2023/054 – Weitab


Stilleben, alt, mit imaginierbaren Geräuschen.

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Da sitzt einer vor dem alten Schuppen auf einem Stück Baum­stamm, das vielleicht einmal der Hackklotz war. Die Bretter des windschiefen Baus sind mittlerweile rissig, die Nagelköpfe liegen manchmal etwas frei und sind sehr rostig. Holzschutz hieß, als das Gebäude zusammengezimmert wurde: Streichen mit Altöl, jedenfalls sieht es danach aus. Das sollte gegen Nässeschäden und Freßschädlinge helfen und hat bei diesem Schuppen sichtlich funktioniert. Das Dach ist mit Holzschindeln gedeckt, die mit der Zeit ebenso dunkel wurden wie die Wände. Die acht kleinen Scheiben des einzigen Fensters sind blind geworden, aber nicht zerschlagen. Wer danach schaut, erkennt den zerbröselten Fenster­kitt an der Innenseite gerade noch so. Wäre der Wind heftiger, könnte das Ächzen und Knarren des Schup­pens nur schwer das Klappern der Dach­schin­deln übertönen. Die an drei eisernen Bändern hängende Tür mit der altertümlichen Klinke ist verschlossen, wie er weiß. Aber er hofft, daß das Schloß noch gängig ist, sich öffnen läßt.

Um hierherzukommen, mußte der jetzt hier Sitzende gegen geltendes Gesetz verstoßen. Denn dieser Schuppen steht auf einer großen Lichtung weit abseits aller Wege durch das Natur­schutz­gebiet. Als der Wald ringsum noch seinem Urgroßvater gehörte, war es Nutzwald, Mischwald, wie er es auch jetzt noch ist. Als alter Mischwald, der von den Menschen nie wesent­lich umgestaltet wurde, ist er heutzutage besonders schutzwürdig. Das ist ja einzusehen. Aber warum soll er nicht mehr zu diesem Schuppen gehen dürfen? Dort an der linken Seite, wo jetzt dieses große, rostige Blech auf die Bretter genagelt ist, war früher die Durchführung für das Ofenrohr. Jawohl, in dem Schuppen stand ein Allesfresser; auch der Großvater nannte diesen runden Eisenofen so. Niemand weiß, wie oft sich seine Vorfahren bei den winterlichen Arbeiten im Wald im Schuppen am Ofen wärmten. Hinter einer Werkzeugkiste in einem der Regale sollen auch immer ein oder zwei Flaschen Selbst­ge­brann­ter zu finden gewesen sein, wie der Opa früher oft genug erzählte.

Jetzt sitz ein weißhaariger Mann auf dem alten Hackstock. Er sieht den noch älteren Schuppen an, das alte, verwitterte Holz, die Fensterscheiben zwischen den unlackierten Leisten. Die linke Hand spielt mit einem altertümlichen, eisernen Schlüssel in der Jackentasche. Ob er heute versucht, diese Tür in seine Vergangenheit zu öffnen? Nein, auch heute nicht. Denn er hat Angst, daß ihn das Innere dieses Schuppens enttäuschen wird. Besser: daß er sich über das Innere dieses Schuppens jahrelang getäuscht hat. Und so steht er auf, bricht wieder das Gesetzt, indem er im Naturschutzgebiet abseits aller Wege geht und kehrt zur Pension zurück. Die Hälfte seiner Zeit hier auf dem Gebirgskamm ist bereits vorüber. Wenn – wenn! – er wirklich noch hineingehen will in den uralten, von seinem Urgroßvater oder gar schon von dessen Vater zusammen­ge­zim­merten Schuppen, dann bleiben dazu noch sechs Tage. Ab morgen schon wird er jedenfalls nicht nur den Schlüssel und Wasser mitnehmen, wenn er wieder zu seinem weitab gele­ge­nen Ziel geht, sondern auch seinen Fotoapparat. Denn jetzt hat er genügend Bilder des windschiefen Häuschens in seinem Kopf, die ihm die Fotos nicht mehr nehmen können. Hoffentlich wurde im Inneren nicht alles von Vandalen kaputtgemacht. Ach ja, eine Sprüdose von diesem Wunder­schmier­mittel hat er sich schon an einer Tankstelle in der Umgebung besorgt, die wird er auch mitnehmen, morgen.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 23. Februar 2023 war ich zufrieden mit der eigenen Schreibe, dem Fortschritt beim Buchstabenüben, der selbsgemachten Zwiebelsuppe.

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Über Der Emil

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4 Kommentare zu 2023/054 – Weitab

  1. Gudrun Ebert sagt:

    Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Und du hast alles so bildhaft beschrieben, dass ich jetzt eigene Bilder im Kopf habe. Ich weiß nicht, ob ein Foto das auch kann?
    Verrätst du uns, ob die Person den Schuppen noch aufgeschlossen hat?

  2. C Stern sagt:

    Wiederum eine Geschichte, bei der auf wundersame Weise lebendige Bilder entstehen!
    Es ist eine Gabe, so formulieren zu können.
    Liebe Grüße!

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