#Adventskalender 2019: Das 22. Türchen, die Vierte Kerze.

Was die Tränen der Schreiber mit der 4. Adventskerze zu tun haben.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.
 

 

 

Nun hat sie doch noch Bienenwachskerzen geholt. Und den Adventsleuchter frisch besteckt mit ihnen. Nach dem Frühstück räumt sie ihren Tisch frei. Stellt den Leuchter darauf, ein Tintenfaß, legt verschiedene Federhalter mit Zeichen- und Breitzugfedern bereit. Dann schiebt sie einen Stuhl vor den Bücherschrank und klettert hinauf. Oben, ganz oben auf dem Schrank liegt der flache Karton mit dem besonderen Briefpapier und dem Siegellack und dem Siegel. Auf dem Tisch befreit sie den Karton mit einem feuchten Tuch vom Staub, der sich auf ihm gesammelt hatte. Ein Briefumschlag, zwei Bögen Papier, das Siegel und der Lack werden aus dem Karton genommen, der danach auf dem Sofa abgestellt wird.

Aus der Küche holt sie sich noch eine Tasse Kaffee. Ziemlich umständlich setzt sie sich. Schraubt das Tintenfaß auf, taucht eine Feder ein und zieht auf einem Schmierzettel ein paar Linien. Sie wechselt die Feder, das war nicht die richtige für ihr Gefühl. Aber die zweite ist die, die sie jetzt benötigt. Ah, noch einmal muß sie sich vom Platz erheben. Sie braucht ja noch Streichhölzer, und dieses Glas, das in der Küche bereitsteht. Als sie mit beidem zum Tisch zurückkommt, schaltet sie fast beiläufig Musik an: Das Weihnachtsoratorium, das sie vor Jahren im Kirchenchor mitgesungen hat. Ach ja, damals …

Sie zündet alle vier Kerzen des Adventsleuchters an an diesem Vormittag des Vierten Advents. Ganz wichtig: mit nur einem einzigen Streichholz. Sie hebt das Glas und läßt dessen Inhalt vor den Flammen funkeln. Nächstes Jahr muß sie sich wohl eine neue Flasche besorgen, denkt sie noch, ehe sie den Writers Tears in einem Zug austrinkt. Dann geht die Feder ins Tintenfaß und sie beginnt zum achten Mal zu schreiben: »Heute ist der Vierte Advent. Ich möchte mich bei mir bedanken für das vergangene Jahr, bei mir und auch bei den Menschen, denen ich in diesem Jahr begegnet bin …« Etwa eine Stunde dauert es, ehe sie die beiden Bögen mit ihrer schwungvollen Handschrift bedeckt hat. Sie unterschreibt. Faltet die Bögen sorgfältig und steckt sie in den Umschlag. Kurz hält sie inne, leckt dann die Klebefläche mit spitzer Zunge an und verschließt das Briefkuvert (oh, wie sie dieses alte Wort liebt).

Auf die Vorderseite schreibt sie die Worte »Dank am Vierten Advent« und das Datum. Dann muß sie doch ein Feuerzeug nehmen, um den Siegellack zu schmelzen, der einen Klecks auf der Spitze des Kuvertverschlusses bilden muß. In den drückt sie das ebenfalls mit spitzer Zunge angefeuchtete Siegel. Ihre Initiale sind sicht- und fühlbar in der harten roten Masse. Es bleibt nur noch, die Kerzen zu löschen. Das Schreibzeug wieder wegzupacken. Den fertigen Brief zu seinen sieben Vorgängern zwischen »Ulysses« und »Das siebte Kreuz« in den Bücherschrank zu schieben. Und schließlich trägt sie das Glas zurück in die Küche.

Zum ersten Male in den acht Jahren schenkt sie das Glas nocheinmal voll mit dem Writers Tears. Die Tränen der Schreiber rinnen ihr aus den Augenwinkeln, als sie an ihrer Spüle nach unten rutscht. Und sie sieht ihre Frau, die vor Tagen noch Weihnachtsgeschenke einpackte. Sie leert das Glas, das sie kurz zum Himmel hob. Und sie sieht den unter Blumen und anderem verschwindenden Erdhügel, an dem sie vorgestern stand. Trotzdem hat sie ihren Dankesbrief geschrieben an sich, an das Jahr und an die Menschen, denen sie immer wieder begegnete. Wir alle sollten es ihr nachtun. Auch ein drittes Glas wird geleert.

