalb hatte ich Deine Bitte immer wieder abgeschlagen, doch endlich! auf E-Mail oder Telefon umzusteigen. Weil ich per Mail oder gar am Telefon nur ein “Klar, Blödmann!” geantwortet hätte. So aber mußte ich Zeit haben und hatte ich Zeit, meine Gedanken zu Papier zu bringen und beim Niederschreiben nochmal über das Geschriebene nachzudenken.
Ungewöhnlich war schon die Tatsache, daß ich von Dir eine Ansichtskarte erhielt. Aus Magglingen. Mit einer Schweizer Briefmarke drauf. Was hab ich erstmal gesucht, wo das ist! Im Bild ist auch eine Schweizer Flagge zu sehen, aber dieses Bild könnte auch vor einigen Jahren irgendwo im Nachkriegsdeutschland aufgenommen oder gezeichnet worden sein. Die “Eidg. Turn- und Sportschule; SLL – Unterkunftsgebäude”. Auf einer beinahe antiken Ansichtskarte. Weißt Du, daß das das erste Mal ist, daß Du mir eine Ansichtskarte für meine Sammlung schickst? Oh ja, ich habe mich gefreut, riesig gefreut.
Aber nun zu dem, was mich so lange beschäftigt hat. Diese drei Sätze. Daß Du Dich vor dem Urlaub von G. getrennt hast, daß Du mit Deinem besten Freund in der Kiste warst und daß F. jetzt nicht mehr Dein bester Freund ist, weil, wie Du schon immer wußtest, Freundschaft plus nie funktioniert. (Wie gut, daß wir beide niemals miteinander ins Bett gehen werden, weil unsere “technischen” Vorlieben diesbezüglich überhaupt nicht zueinander passen.)
Die Trennung nach – wieviel waren das jetzt genau? – vier Jahren Gemeinsamsein: Wenn Du ehrlich zu Dir selbst bist, hast Du Dich in den letzten zwei Jahren ständig über G.s Macken und Fehler beschwert. War es damit nicht absehbar, daß ihr nicht zusammenbleibt? Ich vermute ja, daß Du sauer über eure Trennung bist. Aber Du hast doch Schluß gemacht? Hast Du wirklich gehofft, daß G. sich soweit ändert? Wäre das dann noch der Mann gewesen, in den Du Dich verliebt hattest? Denk einmal darüber nach …
Und wie oft habe ich Dich in Deiner Schwärmerei für F. gebremst? Hast mir doch oft genug – nein, wir haben oft genug beide über unsere Phantasien gesprochen, über unsere Vorstellungen von F. und seiner Ausdauer und seiner Männlichkeit. Was haben wir gekichert, als wir ihn mit den Bodybuildern verglichen mit ihrem gewaltigen Oberkörper und dem im Verhältnis dazu oft winzigen Johannes. Na jetzt weißt Du ja genau, wie “ER” bei ihm ist. Wie ist er denn so? Also F. meine ich jetzt, nicht nur sein bestes Stück. Ich las nichts von Entäuschung oder Reinfall? Warum ist dann die Freundschaft vorbei? Befürchtest Du, daß er jetzt zuviel von Dir weiß? Daß er Deine eingebildete Cellulite am linken Oberschenkel gesehen hat? Glaubst Du, er prahlt jetzt damit, daß er mit Dir geschlafen hat? Oder hast Du einfach Angst, daß er Dich jetzt als “leichte Eroberung” betrachtet und es immer wieder versuchen oder verlangen wird? Wäre das so schlimm? Ach, ich kenne Dich. Du hast ihn am Morgen danach einfach hinausgeworfen, nichts mehr gesagt. Und keine seiner Fragen beantwortet, alle Nummern von ihm gelöscht usw. usf.
Wenn zwei Menschen eine Beziehung miteinander leben – eine ganz normale, auf Dauer angelegte Beziehung, was meinst Du: Sollen diese beiden nicht auch Freunde sein? Funktioniert eine Beziehung ohne Freundschaft zwischen den Partnern? Wie war das bei Dir und G.? Ja, ihr wart beide heftig ineinander verknallt, verliebt ineinander. Aber war da nicht auch eine Freundschaft zwischen euch? Wußtet ihr nicht (fast) alles voneinander? Das Vertrauen war doch mal da … Wann und wieso ist es euch abhandengekommen? Wer hat zuerst an eurer Beziehung gezweifelt, wann habt ihr aufgehört, Freunde zu sein?
Freundschaft plus, sagst Du, kann niemals funktionieren. Also eine Freundschaft und Sex, das kann nicht zusammenpassen, meinst Du. Ist daran dann auch Deine Beziehung gescheitert, weil ihr keine Freunde mehr wart, sondern … Nein, ich wollte jetzt nicht Deine vergangene Beziehung analysieren. Aber ich wollte Dich nur mal auf dieses “Freundesein” aufmerksam machen, ohne das eine Beziehung auch nicht funktionieren kann. Jaja, ich höre Dich gerade, dasß Liebe (dazu gehört der Sex ja dazu – warum hattest Du dann sowenig Sex mit G.?) und Freundschaft etwas vollkommen Unterschiedliches sind. Und das eine funktioniert nur mit Sex und das andere funktioniert nur ohne Sex. Du weißt, daß ich da ganz anderer Meinung bin und auch schon andere Erfahrungen gemacht habe.
Es wird wohl Zeit, daß wir uns bald einmal wieder sehen, einen Kaffee oder drei Flaschen Cremelikör zusammen trinken. Dann können wir das alles direkt miteinander bequatschen und betratschen – so wie immer. Und miteinander schweigen über die Ungerechtigkeit der Menschen und der Welt.
Was hältst Du denn davon, mich in zwei oder drei Wochen zu besuchen? Schlafplatz und alles andere kennst Du. Und daß ich mich auf Dich freue, weißt Du auch.
Und bis dahin ist aus all den geschilderten Katastrophen bei Dir wieder normales Leben geworden
Ich umarme Dich und warte jetzt auf Deinen Antwortbrief.
Annagret
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 27. Oktober 2013 war der ungeplante Nachmittag mit netten Begegnungen.
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was drei sätze so alles auslösen können!
eine schöne briefgeschichte – ob es dazu eine fortsetzung geben wird?
Ach, ich habe einen ganzen Briefnachlaß, mehrere Kisten voll, in einem Winkel meines Hirns gefunden. Mal sehen, wieviele davon lesbar sind / werden.
Aber Magglingen, das muß doch garnicht sooo weit weg von Dir sein. Steht die Sportschule noch? 😉