2021,009: Heuschober

Ein Krug befördert die Romantik.

To get a Google translation use this link.

 

 

Die Erde hier auf der Wiese ist noch warm. Nach einem sonnigen Nachmittag steigt nun die Dämmerung über dem Heuschober in die Höhe. Von ein paar Scheiten steigen Funken kerzengerade zum Himmel hinauf. Niemand hier hat sich Gedanken darüber gemacht, daß das vielleicht gefährlich werden könnte. Ein großer Krug Wein wird herumgereicht. Nach langer Zeit sehe ich wieder einen, der auf die alte Art trinkt, der den Krug am Henkel faßt, ihn auf dem angewinkelten Arm ablegt und dann in langen Zügen trinkt. Das hätte ich ihm nicht zugetraut, ihm, der doch noch so jungenhaft aussieht. Als er absetzt, dankt er in einer fremden Sprache; ich glaube jedenfalls, daß er danke sagt, ich verstehe ihn ja nicht. Er reicht den Krug weiter. Und der nächste im Kreis um das Feuer Sitzende versucht vergeblich diese Art zu trinken und kann es nicht und macht es dann anders. Es wird noch eine Weile dauern, bis der Krug wieder bei mir ankommt. Und wahr­scheinlich ist er bis dahin längst leer. Doch das macht mir nichts aus. Ich befürchte, ich hatte mit den wenigen Schlucken vom schweren, süßen Rotwein genug.

Der Krug ist wieder bei mir angekommen, wie ich dachte, ist er leer. Nur einer scheint es zu bemerken. Der Jüngling erhebt sich, kommt herüber, nimmt mir den Krug ab und verschwindet in der Dunkelheit. Sein Fehlen fällt in der Runde ums Feuer nicht auf. Die Unterhaltungen gehen einfach weiter. Ich blicke durch die kleine Flamme auf den leeren Platz. Gedankenverloren. Eine Berührung an der Schulter holt mich in die Gegenwart zurück. Der Jüngling gibt mir den Krug sozusagen verkehrtherum in die Hand. Seine Hände sorgen dafür, daß das Gewicht des Weines auf meinem angewinkelten Arm zu liegen kommt. Ich drehe mein Gesicht nach rechts zur Öffnug des Gefäßes und langsam wird mein Ellenbogen von ihm angehoben. Die Lippen berühren das Steinzeug, der Jüngling läßt meinen Ellenbogen los. Der Krug ist schwer, sehr schwer, und doch liegt er sicher auf meinem Arm. Ich beginne zu trinken und in seinen Augen funkelt etwas, das ich noch nicht deuten kann.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 09.01.2021 waren positiv eine Honigsemmel zum Frühstück (normalerweise frühstücke ich nicht), das vorerst letzte gegessene Marzipanbrot, die Hoffnung auf weitere Ideen über die heute bereits festgehaltenen hinaus.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Vier der Kelche.

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2021, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

2 Kommentare zu 2021,009: Heuschober

  1. wildgans sagt:

    Ja, es braucht unbedingt weitere Ideen…
    Gruß von Sonja

  2. Stefan sagt:

    Wow…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert