Nº 287 (2019): Nichts passierte

Oder wie es früher hieß: Keine besonderen Vorkommnisse.

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Zuerst war ich an meinem Lieblings-Bücherregal, habe sieben Bücher und zwei Hörbücher hingestellt und drei Bücher eingepackt. Mit der Straßenbahn wollte ich von da aus weiter bis zum Amtsgarten an der Burg Giebichenstein. Aber den erreichte ich nicht, weil ich im Vorbeifahren (eher im Vorbeistehen, denn ich stand in der im Stau stehenden Straßenbahn, die für 600 m fast sieben Minuten brauchte) am Straßenrand ein paar am Zaun aufgestellte Bücher sah. So verließ ich die Funkenkutsche an der Haltestelle Burg Giebichenstein und lief die Burgstraße zurück zu den Büchern am Zaun. Ja, es standen dort drei durchaus schöne und gut zu lesende Bücher, die ich aber alle drei schon kannte bzw. sogar im Besitz habe.

Ein Kind geriet mit dem Vorderrad seines Velozipeds in die Straßenbahnschiene und stürzte etwa 20 m von mir entfernt mitten auf der Straße. Es sprang auf, fluchte und ging auf den Bürgersteig, sein Rad mitten auf Straße und der Schiene liegenlassend. Der nachfolgende Verkehr war langsam genug, um sofort zum Stehen zu kommen. Ein Mann verließ seinen Platz in der Schlange vorm gegenüberliegenden Eisladen, stürmte auf das Rad zu und trug es zum Kind. Um das kümmerte sich bereits eine Frau mit kleinerem Kind im Fahrradkindersitz. Nichts passiert, auch die Hose war nicht zerrissen, keine Acht im Rad; nur der Schreck war sehr groß.

Die bisher unbegangene Felsenstraße entlang führte mich mein Weg zur Rainstraße. Dort allerdings konnte ich die zwei “Zu verschenken!”-Bücher nicht liegenlassen. Danach ging ich zunächst nach rechts, wieder auf die Burgstraße. Schließlich hatte ich mir ja den Amtsgarten vorgemerkt. Dann, zurückblickend in die Rainstraße, entschied ich mich anders. Auch diese nämlich kannte ich noch nicht. Bergauf ging ich, in Richtung Saaleufer. Ja, bergauf! und ich sah schon auf dem kurzen Stück zwei interessante Motive: Mitten in einer Giebelwand eines alten Ziegelhauses steht eine helle, barbusige Frauenfigur (Aus Gips? Marmor? – Ich muß nochmal hin und auf Film aufnehmen!) und hält eine scheinbar dunklere Schüssel oder Schale vor sich. Das Haus an der anderen Straßenecke war früher mit Wein oder Efeu bewachsen: Die Pflanzen wurden entfernt, aber da, wo die Stämme am Fundament aus dem Erdreich kamen oder dickere Äste wuchsen, sind helle Flecken im Hausputz erhalten, und über die gesamte Fassade sind noch diese kleinen Haftfädchen bzw. Haftwurzelchen zu sehen. Der Scheitelpunkt der Straße war überschritten, ihr Charakter mit dem groben Kopfsteinpflaster ist fast dörflich. Am Bogen eines Hoftores sind die Buchstaben DK geformt. Recht steil ging es hinab zum Ufer der Saale.

Auf einem Grundstück sehe ich oben eine Art Pestsäule oder Marterl aus Stein. Um wirklich zu erkennen, was es ist, kann ich ungefragt nicht genug nähergehen. Also hole ich das Stativ aus dem Rucksack, montieren die Kamera darauf und mache drei, vier Aufnahmen von der Säule (vom der öffentlichen Straße aus, Panoramafreiheit) mit maximalem Zoom. Ein Franke sprach mich an, der Zungenschlag war unverwechselbar Nembercher Fränggisch. Wir unterhielten uns kurz übers Marterl und die mit wirklich kunstvollem Graffito verzierte Grundstücksmauer (er kennt den Besitzer des Grundstücks, ich den Gestalter des Graffitos – ausgeglichene Verhältnisse). Dann fiel mir ein, woher ich ihn kenne: Sein Trödelladen an der Burgstraße aber ist leider schon einige Zeit geschlossen. Schließlich will sein Hund weiter und ich auch.

