#Adventskalender 2021 (332): Die 1. Kerze

In unsrem Walde schimmert was.

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Das ist mein 12. Adventskalender, den ich all denen widme, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen. Möge uns allen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen insbesondere für Menschen (und Tiere), die Hoffnung und Trost brauchen.

 

 

Da war es wieder, dieses seltsame Schimmern. Es war lange nicht zu sehen. Wirklich, selbst um Mitternacht herum schlich ich hier einige Male durchs Unterholz und sah es nicht. Heute früh – ich konnte einmal mehr nicht schlafen in der Nacht – aber, so um Vier herum, hatte ich mich angezogen. Die Winterschuhe und sogar Handschuhe trug ich, denn es war kalt draußen. Eine Stirnlampe sorgte dafür, daß ich in stock­fin­sterer Nacht die Wege und die Trampelpfade im Stadtwald fand. So ging ich ein Weilchen bis zur Schonung, also zu dem Teil des Stadtwaldes, in dem die größten Bäume nur wenig größer sind als ich. Ich hörte etwas knacken, laut knacken zwischen den kleinen Fichten und schaltete die Lampe aus. Wieder bemerkte ich den sonderbaren Effekt, daß im Dunkeln alles lauter zu sein scheint als sonst. Mein Atem, das Rascheln von Zweigen, und da: auch das Knacken und Klappernvor mir. Und als sich meine Augen endlich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich es. Dieses unstete Schimmern mitten in der Schonung. Es war nicht grellweiß wie das flackernde Licht eines Schweißbogens und nicht wie der schwankende Schein einer Taschenlampe. Eher wie die blakende Flamme einer Petroleumlampe in leichter Zugluft. Ich beschloß, auf dem schmalen Weg links von mir vorsichtig in die Schonung hineinzugehen, um das Schimmern noch eine Weile zu beobachten und aus der Nähe dann vielleicht etwas mehr darüber herausfinden zu können.

Mit oder ohne Licht? Ich nahm meine Stirnlampe vom Kopf und verringerte ihre Helligkeit mit meinen Fingern. Ich hatte kaum Platz zwischen den Bäumchen, ständig streiften mich die benadelten Äste. Ab und zu blieb ich stehen, sah nach dem Schimmern. Es war noch da, da vorn, hinter den nächsten oder übernächsten Biegung vielleicht. Vorsichtig schlich ich weiter. Und dann, dann sah ich, was so unstet schon von fern zu sehen war. Was als Schimmer mich hierherlockte. Eine alter­tümlich aussehende Laterne, in der eine dicke Kerze brannte, und nur eine Seite der Laterne war gläsern und ließ das Licht heraus. Auf einem Baumstubben stand sie, am Rande einer Lichtung. Wenn dieser Platz, auf dem vielleicht sechs bis zehn der Bäumchen fehlten, schon Lichtung genannt werden konnte. Und eine Person stand daneben, die aus einem großen Rucksack etwas auf diese Lichtung warf. Ich räusperte mich leise, doch mir wurde gesagt, ich sei nicht zu überhören gewesen und schon erwartet worden. Ja, hörte ich dann, noch war kein Frost, aber die Fütterzeit für die Tiere im Stadtwald würde sowieso bald beginnen, mit dem ersten Schnee. Und sie wollte schonmal dafür sorgen, daß sich Hasen und Rehe, Vögel und Mäuse an den Futterplatz gewöhnen. Deshalb gehe sie wie in jedem Jahr ab einer Woche vor dem ersten Advent so ein- bis zweimal pro Woche noch in der Nacht hierher und verteilte Brot und Äpfel und Körner.

Meine erste Neugier war befriedigt. Außerdem wußte ich jetzt, wie das unstete Schimmern entstand. Aber warum nahm sie keine Taschen- oder Stirnlampe, sondern dieses altmodische Ding mit der Kerze drin? Nun, das machte sie schon seit Jahren so. Im Gegensatz zum grellen Kunstlicht verjage der flackernde Kerzenschein die Tiere nicht. Und nun sollte ich schweigen, stillstehen und keinen Laut von mir geben. Und um Himmels Willen die blöde Lampe nicht anschalten, dann … Es dauerte wirklich nur wenige Minuten, bis ein Kaninchen – oder ein Hase? – erschien und sich sofort über ein paar Apfelstücke hermachte. Das Licht der Kerze reichte gerade, um das Tier erkennen zu können. Da griff die Frau nach der Laterne, legte den Zeigefinger auf ihren Mund und ging voran in den Weg zwischen den Bäumchen. Ich eilte ihr nach. Außerhalb der Schonung setze sie ihren Rucksack auf. Sie sei jetzt jeden Sonntag hier im Wald, und wenn ich auch etwas mitbrächte, das als Futter geeignet sei, könne ich ruhig wieder einmal vorbeischauen. Ich würde ja bestimmt sehen, wenn sie mit der Laterne unterwegs sei. Da wünschte sie mir noch einen schönen Ersten Advent und verschwand geschwind im Dunklen zwischen den Bäumen.

Ach ja. Richtig. Es war ja auch heute früh schon Erster Advent.

 

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das im Dezember täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand21 tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

P.S.: Das Positive von gestern gab es ja schon gestern zu lesen.
 
Die Tageskarte für heute ist die Königin der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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8 Kommentare zu #Adventskalender 2021 (332): Die 1. Kerze

  1. Nati sagt:

    Einen schönen ersten Advent wünsche ich dir Emil.

  2. piri sagt:

    Da freue ich mich sehr auf den Advent!

  3. Gudrun sagt:

    Eine schöne Geschichte ist das, eine die Hoffnung macht.
    Ich wünsche dir einen schönen ersten Advent.

  4. Pit sagt:

    Eine schoene und friedvolle Adventszeit wuensche ich Dir, lieber Emil.

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