Was ich nicht hören wollte (#275)

Neben mir flüstert eine Frau.

To get a Google translation use this link.

Wie ruhig war es doch früher, als diese Mobiltelefone noch nicht erfunden waren. Könnte es so erlebt worden sein? Ist es für eine erfundene Szene real genug?

 

 
Neben mir flüstert eine Frau.

“Wie? Nein, nein so geht das nicht. Du kannst so nicht …”
“Pfff.”
“Äh …”
“Naaaaheeeiiin. Sag ich doch.”
“So geht das nicht! So nicht!”

Die Frau mit dem Mobiltelefon – Typ höhere Bankangestellte: dunkler Hosenanzug, sorgfältig geschminkt und frisiert, ausgesprochen edles Parfüm und irgendwie nicht hierher passend – verdreht die Augen, zieht Grimassen und hört sichtlich uninteressiert ihrem Telefon zu.

“Aber das habe ich Dir doch gerade gesagt.”
“Nein, Du mußt – aber das weißt Du doch?!”
“Sag mal, hörst Du mir eigentlich zu?”

Wieder genervtes Augenverdrehen. Ich glaube, sie wippt sogar ungeduldig mit dem Fuß.

Und dann schließt sie das Gespräch ganz klassisch ab und wird dabei nur ein klein wenig lauter.

“Nein, jetzt reichts. Ich muß sowieso aussteigen.”
“Was ich zu sagen hatte, hab ich gesagt.”
“Nein, heute nicht mehr.”


“Weißt Du was?”

Wütend sah sie mittlerweile aus, mühsam nur beherrschte sie sich noch. Und doch war sie ganz leise geblieben am Telefon …

“Mach doch, was Du willst. Aber laß mich damit in Ruhe.”
“Hallooooooo?!?”
“Nee. Echt! Leck mich doch einfach kreuzweise!”

Abrupt legt sie auf mit dem letzten Hauch des kreuzweise. Und an der nächsten Haltestelle stieg die Frau kopfschüttelnd, leise vor sich hinschimpfend aus der Straßenbahn.

 

 

Ruhiger wäre unser Leben wieder. Viel ruhiger.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 30. September 2012 waren ein völlig unerwarteter Anruf und ein Ausflug zum Hauptbahnhof.

© 2012 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

275 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 330 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Geschriebenes, One Post a Day, postaday2012 #oneaday abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

22 Kommentare zu Was ich nicht hören wollte (#275)

  1. Himmelhoch sagt:

    Ich würde sie nur ganz selten vermissen – ich bin ganz typische Festnetztelefoniererin, das andere ist mir zu teuer.

  2. piri ulbrich sagt:

    Früher war alles besser? Gell? Beziehungsstress gab es früher auch, vielleicht nicht ganz so öffentlich…

    • nextkabinett sagt:

      Stimmt, liebe piri ulbrich. Den Verlust der Privatheit sehe ich auch als das eigentliche Problem an …

    • Der Emil sagt:

      Ach nein, nicht alles war besser. Aber vieles lief weniger hektisch und getrieben. Vieles wurde nicht in der Öffentlichkeit besprochen – was heute aber (leider) mit den Mobiltelefonen üblich ist …

      Hier habe ich ja aus mehreren Erlebnissen abstrahiert, dann wieder Einzelheiten dazugetan, um (wieder) einmal zu testen, ob Realität – zumindest ein von vielen für möglich gehaltenes Erleben – auf diese Art „erschaffen“ werden kann.

  3. Frau Blau sagt:

    da ist man doch versucht zu sagen: bestell mal einen lieben Gruß 😉
    nein, ich möchte auch nicht immer etwas über das Leben anderer mitkriegen, aber das ist in U- und Straßenbahnen/Zügen mittlerweile gar nicht mehr so einfach, wenn die Nebenfrau/der Nebenmann eben telefoniert… was ich aber wirklich immer wieder seltsam finde ist, wenn ich im Wald spaziere und selbst dort noch telefonierende Menschen treffe…
    ich hab ein Handy, aber nur für unterwegs und meist ist es dann nur eine SMS, die ich versende, weil es eben doch ziemlich teuer ist, so ein Ding

    herzlichst
    Frau Blau, die dir einen guten Start in diese neue Woche wünscht!

  4. Gudrun sagt:

    Warum fühlen Leute sich immer unbeobachtet, wenn sie das Handy am Ohr haben? 😀

  5. gnbkpolis sagt:

    Ob die(se) Welt ruhiger wäre, wenn sie vom [für mich] Laster der Mobiltelefone befreit wäre, wir wissen es leider nicht; wir können es vermutlich nicht mal erahnen, da wir derart viele Möglichkeiten der Ablenkung, der Erzeugung von Kommunikation haben, dass es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr ankäme.

