2020-232 — Manches Gedicht bedarf keiner Interpretation

Zumindest meine Interpretation bleibt heute ungeschrieben.

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Trennung
 

Ich trenne mich von meinen Freunden,
Die ihre eignen Wege gehn,
Ohne nach mir auch nur zu fragen.
Wieviele Jahre sind es? Zehn?
Da glaubte ich noch an die Dauer
Und schwor noch auf die Ewigkeit.
Ich sage das ganz ohne Trauer:
Unwiederholbar ist die Zeit
Und ist vergangen. Freunde wart ihr.
Jetzt seit ihr ferner mehr als weit.
Geht euren Weg! Doch eins bewahrt mir:
Dennoch: mir ist es um euch leid.
Man hat ja nicht so viele Freunde,
Daß man sie leicht aufgeben kann.
Und ist man über vierzig, fängt
Nur schwer ein neues Leben an.
Und Freunde finden, daß heißt leben.
Verliert man sie, so stirbt etwas.
Ich will euch diesen Tod vergeben.
Und ihr: sprecht von mir ohne Haß.
 

Eva Strittmatter: Die eine Rose überwältigt alles. Gedichte. S. 44
3. Aufl. 1979 © Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977
Lizenznummer 301. 120/50/79, Bestellnummer 611 866 1

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Positiv waren am 19.08.2020 ein eingeräumtes Bücherregal, zehn in den öffentlichen Bücherschrank gebrachte Bücher, der Enschluß zur Entsorgung einiger Dinge.
 
Die Tageskarte für morgen ist I – Der Magier.


Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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7 Kommentare zu 2020-232 — Manches Gedicht bedarf keiner Interpretation

  1. Roswitha sagt:

    Das Gedicht bewegt mich sehr, es macht mich traurig um eine Freundin, die ich nach 40 Jahren verlor. Und im letzten Monat sind eine Freundin und ein Freund, beide jünger als ich, überraschend gestorben. Wir werden manchmal auch ohne unser böses Zutun gebeutelt vom Leben.
    Hab es gut, lieber Emil.

  2. Gudrun sagt:

    Ach, Emil, das klingt so traurig und so endgültig.

  3. wildgans sagt:

    Bitter, wenn eine Freundschaft in die Brüche geht. Man war sich doch so einig…Die Gründe sind vielfältiger Natur. Beispielsweise in diesen Zeiten die Umgehensweise mit dem C-Virus. Nochmals: Bitter!

    • Der Emil sagt:

      Auch vor 44 Jahren oder mehr schon (Eva wird das Gedicht nicht erst 1977 geschrieben haben) sind zerbrechende Freundschaften, einschlafende, sich davonschleichende Freundschaften bitter und befreiend gewesen. Selbst, wenn damals andere Gründe und Vorwände maßgeblich waren.

      Bitter ist ein sehr passendes Wort dafür.

  4. Verwandlerin sagt:

    Ach ja, seufz. Kenne ich …

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