2020-272 — Zuhause

Manche Dinge verändern sich nur, wenn sie sich nicht verändern.

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Jeden Abend zieht sie die Socken an, die Oma für sie strickte, damals, als sie gerade 17 Jahre alt war und nichts abwegiger fand als gestrickte Socken. Und wie oft Oma auch sagte, das sie gut wären gegen kalte Füße in der Nacht: Nein, die in ihren Augen gräßlichen Strickwerke blieben im Schrank. Und dann?

Als sie zum Studium in die andere Stadt zog, nahm sie die Omasocken mit. Sie verliebte sich, wurde enttäuscht, war traurig, lebensmüde und vermißte das Zuhause. Und eines kühlen Herbstabends hatte sie Eis­füße, die auch unter der Bettdecke nicht mehr warmwerden wollten. Das war die erste Nacht, für die sie die jetzt schon ein paar Jahre in ihren Schränken liegenden Socken anzog. Sie schlief erstaunlich gut. Und das Heimweh war auch nicht mehr so groß. Die Oma war wieder ganz nah. Das Zuhause auch. Nur kurz war sie über ihre eigene Hand­lung verwundert: Daß sie die Dinger bei ihrem Umzug mitgenom­men und nicht weggeworfen hatte. Seitdem trug sie die von Oma gestrickten Socken jede Nacht. Und wenn sie nach dem Waschen abends noch nicht wieder ganz trocken waren, dann griff sie zum Fön.

Viele Jahre später, die Omasocken waren schon ganz dünn geworden. Ihre Tochter war gerade 14 Jahre alt. Da lernte sie selbst das Stricken, diese völlig überflüssige, altmodische Handarbeit. Denn jetzt wollte sie sich selbst dieses wollige Stück Zuhause schaffen. Socken für die Nächte, für den ruhigeren Schlaf. Und sie lächelte dem Foto ihrer Oma zu, als das erste Paar endlich fertig war.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Positiv waren am 28.09.2020 die begonnene Schnittarbeit für die Magazinsendung, Königsberger Klopse mit Reis, eine Verabredung zum gemeinsamen Kochen (noch ohne konkreten Termin).
 
Die Tageskarte für morgen ist die Vier der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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11 Kommentare zu 2020-272 — Zuhause

  1. Nati sagt:

    Das erinnert mich an einen Satz den ich mal las: Oma hat immer recht. 🙂

  2. piri ulbrich sagt:

    Mit Socken ins Bett, da kriegst du Kösemauken! Das sagte meine Oma immer.

  3. Elvira sagt:

    Auch wenn es, wie ich es interpretiere, nicht primär um die Socken geht, greife ich das gerne auf. Offenbar leiden die meisten Frauen unter kalten Füßen, jedenfalls höre ich das von Männern nie. Auch ich litt darunter. Zwar trug ich nachts keine Stricksocken, sondern eher dünnere, aus Mohairwolle gewebte Bettsocken. Doch beinahe über Nacht hat sich das geändert. Seit ca drei, vier Jahren habe ich im Bett immer sehr warme Füße, so warm, dass ich sie meistens nicht zudecken muss. Zwar stecke ich sie kurzfristig unter die Bettdecke, wenn im Winter kalte Luft vom abgekippten Fenster über das Bett streift, aber ebenso schnell lugen sie wieder hervor.

    • Der Emil sagt:

      Angeblich ist das physiologisch so bedingt. Und egal, wie kalt meine kalten Füße sind, nach wenigen Minuten unter der Decke brauchen sie frische Luft. (Das geht ja nicht in jedem Schlafsack, aber bei meinem laß ich das Fußende offen.)

  4. Sofasophia sagt:

    Hach, wie schön. Grad gestern hab ich der Frau Lakritze das zweite paar selbstgestrickte Socken geschickt. Sie hat mir zwei Schals gewoben. So geht Seelenwärmen. ☺️

  5. sabeth47 sagt:

    Socken gegen Schals, mit Wärme beschenken! Solche schönen Stücke sind doch beseelt!

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