Oder: Was ich lese und woran ich mich erinnere.
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Auch ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Erinnerungen, insbesondere mit meinen Erinnerungen. Und ich schreibe viele der Fetzen auf, um irgendwann einmal ein ziemlich vollständiges Bild, nein, besser ein Verständnis für Entscheidungen und Abschnitte in meinem Leben zu erreichen. Und ich lese viel. Nachdem ich in Max Frischs “Montauk” nicht hineinfand, griff ich, nicht wie anderswo geäußert, zu Strittmatter, sondern zu Günter Grass' “Beim Häuten der Zwiebel”. Zum Glück hatte ich den Rückentext nicht gelesen, sondern das Buch aufgeschlagen und losgelesen. Und dreieinhalb, nein, vier Absätze der Geschichte “Die Häute unter der Haut” sind … Sie beschreiben besser, als ich das je könnte, das, was ich von meinen Erinnerungen lern(t)e.
Die Erinnerung liebt das Versteckspiel der Kinder. Sie verkriecht sich. Zum Schönreden neigt sie und schmückt gerne, oft ohne Not. Sie widerspricht dem Gedächtnis, das sich pedantisch gibt und zänkisch rechthaben will.
Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.
Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die, kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschlüsseln wollen.
Schon wir der Ehrgeiz geweckt: dieses Gekrakel soll entziffert, jener Code geknackt werden. Schon ist widerlegt, was jeweils auf Wahrheit bestehen will, denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fotogenau zu gelten haben: Das unter der Julihitze flimmernde Teerpappendach des Schuppens auf dem Hinterhof unseres Mietshauses roch bei Windstille nach Malzbonbon …
Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel. S. 8 f.
Ungekürzte Ausgabe Mai 2008 Deutscher Taschenbuch Verlag München GmbH & Co. KG
© 2006 Steidl Verlag, Göttingen, ISBN 978-3-423-13655-6
Genau das. Dieses schichtweise Abtragen. Wenn ich bemerke, daß eine der Erinnerungen nicht wirklich paßt. Und ich dann weitergrabe. Eine andere Version der soeben als unstimmig verworfenen Erinnerung finde. Aufschreibe. Liegenlasse für eine Weile. Um nach Tagen oder Wochen doch wieder etwas daran zu entdecken, daß da etwas nicht stimmt. Zum Beispiel die zeitliche Einordnung.
Da war eine Erinnerung zum Spiel mit den Nachbarskindern im Haus. Vom Ereignis blieb mir eine heute noch sichtbare Verformung des Halbmondes in meinem linken Daumennagel: Dessen rechte Hälfte ist etw anderthalb Millimeter höher als die linke Hälfte, die Teilung ist in der Mitte gut zu erkennen. Ich weiß, daß ich im Holzschuppen (den brauchte man damals, um den Brennholzvorrat zu lagern, und auch des Vaters Motorrad – eine Jawa 350 – stand darinnen) mit dem Beil mich am Holzhacken versuchte, aber dabei eben den linken Daumennagen traf. Das Beil war scharf, der Daumen nicht durch, nur der Nagel geteilt und es blutete heftig. Na klar, es tat sicher auch weh. Aber der Schock brachte mich dazu, den Eltern zu erzählen, daß ich mich am Gras geschnitten hätte. (Nein, sie glaubten es nicht; es war vor allem meinem Vater schnell klar, daß ich mit dem frisch geschärften Beil hantiert hatte.) Damals wurden solche einfachen Fleischwunden mit Jod bestrichen, mit einem sehr festen Pflaster umwickelt – das war dann gleich auch eine Art Druckverband – und dem natürlichen Zusammenwachsen überlassen.
Das passierte (für lange Zeit) in meiner Erinnerung nach meinem Schulanfang. Doch das kann nicht stimmen, es paßt nämlich nicht in die zeitliche Abfolge, die ich – soweit möglich – bisher erstellt habe. Ich ging so gern in die Schule und kann mich auch noch an das Aussehen der Klassenzimmer erinnern in der ersten Schule, die vor Jahren schon abgerissen wurde. Es muß also früher gewesen sein. Es muß früher gewesen sein. Ich werde meine Eltern fragen, wieviel früher. Denn ich glaube mittlerweile, daß es noch vor der Abtrennung des Kinderzimmers von der großen Wohnküche geschah. Vielleicht erfahre ich auch, daß damals doch ein ärztlicher Einriff erfolgte? An den kann ich mich wirklich nicht erinnern … Aber wer weiß. Vielleicht ist das eine der Schummeleien meiner Erinnerungen, mit der sie mich vor der Erinnerung bewahrt an einen heftigen Schmerz und damit vorm Wiederempfinden dieses Schmerzes. Günter Grass hat mit seinen oben zitierten Worte ausgedrückt, was ich erlebe.
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Am 14.02.2019 waren positiv das lange Gespräch mit meinem Hausarzt, gute Neuigkeiten von lieben Bekannten, etwas Glück im Unglück.
Die Tageskarte für morgen ist die Vier der Schwerter.
© 2019 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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