Oder doch nur fehlende Einsicht?
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Diesen Morgen, das nimmt er sich vor, wird er nie vergessen. Zumindest nicht so gründlich wie die anderen, vorhergehenden Morgen dieser Art.
Er ist sich sicher. Ganz sicher. Ja. Er fühlte sich am Vorabend nicht betrunken, nichteinmal angetrunken. Aber er war es. Ganz sicher war er sogar volltrunken. Er hat an die vielen Dinge, die er getan haben muß (die Ergebnisse sieht er ja), keine Erinnerungen mehr. Keine. Und das liegt wahrscheinlich woran? Genau, am Schnaps. Das heißt auch, jetzt weiß er, das der in Zukunft nicht mehr sein darf, weggelassen werden muß. Es ist klar, daß das eine nicht leicht zu überlebende Zeit wird, die ihm da wieder bevorsteht. Die Unruhe. Der Durst. Das unverschwommene Aushalten von allem. Er kennt das. Hats schon mehrmals erlebt, durchlebt, überlebt. Immer war es irgendwann unerträglich. Doch er hat es durchgehalten. Mehrmals. Immer wieder. Für Monate und Jahre. Er hat den Schnaps auch nie durch Bier oder Wein ersetzt, d. h. er hat sich damit nie so betäubt wie mit dem Weinbrand, dem Korn, dem Rum und dem Whiskey. Nein, das war nicht gewünscht, ist nie passiert und genau gut so. Er weiß das. Er kann auch weiterhin seine Biere oder den Wein am Abend genießen, da kennt er die “zulässigen” Mengen genau. Nur beim Schnaps kannte und kennt er keine Grenzen. Wie gestern Abend. Statt der zwei bis drei Gläser hat er sich anderthalb Flaschen Wodka gegönnt. Ha! “Gegönnt”! Selbst daran kann er sich nicht erinnern. Und warum er die Bücher in diese drei Stapel auf dem Fernsehtisch sortiert hat, das weiß er nicht. Der Topf mit dem angebratenen Gulasch ist auch leer. Sämtliche T-Shirts aus dem Schrank liegen auf einem Haufen vor der Waschmaschine, zum Glück trocken. Die müssen aufgebügelt und wieder in den Schrank geräumt werden.
Er bräuchte jetzt, genau jetzt diese Energie, die aus dem Brennen im Hals und aus der Wärme im Bauch entsteht. Aber nein. Schnaps ist keiner mehr im Haus. Das ist gut so. Er braucht auch keinen Schnaps. Nein. Nicht mehr. Hat ihn nie wirklich gebraucht. Und selbst wenn die nächsten Wochen und Monate wirklich nur schwer zu überstehen sind: Er ist auf keinen Fall ein Alkoholiker! Kein Säufer, kein Suchti. Keinesfalls! Das Wissen macht ihn stolz und sicher. Aber die zwei Tröpfelreste in den Flaschen, die muß er doch nicht weggießen, oder?
Vor Jahren, denke ich, ging es mir ähnlich. Nicht so, nein, so nicht. Denn dieser Text ist nicht autobiografisch, das ist Erfindung, verdichtet Erzähltes. Unkenntlich selbst für diesen Menschen, der das da erlebte. Und dem einen oder anderen vielleicht doch bekannt erscheinend wie mir …
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 25.11.2019 waren positiv den ganzen Tag in einer Wolke zu gehen, fertiggestellte (ja, zwei!) Texte, etwas Gesuchtes, das sich wiederfand.
Die Tageskarte für morgen ist die Fünf der Münzen (es fehlt an etwas – und ich weiß, woran es fehlt).
© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ja, ich kenne das. Nicht von mir selbst, aber von meinem Bruder. Ich habe alles Mögliche in Bewegung gesetzt, um ihm zu helfen. Geschafft habe ich es nicht, auch, weil er sich und sein Problem nicht sehen wollte. Er hatte das im Griff. Es war ja alles nicht so schlimm. Er ist nicht krank, könnte sofort aufhören. Er trinkt ja gar nicht. … Die Sucht war immer stärker. Bis sie ihn ganz besiegte. Und ich bin an meiner Ohnmacht fast zerbrochen.
Und wie ich Dich da verstehe!