    Dass sich viele Telefonierer als unbeobachtet sehen würden bzw. denken, sie wären im Moment ihrer Kommunikation allein auf einem bestimmten Areal, ist sicher meist zutreffend. Nerven tut es mich aber eigentlich nur, wenn ich selbst etwas Bestimmtes mache, was eher einer Ruhe bedarf. Es gibt sogar Situationen, in denen ich es mag, anderen zu lauschen. Aber nicht, weil ich so neugierig wäre, oder die Gespräche solch bahnbrechende Inhalte offenbarten, sondern weil z.B. die STIMME so wunderbar schnodderig ist, oder schöne Dialekte im Timbre trägt, oder einfach nur, weil sie sinnlich ist. Schöne Stimmen sind höchst selten …

    • Der Emil sagt:

      Es sind viele überflüssige („Ich bin grad da-und-dort und in vier Minuten wie vorhin ausgemacht bei Dir.“) oder mir allzu privat erscheinende („Bei meinem Vater/Bruder/Kumpel wurde *Krankheit* festgestellt [mit folgender ausführlicher Schilderung der Symptome / Behandlungsschritte / Lebenserwartung].“ „Ich habe meinen Kerl / Mann bei … erwischt, der kann sich warm anziehn.“ usw.) Telefonate, die in teilweise überfüllten Bahnen zu laut und oder in Fremdsprachen (dann besonders gern überlaut) geführt werden, manchmal noch per eingeschaltetem Lautsprecher …

      Aber meine Absicht mit diesem Text war ja eine ganz andere …

  6. Ken Takel sagt:

    Don’t speak unless you can improve the silence…

  7. sowas kann doch auch ganz amüsant sein 😉

    Lieben Gruss
    sonja

  8. wildgans sagt:

    Es gibt Orte ohne.
    Darüber fliegt aber plötzlich ein Airbus- eventuell.
    Oder ein Eichelhäher kreischt.
    Gänzlich Ruhe vielleicht in diesen überdimensionalen Eierkartons!?
    Gruß von Sonja

  9. Frau Momo sagt:

    Wie haben wir nur früher ohne diese Dinger überlebt 🙂 Ich mag es auch nicht, wenn ich ungefragt Zeugin von Beziehungsstreß werde und ich muß auch nicht hören „Du, ich wollte nur sagen, ich bin gleich da“ oder ähnlich wichtige Mitteilungen. Im Moment ist mein Handy mein telefonischer Draht zur Außenwelt, weil wir noch kein Festnetz haben, aber ansonsten wird es auch kaum benutzt.

    • Der Emil sagt:

      Ja, wie konnte sich die Menschheit nur ohne Mobiltelefon und Fakebock über Jahrhunderttausende so erfolgreich vermehren?

      Die Kommunikationskultur hat meiner Meinung nach ganz heftig gelitten.

  10. Elvira sagt:

    Ich bin immer versucht zu bitten den Lautsprecher anzustellen, damit ich den gesamten Dialog mitbekomme 😉 Vielleicht sollte ich das mal tun? Und die Reaktionen notieren? Auf der anderen Seite ist so ein halbes Gespräch doch sehr anregend für die Phantasie, oder? Was wäre, wenn zwei Mobilfonierer ihe Mobiltelefone aneinander halten? Würden die am anderen Ende das merken?

  11. Inch sagt:

    Ich würde das Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmittel und in Läden, ganz besonders an der Kasse, gern verbieten. Einfach so aus Eigeninteresse und weil ich finde, dass eine Verkäuferin, auch ein Kassiererin, den Respekt des Kunden verdient hat.

  12. Anna-Lena sagt:

    Ein Grund, warum ich selten mit den Öffentlichen fahre, ist das Dauertelefonieren anderer Leute und das Gesabbere, das ich mir zwangsläufig mit anhören muss und nicht will 😯 .

  13. anthepa sagt:

    Besonders verwirrend snde ja die, die sich ihre Freisprechanlage an die Jacke geklemmt haben, die Ohrstöpsel drinne und dann labern und labern und laufen und der Ahnunglose Passant denkt: was führt die bloß für Selbstgespräche ?? Wobei ich das nicht ganz kapiert habe, aber irgendwie so scheint das ja zu funktionieren, mit dem Knopf an der Jacke.

  14. ullli23 sagt:

    Ohne Handy wäre es wohl kaum so ruhig abgelaufen. Die Frau hätte nämlich ziemlich laut schreien müssen, dass der andere sie überhaupt hört… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert