2020-363 — Elf Punkte

Der weitere Text zum Beitrag vom 15.12.2020

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Ich hatte im 15. Türchen 2020 diese alte Geschichte von der Orchesterprobe gezeigt, zu der ich noch mehr versprochen hatte. Vielleicht lest ihr sie nochmal vor dem folgenden Text. Denn nun darf ich – und habe ich die Gelegenheit dazu – den Rest des GNBK-Textes nachzuliefern (den meiner Quelltextlage nach auch ich verfaßt hatte, aber eben exclusiv für diesen anderen Blog). Ich mußte ihn allerdings sanft ans Jahr 2020 anpassen.

 

 

So oder so ähnlich könnte es sich zutragen, wenn Weihnachtsengel aus verschiedenen Fertigungen zu einem Orchester zusammengesetzt werden sollen. Da gibt es nämlich kleine, feine Unterscheide. Es existieren mehrere (konkurrierende?) Traditionsbetriebe, die solche Figuren herstellen: in Schneeberg, in Seiffen, in Grünhainichen bei Chemnitz. Und hier geht es nicht um “China-Ware” …

Die berühmtesten Erzgebirgschen Weihnachtsengel sind wohl die der Firma “Wendt & Kühn” in Grünhainichen. Ganz charakteristisch für die­se sind grüne Flügel mit elf Punkten. Daneben gibt es andere Engel von anderen Firmen, die z. B. blaue Flügel mit sieben Punkten haben – doch die bleiben heute außen vor. Die grünflügeligen Elfpunkter haben seit einigen Jahren (zusammen mit den Blumenkindern aus demselben Werk) sogar einen eigenen Laden in New York. Früher, zu DDR-Zeiten, haben aber nicht einmal die Erzgebirger selbst einige oder gar genü­gend dieser Figuren kaufen können. Als Kind kannte Der Emil diese kleinen Kunstwerke nur aus dem Schneeberger Volkskunst­museum, das auch mit seinen Weihnachtsbergen und Schaubergwerken absolut sehenswert ist. Und bei einigen alten Leutchen saßen die Musikanten aus Holz das ganze Jahr über im Glasschrank in der guten Stube.

Die Firma Wendt & Kühn wurde 1915 von zwei Frauen(!) gegründet, die an der Dresdener Kunstgewerbeakademie studiert hatten. Zunächst wurden hauptsächlich Blumenkinder hergestellt. Grete Wendt und ihre Schwägerin Olly (geb. Sommer, eine Gestalterin aus Dresden) schufen dann 1923, also vor knapp 100 Jahren, die ersten musizierenden Weih­nachtsengel. Im Jahre 1937 wurde auf der Pariser Weltausstellung der “Wendt & Kühn”-Engelberg mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Lange Zeit waren zum Teil exklusiv für diesen Zweck hergestellte Figuren Teil der Weihnachtsgabe, die die Arbeiter und Angestellten in den Chemnitzer Wanderer-Werken erhielten (später zum VEB IFA Kombinat gehörend als Hersteller der Barkas B1000). Etwa 90% der hergestellten Figuren gelangten aus der DDR in den NSW-Export. Seit der Reprivatisierung 1990 floriert die Produktion wieder. Übrigens sind noch immer 90% der Herstellung reine Handarbeit …

Noch heute werden die Grünhainichener Figuren nach den Original­ent­würfen angefertigt und bemalt, die zum Teil über 100 Jahre alt sind. Und noch immer können die Erben der Firmengründerinnen aus den Unmengen an Entwürfen immer wieder neue, bisher nicht gefertigte Figuren auf den Markt bringen.

Am schönsten aber ist es, wenn zur Weihnachtszeit die musikalischen Weihnachtsengel von echten Kerzen beleuchtet werden und es im Schein der flackernden Flammen so aussieht, als würden die von der Langspielplatte ertönenden Weihnachtslieder von ihnen gespielt.

 

 

Ja, die Grünflügeligen mit elf Punkten. Die bei meiner Großtante ganzjährig in der Guten Stube im Schrank standen. Ich besitze keinen einzigen von ihnen, aber das ist nicht schlimm und nicht wichtig. Und ich habe mich auch nie an Diskussionen beteiligt, welche der unterschiedlichen Marken nun die erzgebirgischen Weihnachtsengel sind: Das sind nämlich alle, die im Erzgebirge hergestellt werden. Und ja, es tut mir in der Seele weh, wenn ich die nachgemachte “China-Ware” sehe …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Positiv waren am 28.12.2020 der ausgefüllte WBA, ein halbwegs repariertes Bett (nein, nicht meines) und eingestellte Schranktüren, ein Vertrauensbeweis.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Schwerter.

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Über Der Emil

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7 Antworten zu 2020-363 — Elf Punkte

  1. Nati sagt:

    Ich habe mir die Engel mal im Netz angesehen. 🙂
    Sehr hübsch anzusehen und erstaunlich klein mit 6 cm.

  2. Ich musste den 15. Dezember nicht nachlesen. Mein Schaf! Aber das ist erst am 6. Januar dran. Bis dahin bleibt es hübsch bei der Krippe. Deine Erwähnung des Weihnachtsbergs hat mich aber daran erinnert, dass ich vorgehabt hatte. kurz vor Weihnachten ins Museum Europäischer Kulturen zu gehen. Das war ja nun leider nix.
    https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/der-mechanische-weihnachtsberg-aus-dem-erzgebirge/

    • Der Emil sagt:

      (Du solltest ja auch schon eine Mail bekommen haben diesbezüglich …)

      Ah, das muß ich mir einmal näher ansehen!

      • Oha, ich hoffe, ich habe die Mail nicht gelöscht, zusammen mit den Blogbenachrichtigungen die ich meistens unbesehen lösche. Ich „arbeite“ Kommentare ja direkt hier ab. Jedenfalls danke ich Dir vielmals. 😀

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