Geschöpf der Dunklen Zeit (Nº 277/2018)

Chronobiologisches Gesabbel.

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Draußen will es nun dunkel werden. Eigentlich wäre es das ja schon, wenn diese Sommerzeit nicht wäre. Aber vielleicht, hoffentlich! endet dieser Unsinn bald. Denn die gewünschten Effekte sind nicht, niemals eingetreten. Was nützt es mir, daß es abends länger hell ist? Mir: gar nichts. Früh ist es ja dafür später erst hell, so wurde mir gesagt. Aber ich Nachtwesen brauche dieses “abends länger hell” nicht. Und auch für andere Menschen sei doch der Schlaf vor Mitternacht der beste, heißt es im Volksmund, wieso müssen die durch die später beginnende Nacht also um diese wertvolle Zeit gebracht werden? Ich kenne nur wenige, die schon schlafen können, solange es noch hell ist – Verzeihung: ich kannte. Ja, seit die Nacht die Zeit ist, in der ich hauptsächlich aktiv bin, seit ich also die Dunkle Zeit nutze, hat die Anzahl der Freunde und Bekannten unter den Menschen drastisch abgenommen.

Nein. Das ist nicht meine “Schuld”, ich habe sie nicht verscheucht oder gar ausgesaugt oder verwandelt. Die Helleinschlafer (Helleinschläfer?) sind allerdings oft auch Frühaufsteher, also Menschen, die “beim ersten Hahnenschrei” kurz vor Sonnenaufgang aus dem Bett steigen und dann auch noch kommunizieren, vielleicht sogar lustig sein wollen. Aber um diese Zeit bin ich im Hochsommer gerade erst schlafengegangen, zu anderen Zeiten mitten in meiner Tiefschlafphase. Und zum Wachwerden brauche ich meine Zeit, mein Tempo, und das geht auch erst nach ausreichend Schlaf. Daher sind mir solche Zeitgenossen ein Graus und ich meide ihre Gegenwart, was dann zum Kontaktverlust führen kann und oft führt. Nein, Freunde, Mitmenschen, Nachbarn, weil ich bis elf am Vormittag im Bett liege, bin ich kein Langschläfer, denn ich schlafe nicht länger als die meisten von euch, ich tu es nur zu einer andern Zeit, und bin daher ein Späteinschlafer und Spätaufsteher, Dunkeleinschlafer noch dazu.

Ich lebe in der Dunklen Zeit (des Tages, also in der Nacht). Ich liebe den Schein der Kerzen mehr als den der Sonne. Der Winter bietet mir mehr Zeit für meine Art zu leben, und die nutze ich weidlich. Ich bin kein Vampir, kein Nachtmahr, kein Schatten. Ich bin kein Tier und trotzdem eine Eule. Doch greife ich keine Beute, nein, das tu ich nicht. Gönnt mir meine Tageszeit wie ich euch eure gönne, meine Zeit, in der ich kreativ und wach und leistungsfähig bin. Und verlangt von mir um Himmels willen nicht, vor der ersten Kanne Kaffee lustig zu sein oder zu reden wie ein Wasserfall. (Manchmal kann ich das, aber dann sind besondere Umstände oder Menschen daran beteiligt. Das zu erklären würde hier jedoch zu weit führen.)

Also, ihr Lerchen und sonstige Varietäten. Versucht nicht, den Menschen an starre Zeitschemen anzupassen, ihn hineinzupressen, sondern paßt die Zeitschemen an die Menschen und ihre Bedüfnisse und ihre Fähigkeiten an. Damit wäre allen geholfen, zumindest jedenfalls mir und vielen anderen. Und verzeiht mir meine Ergüsse aus der heutigen Abenddämmerungszeit.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 04.10.2018 waren ein sehr frühes Frühstück, ein Vormittag voller Kleinkramtätigkeiten, ein Bier am Abend zuhause.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe.

© 2018 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Geschöpf der Dunklen Zeit (Nº 277/2018)

  1. Myriade sagt:

    Ach, mit 1000%iger Überzeugung unterschreibe ich dieses Nacht- und Wintermensch-Manifest !!

  2. Gudrun sagt:

    Soso, gehörst du also auch zu dem Gelichter.
    Während welche mit den Hühnern zu Bette gingen, saßen andere noch lange bei Kerzenschein in der Kemenate. Gelichter eben. 🙂

  3. Auch wenn ich eher eine Lerche bin und morgens den Tagesanbruch genieße, so ist mir doch die MEZ die richtigere Zeit. Kerzenschein ist einfach heimelig – ob morgens oder nachts!


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  4. Nati sagt:

    Auch ich bin eine Lerche und lebe wunderbar mit einer Eule zusammen.
    Es funktioniert, wenn man denn will.
    Und keiner sollte sich dafür rechtfertigen oder entschuldigen müssen.
    Ich kann in den ersten zwei Stunden auch nicht lachen, da will ich meine Ruhe und ankommen im Tag.

    • Der Emil sagt:

      Um z. B. ab 6.30 Uhr das Radio betriebsfertig zu machen, muß ich halb vier – also zur liebsten Schlafengehzeit – aufstehen, brauch ja auch Zeit hinzukommen.

      Ach, als ich nach dem Abi bis zum Beginn des Studiums damals ausschließlich Nachtschicht arbeitete, das war toll. (ABER damals waren andere Zeiten, die Arbeitsdichte war nicht so hoch wie heute und damit wesentlich angenehmer.)

      • Nati sagt:

        Mein Mann hat immer Nachtschicht, kommt ihn sehr entgegen. Der Urlaub ist dann immer schwer.
        Ich steh Wochentags immer gegen 5.20 auf. Selbst bei Ausschlafen wird es selten nach 9 Uhr bei mir.
        So ist jeder anders und das macht uns alle aus.

  5. Sofasophia sagt:

    Pssst, bin grad eben erwacht. Gut, so lange schlafe ich normal nicht. Oder vielleicht doch? Was meine Normalität ist, finde ich zurzeit nämlich gerade heraus.
    Ich kann übrigens auch bei hell (Tageslicht, kein Kunstlicht) schlafen. Will heißen meine Schlafprobleme haben und hatten nie mit Licht und Dunkelheit zu tun.
    Dein Plädoyer unterschreibe ich 👍🏻


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  6. Frau Momo sagt:

    Früher war ich auch so eine Nachteule. Meine Hausarbeiten im Studium habe ich oft nachts geschrieben. Aber inzwischen schlafe ich im Hellen ein, stehe morgens früh auf, auch wenn ich nicht muß. Der Gatte hingegen war noch wach, als ich gestern um 2.30 Uhr aufgestanden bin, um zum Hambacher Forst zu fahren. Wenn er nicht jobbedingt um 4 Uhr hoch muß, macht er auch gerne halbe oder ganze Nächte durch. Ich kann das nicht mehr.

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