Herbstfarben am Saaleufer im Schein der Spätnachmittagssonne. Schreibend in meine Kladde saß ich auf einer Bank an der Saale, eine Zigarette rauchend. Ich genoß die Ruhe am Riveufer eine ganze Weile. Dann fiel mir die Kappe meines Stiftes aus der Hand – und am Betonfuß der Bank entdeckte ich ein kleines, mit Schablone gesprühtes Grafitto, einen rüttelnden Greifvogel (dem Schwanz nach vielleicht ein Milan). Ich schlenderte noch ein wenig umher, ein Stück die Saalepromenade flußabwärts, immer auf der Suche nach dem Bild, fand das aber nicht und fuhr dann, ohne den Amtsgarten erklommen zu haben, mit der Bahn übern Markt nach Na-Neu zurück.

Nach (draußen) 11.500 Schritten wieder zuhause löschte ich 96 unscharfe und verwackelte von 122 aufgenommenen Bildern (die restlichen muß ich mir nochmal in Ruhe ansehen), packte die mitgebrachten Bücher auf einen Stapel. Und bins ganz zufrieden.

 

Herbstgrünbunte Bäume am Riveufer/Ecke Rainstraße

Herbstgrünbunte Bäume am Riveufer/Ecke Rainstraße

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 14.10.2019 waren positiv mehr abgegebene Bücher als mitgebrachte, viele interessante Dinge erblickt, leckerer Salat am Abend.
 
Die Tageskarte für morgen ist der König der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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12 Antworten zu Nº 287 (2019): Nichts passierte

  1. piri ulbrich sagt:

    Na ja, keine besonderen Vorkommnisse ist ja wohl maßlos untertrieben!

    • Der Emil sagt:

      „Besondere Vorkommnisse“ warn früher immer „Ernsthafte Stör- oder ähnliche Zwischenfälle“.

      Anders besonders war der Tag schon, mit all dem, was mir da geschah und dem, was ich sah. (Ich bin nicht mehr auf der Lochseite des Geländers, hab ich festgestellt.)

  2. sabeth47 sagt:

    Manche Tage, manche Bilder unterlaufen unsere Pläne und sind von unerwarteter Schönheit.

    • Der Emil sagt:

      Ja, so ist es. Weswegen ich auch nicht sehr erpicht auf absolut festgelegte (evtl. noch von Fremden!) Termine/Vorhaben bin.

      Den Amtsgarten hab ich heute nicht erreicht, morgen hab ich anderes vor, in den Wald will ich auch noch.

      Allerdings ist der Amtsgarten noch nie vor jemandem weggelaufen 😉

  3. Nati sagt:

    Du bist nicht mehr auf der Lochseite. Das freut mich Emil. Manchmal hilft solch ein Tag.
    Ich bin immer erstaunt wie viele Bücher bei dir in der Gegend so zum Verschenken rumliegen. Hier kenn ich es überhaupt nicht. Es gibt nur ein paar Bücherschränke, das war es aber auch schon.

    • Der Emil sagt:

      Es tut jedesmal weh, wenn ich welche liegenlassen muß … (Und vielleicht hab ich einen besonderen Blick dafür?)

      • Nati sagt:

        Bei uns wärst du sehr erfolglos, hier gibt es tatsächlich keine Buchspenden.

        • Der Emil sagt:

          Vielleicht liegt es auch daran, daß wir die Marti-Luther-Universität, die Hochschule für Kunst und Design und die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik und dementsprechend viele Studenten bzw. studentenaffine Menschen haben, die eher einer Verteilungsökonomie und der Kreislaufwirtschaft zugeneigt sind? Aber es ist wirklich so, daß ich zwei- bis dreimal pro Woche freigelaßne Bücher sehe.

  4. Gudrun sagt:

    Goldener Herbst, so könnte man dein Bild benennen. Schön ist die Farbvielfalt in dem besonderen Licht des Herbstes, nicht wahr? Fein, dass du dich aufgemacht hast, sie zu suchen.
    In den Amtsgarten würde ich gerne mitkommen. Von da hat man bestimmt auch einen schönen. Ausblick auf die Saale. Ach, Emil, mach dich noch mal auf den Weg. Und bring mir ein Foto mit, bitte.

    • Der Emil sagt:

      Der steht auf der Liste, die nach und nach erledigt wird. (Ich war nur einmal da, hatte damals aber keinen Blick für den Ort, sondern nur für das Modell.)

      Das mit dem Blick aber, das ist nicht so; da muß ich ein paar Meter weitergehen.

      • Gudrun sagt:

        Egal, bring mir trotzdem ein Foto mit von dem, was du siehst. Na gut, das Modell bleibt dein Geheimnis, aber vom Rest …

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