2020-125 — Innenansicht eines Kopfes

Ein Buch und mein Denkicht begegnen sich.

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In einem der gerade von mir gelesenen Bücher stehen ein paar mehr interessante Sätze als in den anderen. Es sind soviele, daß ich mir sogar neue Markierklebchen besorgen mußte.

 

 

Das Entsetzliche an der Erinnerung ist nicht, daß sich sie Dinge wiederholen, sondern daß sie sich bewegen. Wenn man sich an sich selbst erinnert, dann tut man es in einzelnen Bildern, und schlimmstenfalls ist es eine Art Daumenkino. Aber sobald du an jemanden denkst, den du liebst, sobald du dich wirklich an sein Leben erinnerst, siehst du, wie er wächst und älter wird und wie sein Leben abläuft. Es läuft Schritt für Schritt ab, ohne daß du daran etwas ändern kannst. Du schaust zu, und es passiert. Und wenn du wegschaust, an etwas anderes denkst, dann passiert es weiter, alles, was du weißt, und alles, was du nur ahnen kannst. Es ist, wie wenn man im Traum eine Warnung ruft und plötzlich weiß, die Warnung rufst du nur im Traum, aber was geschieht, geschieht in Wirklichkeit.

Katharina Hacker: Eine Art Liebe. S. 123. Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag
© 2011 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. ISBN 978-3-596-18970-0

 

 

Ich bin nicht der einzige Mensch, der sich über die Erinnerung Gedanken macht. Und in diesen Sätzen wird gut ausgedrückt, was auch ich (manchmal) empfinde. Dieses Erinnern an einen geliebten Menschen ist auch aus diesem Grund schmerzhaft: Ich kann an dem Geschehenen nichts, gar nichts ändern. Ich kann keinen meiner Fehler ausbügeln oder vermeiden, keine Katastrophe abwenden, nichts Schönes wiederholen. Nicht mit diesem Menschen. Und das tut sehr oft sehr weh, mir zumindest. An Gegenstände erinnere ich mich auch, an Häuser und Fahrzeuge. Auch an Begegnungen mit anderen Menschen oder Tieren erinnere ich mich. Und meine Träume davon sind eine besondere Art der Erinnerung. Wenn ich mich aber an meine Kinder und deren Mütter erinnere, dann ist es genau so, wie es von Katahrina Hacker einem ihrer Protagonisten in den Mund gelegt wurde. Ich wiederhole mich: Das tut oft weh.

Viele Dinge halte ich schriftlich fest: kleine beobachtete Szenen und Dialoge, besondere Ansichten, die sich mir bieten, Stimmungen und Gefühle von alltäglichen Momenten. Weil ich mir sonst vieles davon nicht merken könnte. Es würde entweder nicht in meine Erinnerungen eingehen oder in ihrem Wust verschwinden. Und so stapeln sich Kladden und Zettel mit Stichworten und Texten zu Ereignissen und Gegenständen, zu Menschen und Tieren, an die ich mich erinnern möchte. Nun muß ich, um diese Erinnerungen zu finden, Zettel und Kladden lesen. Muß mich in die notierten Fetzen einfühlen, um mich zu erinnern, mir Bilder ins Gedächtnis rufen oder konstruieren. Es macht mich fast verrückt, wie oft ich mich ergebnislos mit den Erinnerungen und mit dem Prinzip Erinnerung beschäftige. Aber daran werde ich nicht verzweifeln; daran werde ich weiter arbeiten, herumdenken, kauen. Den eigenen Kopf und das eigene Herz verstehen: Das ist mein Ziel (dem ich auch mit dem Schreiben nachgehen will).

Erinnerungen gegen das Vergessen. Was nicht vergessen ist, ist noch nicht ganz weg. Solange ich mich an jemanden erinnere oder an etwas, steht etwas dem Vergessen entgegen. Ich kann aus meiner Erinnerung jemanden und etwas wiederauferstehen lassen, vielleicht nicht komplett, aber soweit, daß ein Erkennen stattfinden kann. Was ja auch einer meiner Antriebe zum Schreiben ist: erkennbar machen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Positiv waren am 04.05.2020 ein kleines Redaktionstreffen, Wienerle satt, sortierte Texte.
 
Die Tageskarte für morgen ist IX – Der Eremit.

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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 2020-125 — Innenansicht eines Kopfes

  1. wildgans sagt:

    Deine Kinder und deren Mütter: Harem?
    Bitte nicht ernst nehmen…zwinker.

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