Nº 031 (2019): Sonderbare im Ort

Zu eng und zu leer.

To get a Google translation use this link.

 

 

Manche haben den Ort verlassen, weil es hier zu eng und zu leer geworden ist.

Zu eng. Hier, wo ringsumher nichts als Wälder und Wiesen und Entwässerungsgräben sind. Melioration hatte das früher gehießen, als es noch alles gab im Ort, was es in einem Ort eben so braucht. Wir hatten Bäcker (mehrere), Fleischer, Schule mit Hort, Arzt und Post, Kindergarten, einen Konsum und den alten Kolonialwarenladen (dessen uralte Inhaberin so ziemlich alles innerhalb einer Woche besorgen konnte). Es gab zwei Kneipen, die Sero-Annahmestelle und die Freiwillige Feuerwehr. Die Kirche wurde zwar nur von wenigen aufgesucht, aber der Pfarrer war im Dorf und hielt jeden Sonntag früh seine Predigt. Doch als aus dem offiziell atheistischen Land wieder eines wurde, in dem die Christlichen Werte wieder etwas galten (und angeblich noch gelten), da wurde zuerst der Pfarrer weggespart. Dann gab es Gottesdienste nur noch alle zwei, dann alle vier Wochen, und jetzt ist nur noch einer aller zwei Monate hier im Ort. Sehr lange wird die Kirche der Nichtnutzung auch nicht standhalten. Immer mehr Schiefer fallen vom Dach.

Einige der Häuser stehen seit Jahren leer. Die Gardinen an den Fenstern sind grau geworden, hängen aber noch immer in exakten Falten. Das Grün der Kakteen wich mit den Jahren einem sonderbaren Grau. In den Dachrinnen aber grünt es frisch von Birken und Ligustern. Wer soll sich auch um die jahrhundertalten Häuser kümmern, wenn die Alten weggestorben sind? Und wem sind die wenigen, nach dem letzten großen Krieg gebauten Häuschen mit ihren wenigen kleinen Zimmern und den hohen spitzen Dächern nicht zu klein heutzutage? Den Einigen, die hier noch Auto und Arbeit haben, geschieht immer dann, wenn sich das erste Kind ankündigt oder kurz nach dessen Geburt dasselbe: Es wird zu eng und zu leer im Ort für eine Familie.

Die große Ausnahme ist dieses undurchsichtige Paar, das das in den Fünfzigern gebaute Haus des alten Schäfers gekauft hat. Von dessen Tochter, einer Studierten, die bei erster Gelegenheit in den Westen verschwunden war und ihren Vater einfach so alleineließ. Ihre Stelle beim Rat des Kreises, pardon, Landratsamt, war ihr wohl nicht gut genug. Ihr Vater, schon Jahre Witwer, konnte irgendwann seine drei Schafe nicht mehr versorgen. Und nachdem die Tiere aus Garten und Stall hinter dem kleinen Haus geholt waren, ging es auch mit dem Schäfer schnell zuende. Naja, das Elternhaus, das wollte die Tochter wohl am liebsten verleugnen. Und wirklich viel Geld kann es ihr nicht gebracht haben. Das sonderbare Paar aber, das wohnt jetzt dort. Sind die ersten, die seit zehn Jahren hierher in den Ort zogen. Von den hier großgewordenen Kindern kam keines zurück, die lassen ihre Eltern­häuser zusammenfallen. Jetzt ist dieses sonderbare Paar hier. Jedenfalls ist sie blind und er wohl Schriftsteller. Ein Auto haben die auch nicht! Nein, der Kerl fährt zweimal pro Woche mit dem Fahrrad und dem Anhänger hintendran in die ehemalige Kreisstadt zum Einkaufen. Wie die das machen, wenn mal etwas anderes notwendig ist … Und wovon die leben, weiß im Ort auch keiner.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 31.01.2019 waren positiv ein Schnäppchen, ein paar Stunden im Radio, eine Skizze.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Kelche.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2019, Dreggentin, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

0 Kommentare zu Nº 031 (2019): Sonderbare im Ort

  1. wildgans sagt:

    Kenntnisreiche Schilderung der auf dem Lande einkehrenden Realitäten, wie ich sie auch hier teils beobachten kann. Zum Glück liegt unser Dorf in einem touristisch „aufstrebenden“ Einzugsgebiet der großen Rhein-Main-Städte, so dass nicht alles zutrifft.
    Ja, niemand weiß …

    • Der Emil sagt:

      Danke.

      Was mich besonders anstinkt: Genau da zeigt sich eben, daß „der Markt“ nichts regelt, sondern nur seinem Gewinn hinterherrennt und kein soziales Gewissen mehr hat … (Und wenn ich dann an Marx und seine Sätze über die Risikobereitschaft des Kapitals denke, wird mir Angst und Bange.)

