Nº 286 (2019): Das eine Bild

Eine Beschreibung der Fiktion von innerer Landschaft.

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Dann nehm' ich eben aus jedem Buch, das auf dem Stapel neben meinem Schreibtisch liegt, einen halben Satz und forme daraus eine Geschichte. Wenn mir der eigene Stoff nicht ausgegangen ist, aber verquer verklemmt im Brustkasten rumort. Nur rumort, nur noch nicht herauswill.

Satzfetzen. “… nicht weiter als bis zur nächsten …” Wohin soll das führen. Wohin nur. Bis zum – nein, Ende ist nicht das, was ich erreichen möchte. Erfolg? Schon gleich gar nicht. Vielleicht … Vielleicht ist es nur der Weg, ein Weg, eine Möglichkeit weiterzumachen mit der Schrei­be­rei oder dem Atmen. “… nicht zuletzt zwei geräumige …” Raum fehlt mir auch. Nein, nicht Platz im Außen, also keine größere Wohnung, kein Schreibtisch, all das ist nicht der Raum, den ich brauche. In mir, in meinem Kopf, in meinem Herzen, in meiner Seele fehlt er. Dabei weiß ich genau, daß da immernoch eine große Leere ist, die gefüllt werden will – nur weiß ich gerade nicht, wie ich herankomme und wo das ist, was anderswo Eingang oder Zugang genannt wird.

Moment.

Zugang.

“Äh …”

Zugang zu mir, zu meinem Innersten. Kontakt mit mir selbst, zu mir selbst. Wie geht das gleich nochmal? Ich hatte da doch mal Hilfsmittel? Bilder einfangen. Mit Kameras. Mit allen Sinnen. Das ging, das geht doch noch, oder?

Dabei habe ich genug Bilder im Kopf und im Herzen, vielleicht sogar zu viele. Und mindestens eines davon stellt sich quer, wenn ich es aus mir herausschreiben möchte. Dieses eine zumindest. Das, was mich am Leben und an meinen Erfahrungen und an meinen Gefühlen immer wieder (ver-)zweifeln läßt. Das ich aber auch nicht einfach loswerden kann und will, denn es ist auch mit all den wundervollen und schönen Momenten meines Lebens verbunden. Dieses eine Bild. Vielleicht sollte ich es – bildlich gesprochen – in mir an einer guten Stelle an die Wand hängen oder lehnen, so daß ich es immer betrachten könnte, wenn mir danach ist. Dann … dann kann es den Zugang nicht mehr …

Was für ein schönes Bild es doch ist. Und jetzt, wo ich es ansehen kann, rutscht es mir nicht mehr überall vor die Füße. Jetzt, wo es einen festen Platz hat, sehe ich die vielen leeren Stellen, die zwischen all dem blieben und sind, was in mir ist. Und ich sehe, viele kleine Leeren sind nicht die eine große Leere, die mir manchmal den Atem nimmt. Nein, da sind Plätze, die ich mit meinem Leben füllen kann. Ich weiß, daß es möglich ist, ich habe auch einige Ahnungen, wie das wieder funktionieren, weitergehen kann. Und ich sehe vielleicht nachher auch einen Weg, das Innere wieder nach außen zu befördern, zu schreiben, zu be-schreiben, zu sprechen, zu reden, zu gestehen, zu bestehen vor mir selbst.

Ich. Vor mir. Vor mir selbst. Ich vor mir selbst. Denn auf diesem einen Bild bin auch ich zu sehen.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 13.10.2019 waren positiv verschiedene Textanfänge, ein Schaumbad, das abendliche Unterwegssein draußen in recht lauer Luft.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zehn der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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3 Antworten zu Nº 286 (2019): Das eine Bild

  1. Sofasophia sagt:

    Der Mensch als mehr als die Summe aller Wörter … und aller Leerstellen.
    Irgendwie. Ohne Leerstellen wäre nur Leere. Oder unerträgliche Fülle vielleicht. Aber invertiert.

  2. sabeth47 sagt:

    Ich bin auch für Leerstellen, glückliche und unglückliche. Ein bisschen Luft zum Atmen.
    Obwohl, vielleicht wärst du gern ein vollsaftiger süßer Pfirsich?

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