Nachher, am Abend, sitzt sie wieder vor den vier brennenden Bienenwachskerzen in ihrem Adventsleuchter und trinkt, was sonst nur ihre Frau trank: heißen Met.

 

 

Wie nahe sich Freud und Leid sind, haben wir alle in diesem Jahr 2019 gespürt. Denke ich. Auch ich hatte in diesem Jahr viele positive Dinge zu registreieren. Und daß es nicht nur zum Jahresende hin ein wenig trister wurde … Naja. So isses wohl.

Wohin ist dieses Jahr eigentlich entschwunden? Und wie schnell geht diese Adventszeit ihrem Ende entgegen?

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

P.S.: Am 21.12.2019 waren positiv ein Einkauf, das Vereinstraining, die Flucht vom Hallischen Weihnachtsmarkt.
 
Die Tageskarte für heute ist die Sechs der Münzen.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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14 Kommentare zu #Adventskalender 2019: Das 22. Türchen, die Vierte Kerze.

  1. socopuk sagt:

    Danke für deine Worte!
    Auch bei mir ist das Jahresende schwer, aber auch intensiv und gut auf eine besondere Weise.
    Schmunzeln musste ich über die Flucht vom Weihnachtsmarkt – bei mir gibts je nach Stimmung einen psychisch verkraftbaren Mindestabstand.
    Einen schönen Tag dir – und danke für die Kerzen! 🕯️

  2. Elvira sagt:

    Das Ende eines Jahres hat immer auch etwas vom Sterben. Als Kind war Silvester, trotz aller Knallerei und fröhlichen Gelagen, für mich immer der traurigste Tag im Jahr. Vielleicht waren das bereits erste Anzeichen einer späteren Depression. Jetzt, vor Weihnachten, versuche ich, die Melancholie abzuschütteln, die mich leider jedes Jahr erneut erwischt. Denn Weihnachten sollte doch ein Fest der Hoffnung und des Lichtes sein. Wo das Jahr geblieben ist, kann ich dir auch nicht sagen. Wenn du es findest, gib mir Bescheid. Ich habe da noch ein paar Fragen.
    Liebe Grüße,
    Elvira

    • Der Emil sagt:

      Hm. Das Jahr? Ich müßte es jagen, einfangen. (Obwohl: hab ich das nicht in meinen Texten irgendwie getan?) Ich habe JEDES Jahr Fragen. Und jedes Jahr scheint schneller vorbeizusein als sein Vorgänger – was an meinem zunehmenden Alter liegen kann und an meiner Weigerung, der ständigen Verdichtung und Beschleunigung Tribut zu zollen.

      Die Kerzen machen meine Weihnacht zu einem Fest des Lichtes und die Hoffnung begleitet mich das ganze Jahr.

  3. Gudrun sagt:

    Das ist traurig, wenn es zum Jahresende etwas trist oder traurig wird. Überhaupt ist das nicht gut.
    Ich wünsche mir eine ganz andere Form des Zusammenlebens. Und wer weiß, vielleicht erlebe ich das noch.
    Wer seine Ruhe haben will, macht seine Türe zu. Ist sie offen, kann man zum Schwatzen kommen. Es gibt eine kleine, schnuggelige Werkstatt, in der jeder ein Eckchen findet. Ich zum Beispiel würde gerne zuschauen, wenn jemand Holz verarbeitet (und ich wünsche mir eine Ofenbank). Und es gibt einen großen Holztisch, an den man sich mit seinem Kaffeepott setzen kann. Im Sommer wird er in den Garten getragen.
    Ach, ich höre mal lieber auf, sonst wird es wieder eine Riesenabhandlung.
    Lieber Emil, ich wünsche dir heute ein feines Licht durch vier brennende Kerzen.

  4. Gudrun sagt:

    Ach ja, der Tag war gut. Der Jan ist schon da, meine Tochter ist unterwegs. Wir haben zusammen gekocht (Böhmisches Bierfleisch) und nun warten wir.

  5. Das Jahr ist wie es ist.
    Kunterbunt, viel scheiss, viel ehr.
    Nicht viel anders wie die anderen.
    Zu hoffen, dass man der erdenschwere irgendwann entkommen könnte, ist falsch gedacht.
    Das Leben ist eben unvollkommen, es ist gut so und alles meckern keinen Sinn. Man muss das einzeln schöne erkennen und dann auch dankbar sein.

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