  2. Ulli sagt:

    Ich lese Zurzeit „Unterleuten“ von Juli Zeh, dein Text erinnert mich daran, wie auch an „Machandel“ von Regina Scheer, letzteres empfinde ich als ein deutsches Geschichtsbuch und kann es nur wärmstens empfehlen, „Unterleuten“ beschäftigt sich mehr mit dem Überleben in einem Dorf, 70km von Berlin entfernt, und den Zugezogenen = nix Genaues weiß man nicht und nun mischen sich DIE auch noch ein …
    Deutsche Geschichte, ob jung oder schon älter, ist eine schweirige Geschichte!

    • Der Emil sagt:

      Keines der beiden Bücher hatte ich bisher auf dem Schirm. Hm.

      Die Menschen wollen diese Entwicklung nicht, sie werden „vom Markt“ (der einen Scheißdreck regelt) aus den Dörfern geholt. Ich denke, das war im Westen auch erst nach 1980 so (in dieser Heftigkeit); in der DDR war die Fürsorgepflicht des Staates (in diesem Bereich) stärker umgesetzt. (Oh Mann, jetzt werd ich auch noch „politisch“ bei diesem einfachen Thema.)

      • Ulli sagt:

        Das Thema ist politisch! Finde ich wenigstens. Kapitalismus ist gewollt, damit einher geht die Verödung der Dörfer, kaum noch Menschen, keine Läden, ohne kleine Poststuben, viele auch ohne Kneipe – Treffpunkt

        • Der Emil sagt:

          Natürlich ist das Thema (auch) ein politisches.

          Und doch wollte ich diese Dimension hier nicht ausbreiten.

          • Ulli sagt:

            bin schon ruhig …

            • Der Emil sagt:

              Oh nein! Bitte nicht!

              (Ich habe mich gerade, also vorhin, nur so richig hineingesteigert in meine Wut über diese dumpfe Gläubigkeit „an den Markt“, dessen Scheitern sich allüberall zeigt: Medikamentenpreise, Motorsteuerungssoftware, Mieten, Löhne und Gehälter, Versorgungssicherheit in Kintertagesstätten/Schulen/Pflegeeinrichtungen, Grundversorgungsstabilität …

              Also: meine außerbloggische Wut, die ich hier nicht unbedingt so deutlich zeigen wollte. Und auch, wenn es mir damals nicht besonders zusagte, so habe ich „meinen“ Marx durchaus gelesen

              • Ulli sagt:

                Da ich selbst kaum noch politische statements abgebe, wobei es mir manchmal schon noch in den Fingern juckt, kann ich doch gut verstehen, wenn man das aus dem Blog heraushalten will. Mich ärgert auch so vieles und ich verstehe einfach nicht, wieso hier die Massen nicht auf die Straße gehen, stattdessen sich lieber rückwärts wenden, in dem Glauben dann käme alles besser –

  3. Die von dir genannte „Tochter“ ist kein Einzelfall, und es geht auch nicht um Dörfer allein. Vor Jahren klagte in Görlitz ein Busfahrer: „Die jungen Frauen gehen alle weg.“ Da bleibt den jungen Männer nichts als hinterher zu gehen oder zu vereinsamen. Zurück bleiben die Alten. „Das einzige, was hier boomt, ist die Altenpflege“, war ebenfalls zu hören. Der Bevölkerungsschwund zeigt sich dann in der wunderschön restaurierten Energie-ökologischen-Modellstadt Ostritz, wo abends getrost die Bürgersteige hochgeklappt werden können, weil kaum ein Auto am Straßenrand parkt. In meiner linksrheinischen Heimatregion regt sich in den letzten Jahren ein neues Interesse an der eigenen dörflichen Geschichte, wodurch sich einiges kulturell wiederbelebt. Warum sollte das im Osten nicht auch passieren, bevor die Siedlungen dort zu Wüstungen werden.

    • Der Emil sagt:

      In meinen Augen ist das ganze eine deutlich erkennbare Fehlentwicklung: Die Lebensumfelder von mehreren Generationen werden der Monetarisierung, der Kapitalisierung generale unterworfen, auch da, wo der Staatszweck und das Staatsziel, ja das Ziel der gesamten Menschheit dieser Kapiltalisierung genau engegengesetzt sein sollen und sind. Und damit verschwinden Fertigkeiten, es verschwindet Wissen, es verschwindet Menschlichkeit (in letzter Konsequenz).

      Ja, der „goldene Westen“ lockte durchaus; heute bieten „die blühenden Landschaften“ keine ausreichenden Lebensgrundlagen mehr, weil dort nicht genug Geld erzeugt werden kann.

      Ich bemerke aber ähnlich wie Du, daß Weniges wiederauflebt. Vorerst Weniges, ich hoffe auf mehr.

      (Und vielleicht sind fehlende Autos in einer ökologischen Modellstadt nicht nur ein Zeichen für Bevölkerungsschwund, sondern auch für Mobilitäts- und Verkehrsvernunft.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert