2023/007 – Öffnung


Da spricht jemand mit sich selbst und handelt danach.

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's ist nicht viel zu tun, echt nicht viel zu tun. Die Liste ist nicht sehr lang; was darauf steht, ist in weniger als einer Woche zu schaffen. Als erstes schneide ich die Hecke und dünne sie sogar aus. Ich brauche dieses Monstrum von mehr als zwei Metern Höhe nicht mehr. Außerdem haben die lange vernach­lässigten Pflanzen im Vorgarten jetzt mehr Licht – und ziemlich wahrscheinlich werden deswegen auch die Erdbeeren mehr Früchte tragen als in den letzten Jahren. Und jetzt, wo das erledigt ist, öffne ich auch die Rolläden wieder, die vor den Fenstern zur Straße hinaus lange Zeit geschlossen waren. Rolläden … Deren Vorgänger waren die Fensterläden, die auf- und zugeklappt wurden. Die mußte man ja irgendwie davon abhalten, vom Wind zugeschlagen zu werden. Das war, denke ich, manchmal ziemlich schwierig. Da sind die heute üblichen Rolläden, die einfach in einem Kasten verschwinden, wirklich viel einfacher zu handhaben. Jetzt werde ich wohl einiges an Energie sparen, weil ich nicht den ganzen Tag lang elektrische Beleuchtung benötige.

Und wenn jetzt schon die Rolläden offen sind, kann ich auch die Übergardinen öffnen. Kennt die eigentlich außer mir noch jemand? Früher wurden die ja nicht ohne Grund Verdunk­lungs­vorhänge genannt. Wenn ich an meine letzten Wege durch die Siedlung denke, dann kann ich mich kaum daran erinnern, daß noch echte Übergardinen in den Wohnungen hingen. Puh. Ist das jetzt hell hier drin. Ganz ohne eine einzige eingeschaltete Lampe. War das früher auch so, bevor ich mich komplett ind die Nacht, in die Dunkelheit zurückzog? Ehe ich aus der Sied­lung und allem verschwand? Ich kann mich nach den vielen Jahren kaum noch daran erinnern. Aber es muß wohl genauso hell gewesen sein hier drinnen, ohne die überhohe Hecke, ohne Übergardine. Denn die Sonne ist bestimmt nicht heller geworden in dieser Teit.

Jetzt bin ich einmal dabei. Warum nicht all den vermeintlichen Schutz … Wozu hatte ich die Stores vors Fenster gehängt? Na? Damit wollte ich verhindern, daß jemand von draußen in meine Wohnung sehen könnte, vielleicht sogar mich sehen und beob­achten könnte. Also weg damit, weg weg weg. Es ist jetzt fast wie … wie im Mittelalter, lange vor der Erfingung all dieser Dinge, die den Einblick in das Innere von Räumen verhindern sollten. Wobei die Fenster ja früher auch viel, viel kleiner waren als die hier im Haus. Aber jetzt habe ich freien Blick nach draußen, kann sogar über meine sehr weit gestutzte Hecke auf die Straße sehen. Wieviele Jahre tat ich das jetzt nicht? Nun, ich war wohl lange genug außerhalb der Welt.

Den Schreibtisch, den kann ich ja jetzt ans Fenster stellen. Das ist schnell gemacht, nur mal das wenige Zeug kurz aufs Sofa, rüberschieben und dann alles wieder drauf, dahin, wo es hingehört. Ob mich der Blick hinaus, die freie Sicht von meiner Arbeit abhalten wird? Moment. Das versuche ich gleich. Ja, ein wenig irritiert bin ich von den irritierten Blicken der Vorüber­gehenden. Ich bin mir nicht ganz sicher, wer sonderbarer drein­schaut. Denn da sind die Alteingesessenen, die dieses Haus noch kennen und sich darüber wundern, daß es jetzt wieder sichtbar ist. Und da sind die anderen, die ich nicht kenne und die wohl noch nie sahen, was hinter der Hecke verborgen war bisher. Oder ob ich der am dämlichsten sich Um­schauende bin. Und obwohl ich hin und wieder hinaus­sehe und kurz ins Licht blinzele, schaffe ich es zu zeichnen.

Ich setze auch all meine Masken ab. Nun sind nicht nur das Haus und sein Inneres, jetzt bin auch ich wieder sichtbar – und ich will es bleiben fürderhin.

 

 

(Das geistert schon länger hier herum. Ich wußte nie, ob es als Text funk­tio­niert, weiß es auch jetzt noch nicht.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 7. Januar 2023 war ich zufrieden mit den aussortierten Büchern, mit Kartoffelbrei und gebratener Jagdwurst, mit meiner Angefaßtheit und Traurig­keit (ziemlich anlaßlos).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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12 Kommentare zu 2023/007 – Öffnung

  1. Stefan Kraus sagt:

    Funktioniert. Funktioniert gut.

  2. Verbalkanone sagt:

    Lieber Emil,
    dein Text funktioniert schon deswegen, weil er mich berührt und nachdenklich gemacht hat. Bitte bleib sichtbar, hörst du?!

    • Der Emil sagt:

      Danke.

      Naja, drei Jahre lang war ich mir seiner viel zu unsicher. Ich bin nicht der Protagonist — ich war ihm nur vor langer Zeit einmal ein wenig ähnlich …

  3. Lieber Emil, die Klappläden werden von den Männchen gegen den Wind verteidigt. Weil sie dabei aufrecht schauen wehren sie auch die Geister ab. Nachts, wenn die Läden zu sind, können sie sich ausruhen und hängen nach unten.

  4. Gudrun Ebert sagt:

    Ein berührender Text ist das und ich wünsche mir, dass meistens keine schweren Vorhänge die Sicht versperren. Diese Offenheit ist Freiheit und es ist schön, wenn man sie genießen kann.
    Grüße (noch) von nebenan

    • Der Emil sagt:

      Die Offenheit/Sichtbarkeit macht (gefühlt) wesentlich verletzlicher und daher oft ängstlich.

      (Was ich mich seit 2019 bei diesem Text immer frage: Was gab den Anstoß?)

      • Gudrun sagt:

        Ich hab da so etwas wie eine Ahnung, aber ich irre mich bestimmt.
        Ach, Emil, Verletzlichkeiten erleben wir bestimmt alle, aber ein dickes Fell hat wahrscheinlich nicht jeder.

        • Der Emil sagt:

          Ich weiß den Anstoß leider wirklich nicht. Der Text ist fiktiv, floß irgendwann heraus. (Hm. Vielleicht bin ich beim Schreiben ein multiples System, aber das glaube ich nicht. Es geht mir bei Texten oft so, daß ich nicht mehr weiß, als ich aufschreiben konnte, insofern bin ich kein typischer „Schriftsteller“.)

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