Ein Schauplatz (Nº 302/2018)

Es ist zu dunkel, um alles klar erkennen zu können.

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Tante Erdmute ist selten hier unten. Selbst das Aufsetzen ihres Stocks hallt lange nach: Jedes “Tack” schwebt einen Atemzug lang beinahe gespenstisch hohl klingend durch das Gewölbe. Die Neonröhre flackert und brummt.

Tweet von heute vormittag

 

 

Nur diese drei Sätze wurden Sätze. Danach saß ich da und notierte mir in Stichworten, was für eine Art Gewölbe das sein könnte und welchem Zweck es diente und dient. Ganz schnell verwarf ich Gruft auf einem Friedhof und Luftschutzbunker. Denn ich sah und sehe ein echtes Gewölbe vor mir, unter der Erde, tief unter der Erde. Ein Weinkeller in Hallen­kirchengröße, ein Bierkeller? Überreste eines Bergwerkes? Ich stelle mir eine Mischung aus Natursteinen und Ziegelwerk vor, teilweise verputzt. In irgendeiner Ecke sollte sogar anstehender Fels zu sehen sein, Sandstein, vielleicht oder Porphyr oder Phyllit oder Schiefer gar.

Dem Klang der Stimmen und des Stockes nach muß es jedenfalls ein wirklich hohes, großes Gewölbe sein. Auch weitläufig, also nicht nur eine einzelne große Halle. Vielleicht ähnlich den Zinnkammern Pöhla oder den Rabensteiner Felsendomen – und in denen hörte ich zum allerersten Male in meinem Leben den Gefangenenchor aus Nabucco, dessen Anfangstöne ich seither nie vergaß. Ja, in dieser Größe ungefähr stelle ich mir das Gewölbe vor, in welches Tante Erdmute hinabgestiegen ist. Freischwebende Kabel ver­bin­den die Neonleuchten, die in viel zu großen Abständen an Pfeilern und Wänden mehr schlecht als recht befestigt sind. Zwischendurch sind auch noch einige alte Lampen mit trüben Glasdeckeln unter Gittern zu finden, deren Metall vom Rost zerfressen ist.

Das Geräusch, dieses “Tack” vom Stock erzeugt dessen Stahlspitze, wenn Tante Erdmute ihn auf eine Steinplatte (kein Beton!) oder auf Eisenplatten stößt. Ich versuche mir vorzustellen, welches Geräusch High Heels verursachen würden … Was sich wohl in all den Nischen und blinden Gängen verbirgt dort, hier unten? Was wurde hier gelagert, was liegt jetzt noch da, das die alte Dame zwar selten, aber doch immer wieder ihr ganzes Leben lang schon aufsucht? Welche Erinnerungen verbindet er wohl damit, er, der ihr jetzt mit einer Taschenlampe hinterhergeht? Dreistöckig stelle ich mir die ganze Anlage vor. Dreistöckig. Na gut, zwei Stockwerke reichen auch aus. Es ist übrigens nicht naß im Gewölbe, nur ein klein wenig klamm bei knapp 10 °C. Nirgends ist das Tropfen von Wasser zu hören, das wie jeder andere Ton ein Weilchen durch die Räume schweben würde.

Ein Nachhall, nicht nur ein akustischer, sondern auch einer der Geschichte, all des hier unten Geschehenen, ist spürbar. Sogar jemand, der nichts über dieses Gewölbe weiß, würde sich dem nicht entziehen können. Ich muß bestimmt noch einige Male hinabsteigen und mich dort selbst umsehen in jenem Gewölbe, das zu Tante Erdmutes Besitz gehört.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 29.10.2018 waren erledigte Schnittarbeit, die Trennung von “Erinnerungsstücken”, eine Skizze vom Gewölbe.
 
Die Tageskarte für morgen ist XIII – Der Tod.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Ein Schauplatz (Nº 302/2018)

  1. Sofasophia sagt:

    Jetzt friere ich vom Abstieg ins Gewölbe. Nimm das als Kompliment!

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