345 im #Advent 2023 – Die 11. Tür


Auch im Winter war der Lehrling dienstlich unterwegs.

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Das ist der 14. Adventskalender hier. Ich widme ihn allen, die krank sind oder Unterstüt­zung benötigen, und allen, die einsam oder allein sind. Möge allen Menschen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen wieder für Menschen und Tiere, die Hoffnung und Trost brauchen.

 

 

„Ach, der Schnee. Ja, der Schnee fehlt mir, ohne den ist doch kein Winter. Früher …”

So beginnen viele seiner Erzählungen über die Advents- und Weihnachtszeit. Ich höre ihm gerne zu, wenn er spricht, denn er kann wirklich gut erzählen. Manche seiner Geschichten (nicht nur die zur Weihnachtszeit) klingen fast wie Märchen, andere brachten mich den Tränen sehr nahe. Wenn es ihm besonders gut geht, erzählt er auch „auf Wunsch” das, was man hören möchte. Dies hier ist eines seiner Erlebnisse, über das ich mir schon mehrfach berichten ließ:

Ach, der Schnee. Ja, der Schnee fehlt mir, ohne den ist doch kein Winter. Früher … Weißt Du, ich war damals noch Lehrling beim Tischler in Sosa, gleich da beim Rathaus. Ach, den gibt's schon lange nicht mehr. Jedenfalls: Es muß nach dem dritten Advent gewesen sein, jaja, gleich am Montag, da hieß mich der Meister einen kleinen Tisch abholen in Steinbach. Zur Reparatur, ja, damals wurde ja noch repariert. Nach Steinbach waren es im Sommer knapp zwei Stunden zu Fuß, immer durch den Wald. Menschenleere Gegend, nur die Riesenberger Häuser liegen da am Weg. Ich erinnere mich, an dem Tag lag Schnee, das kann fast ein halber Meter gewesen sein. Und man darf ja nicht vergessen, damals gab es keine Autos, naja, fast keine. Also gingen die Menschen zu Fuß.

Ich zog – es war noch nicht richtig hell – mit einem recht großen Hörnerschlitten los. Die Filzstiefel von meinem Großvater hatte ich an den Füßen. Die waren mir etwas zu groß und deshalb vorne mit Zeitungspapier ausgestopft. Im Dorf brannte Licht in den Häusern, auf der Straße war keiner unterwegs. Nur ein paar Spuren von Schulkindern und Leuten, die wie ich früh zur Arbeit gegangen waren, sah ich im Schnee. Bergauf ging es in Richtung Talsperre. Jaja, die war in dem Jahr fertiggeworden, also 1952, und der Weg ging immer bergauf. Nirgends hatte so früh schon jemand den Schnee weg­ge­scho­ben, ich mußte den Schlitten durch fast knietiefen Neuschnee bergauf ziehen. Hinter der Abzweigung zur Talsperre ging es in den Wald. Du kannst dir nicht vorstellen, wie still das im verschneiten Wald war. Es gab nichts als Schnee, Bäume und mich mit dem Schlitten. Immer bergauf. Nach der steilsten Stelle war ich zum Sonnenaufgang an den Riesenberger Häusern. Dort rauchten die Schornsteine, es roch nach verbranntem Holz. In jedem der drei Häuser war Licht zu sehen, aber keiner der Menschen war draußen. Eine Weile weiter macht die Straße, die damals nichts weiter als ein Waldweg der besseren Art war, eine große Kurve nach rechts – und von da an geht der Weg wieder bergab. Wenn der Schnee halbwegs geräumt oder wenigstens nicht immer wieder knietief und verweht gewesen wäre: Nichts wie drauf auf den Schlitten und hinuntergefahren nach Steinbach! Aber außer ein paar Rehen war nach dem Wochendene noch nichts und niemand hier oben gewesen. Ich mußte den Schlitten auch bergab ziehen.

Langsam wurden die Beine schwer, und ich war erleichtert, als ich die Rauchfahnen von Steinbach sah, die dünn in der Luft über dem Schnee standen. Der Weg zog sich aber noch, ich kannte ihn ja. Als ich endlich bei den Leuten klopfte, deren Tisch ich zur Reparatur abholen sollte, hatte ich für den Weg über drei Stunden gebraucht. Der Hausherr brachte das in eine Decke gewickelte Möbelstück heraus, ich hab' es auf dem Schlitten festgebunden. Dann bat er mich in die Küche, ich sollte mich doch etwas aufwärmen. Ich bekam auch eine Tasse Zichorienkaffee und eine Speckfettbemme. Viel Zeit ließ ich mir dafür nicht, zog mich wieder an, verabschiedete mich artig und machte mich auf den Rückweg.

Der Schlitten war nicht viel schwerer geworden, der Tisch war ja nur ein Tischchen. Doch noch immer waren meine Spuren die einzigen auf dem Weg. In denen ging es sich zwar etwas besser als im unberührten tiefen Schnee, aber es ging sich bergauf ein wenig leichter. Nach der langen Kurve wieder bergab hinunter nach Sosa. Da oben war der Schnee wie auf dem Hinweg überall noch immer viel zu tief, um mich auf den Schlitten zu setzen und einfach bis ins Dorf hinunterzufahren. Auch jetzt um die Mittagszeit herum war es mitten im Wald still, das lauteste Geräusch war mein Atmen. Der Weg zog sich hin, und ich war froh, als ich wieder an den Riesenberger Häusern war. In den Gärten und zur Straße hin waren schmale Pfade geschoben. Niemand aber hatte den Waldweg, die Straße vom Schnee befreit. Selbst auf dem steilsten Stück wollte keine Schlittenfahrt gelingen, doch der Schlitten folgte mir wenigstens wie von allein. Womit ich mir die Zeit vertrieben habe, willst Du wissen? Naja, da gab es nicht viel anderes als die Landschaft, den Schnee und die Bäume zu betrachten, die frische Luft zu genießen. Singen hätte ich können, aber damit hätte ich wahrscheinlich nur die Tiere erschreckt. Nun, ich freute mich über die Ruhe und die gute Luft und die Stille im Wald, so gut ich das eben konnte. Denn Zeit zum Bummeln war nicht, ich mußte ja zurück in die Werkstatt zum Tischlermeister.

Bis zur Zufahrt zur Talsperre war am Vormittag die Straße vom Schnee geräumt worden. Das letzte Stück saß ich auf und sauste mit auf dem Hörnerschlitten hinunter durchs Dorf. Ach was, gestreut war da nicht! An Salz oder Splitt auf der Straße war nicht zu denken. Nur auf dem Fußsteig streuten die Leute mit Asche. Nach der letzten, steilen Kurve, die ich ohne umzu­fal­len schaffte, stand ich vor unserer Tischlerei. Der Meister hatte mich kommen sehen und kam aus der Werkstatt. Er nahm den zu reparierenden Tisch, das Tischchen, und ich brachte Decke und Schlitten hinein.

Drinnen zog ich Wattejacke und -hose aus, auch meinen gestrickten dicken Pullover, und fuhr mit den Füßen in ein Paar Holzpantoffel. Die Filzstiefel stellte ich neben den gußeisernen Werkstattofen, in dem Holzreste und Späne brannten. Ja, das machte es warm in der Werkstatt. Heute wär das undenkbar, ein echter Ofen in der Tischlereiwerkstatt zwischen all dem Holz, aber damals! Denk doch mal, 1952, da waren die Leute noch normal. Für dieses Wetter wäre ich sehr schnell gewesen, sagte mir der Meister. Und dann durfte ich mich neben ihn setzen und er gab mir warmes Bier. Eine ganze Flasche Bier! Mit dem sollte ich die Kälte auch von innen bekämpfen, meinte er. Außerdem sei warmes Bier sehr gut gegen die Erkältung. Das war das erste Bier, daß ich als Lehrling vom meinem alten Meister bekam, das erste.

Aber damals gab es im Winter ja auch noch Schnee, richtigen Schnee, viel Schnee, und viel weniger von der modernen Hektik. Der Schnee fehlt mir, ohne den ist doch nicht Winter wie damals …

 

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 

Am 10. Dezember 2023 war ich zufrieden mit dem langen Mittagsschlaf, mit dem Stollen am Nachmittag, mit Geschriebenem.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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6 Kommentare zu 345 im #Advent 2023 – Die 11. Tür

  1. piri sagt:

    Klingt auch schon wie ein Märchen, aber auch ein bisschen Zeitgeschichte, die auch ich nicht mehr kennengelernt habe. Du bist ein guter Erzähler, packend und genau.
    Einen guten Start in die nächste Adventswoche und liebe Grüße.

    • Der Emil sagt:

      Vielen Dank für das Lob.

      Nun, die Gegend und die Gegebenheiten dort kenne ich sehr gut – und den Erzählungen der Alten hab ich gern zugehört …

  2. Nati sagt:

    Vielen Dank für diese sehr schöne Geschichte Emil.

  3. Gudrun sagt:

    Die Geschichte hat mir sehr gefallen, lieber Emil. Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße

  4. Flusskiesel sagt:

    Vielen Dank für diese schöne Geschichte. Die tut meinem Herzen gerade sehr gut.

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