Der kleine Traumtransporter.
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Im Sommermittag gehen wir in das Wäldchen hinterm Garten, durch das ein munterer Bach mit kühlem, klaren Wasser tollt. Wir liegen in der wärmenden Sonne und lassen uns auf der kleinen Lichtung streifenlos bräunen. Das Gespräch springt von einem zum nächsten Gegenstand. Längst sitze ich schnitzend neben Dir, und aus dem Stück Kiefernrinde in meiner Hand wird ein kleines Boot. Würde ein kleines Boot werden, wären meine Augen nicht immer wieder von Deinem Anblick abgelenkt. Wir erzählen uns von den geheimen Träumen, die wir haben, und von der Unmöglichkeit ihrer Erfüllung. Denn als Freunde sprechen wir zwar darüber, doch erfüllen können wir sie einander nicht, ohne diese Freundschaft zu gefährden. Ich schaffe es schließlich doch, zwei dünne Hölzchen als Masten in das fertiggewordene Schifflein zu stecken; Du holst zwei Blätter von einem Strauch, die als Segel dienen sollen.
Wir lassen die Decke und alles andere liegen und gehen nackt, wie wir sind, hinüber zum Bach. Du flüsterst dem Rindenschiffchen einen Traum in das eine Segel, ich einen in das andere. Wir setzen es zu zweit hinter einem Stein aus und lassen es über Sand und Gras und Äste und Moos im Wasser davonhüpfen, gehen ein Weilchen nebenher. Händchenhaltend. Als es irgendwann aus unserem Blickfeld verschwindet, kehren wir auf die Lichtung, in die Sonne zurück. Und Du beginnst, ausgestreckt auf dem Rücken liegend, mir den mitgeschickten Traum zu erzählen. Dabei gleiten Deine Hände über Dich, ich kann nur danebensitzen und den Anblick – mich mühsam beherrschend – genießen. Ich bemerke, daß Du gerade in die erträumte Szene eintauchst, sie miterlebst, sehe deutlich, daß Du sie auf ihr Ende hintreibst mit flinken Fingern, die sich weniger zart und immer fordernder bewegen. Du sprichst nicht mehr, atmest nur noch, hältst die Luft an. Plötzlich wirst Du laut, setzt Dich auf, ohne das Spiel Deiner Hand zu unterbrechen. Und läßt mich diesen Moment in Deinen erstaunten, sehnsüchtigen, feuchten, unergründlichen Augen miterleben.
Wir liegen Arm in Arm, einander festhaltend, in der Sonne. Du zitterst noch leicht, als ich Dir zuflüstere, daß mein per Schiff verschickter Traum soeben in Erfüllung ging. Mit einem verschwitzten Lächeln fragst Du nach Revanche, schließlich sei das unter so guten Freunden so üblich.
Verzeiht mir, aber heute wiederhole ich mich. Denn dieser Text vom 7. April 2017 ist einer, den ich noch immer für einen von meinen besser gelungenen halte. Allerdings verlinke ich hier zum umgezognen Artikel und nicht mehr zur .com-Ursprungsadresse.
Erinnerung des Tages:
Eines der letzten größeren von mir besuchten Konzerten war in Leipzig im Clarapark: Melissa Etheridge gastierte dort 2015, vor zehn Jahren.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 8. April 2025 war ich zufrieden mit meinem Mut zur Wiederholung, mit guter Sülze, mit dem ausgelesenen Suter-Buch (Die Zeit, die Zeit).
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

