Was Großmutter noch wußte (Nº 166/2018)

Ist das eine verlorengehende Kuturtechnik?

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Es ist kein Witz, kein Scherz und ich beschönige und übertreibe nicht. Allerdings ist das Geschehen jetzt schon ein paar Wochen her.

In einem Anfall von Nostalgie und Verschrobenheit hatte ich für einige Tage kein Feuerzeug bei mir, wenn ich aus dem Haus ging. Irgendwie wollte ich meinen Vorrat an Streichhölzern aufbrauchen. Als Raucher nahm ich also immer zwei Schachteln Streichhölzer mit, eine verstaute ich im Rucksack, eine in der linken Hosentasche. Klar, heutzutage ist es eher ungewönlich, ein Hölzchen anzureißen und sich an dessen Flamme die selbstgedrehte Kippe anzuzünden. Aber: Als ich mit dem Rauchen anfing, so um 1980 herum, da waren (Gas-)Feuerzeuge noch Luxusartikel; und selbst die aus dem Westen kommenden Einwegfeuerzeuge wurden mühevoll durch die Brennerdüse wiederbefüllt. Der Umgang mit Züdhölzern war damals das Normalste der Welt.

So stand ich also eines frühen Abends Anfang Mai 2018 auf dem Marktplatz in Halle, wartete rauchend auf die Straßenbahn. Ein ziemlich junger Kerl – ich schätzte ihn auf 18 oder 19 Jahre – fragte mich, eine Zigarette in der Hand haltend, nach Feuer. Ich reichte ihm ganz selbstverständlich meine Schachtel Streichhölzer. “Bitte!” Er blickte mich verständnislos an, seine Miene ließ sehr deutlich ein “Ey Alter, willste mich verscheißern?” erkennen. Ich nahm also das Anzünden selbst in die Hand: Schachtel auf, Streichholz raus, anreißen, das Holz mit dem brennenden Kopf zwischen beiden Händen und der Streichholzschachtel windgeschützt richtig aufflammen lassen und die Flamme in Richtung Jüngelchen präsentieren. Oha! Feuer! Er zog zweimal, stieß den ersten Rauch aus und bedankte sich nun doch. „Hier, kannste behalten.“ Die so angebotene Streichholzschachtel lehnte er ab, wort- und gestenlos, indem er sich, mit einer Hand vor seiner Stirn eine imaginäre Fliege verscheuchend, umdrehte und davoneilte.

Faulheit? Unwissen? Ist das Anzünden eines Streichholzes im Jahr 2018 wirklich etwas, das heutzutage nicht mehr erlernt wird, weil es einfach altmodisch ist im Zeitalter der immer und überall verfügbaren Feuerzeuge? — Ich glaube, er hatte tatsächlich keine Ahnung, wie mit Zündhölzern umzugehen ist; Und ich weiß nicht, ob ich hilflos traurig oder keineswegs überrascht sein soll vom Verlorengehen der Kulturtechnik Streichholzanzünden

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 15.06.2018 waren Lachen über kleine Mißgeschicke, weitere gestrichene Punkte der Mach-das-Liste, ein gebändigtes Windoof 10.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zwei der Schwerter.

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Über Der Emil

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0 Antworten zu Was Großmutter noch wußte (Nº 166/2018)

  1. Nati sagt:

    Hallo Emil. Zur dunklen Jahreszeit zünde ich ganz selbstverständlich die Kerzen mit Streichhölzer an.
    Meine Jungs durften sogar früher im Kindergarten und in der Grundschule unter Aufsicht der betreuenden Kraft mit Streichhölzern die Kerzen am Adventskranz entzünden.
    Ich finde nicht das es so ungewöhnlich ist.
    Ok, auf der Straße sieht man so etwas eher nicht.
    LG, Nati


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  2. Gudrun sagt:

    Ich finde es gut, wenn du darüber schreibst.

  3. Auch wenn Streichhölzer stimmungsvoller sein mögen als Feuerzeuge, benutze ich sie auch kaum noch. Im Supermarkt habe ich sie aber neulich noch gesehen!

  4. wildgans sagt:

    Der junge Kerl hatte keine Oma mit Ofen und bei der freiwilligen Feuerwehr ist er auch nicht. Seufz…

  5. Ulli sagt:

    Echt jetzt? Für mich kaum vorstellbar, natürlich benutze auch ich noch Streichhölzer, neben den blöden Einwegfeuerzeugen, die ja leztlich nix anderes als am Ende Plastikmüll sind.

  6. sabeth47 sagt:

    Seufzend stimme ich Emil zu. Es geht verloren. Die Omas dürfen mit den Kindern keine Kerzen mehr mit Streichhölzern anzünden. Die Kinder fürchten sich gar! Und man bekommt so ein langes Anzündewerkzeug gereicht, wie es in den 70ern auch solche Stöcke für Gasherde gab.
    Leider habe ich weder Ofen noch Kamin, aber irgendwo werde ich mal ein Lagerfeuerchen machen mit den Kleinen. So!

  7. piri ulbrich sagt:

    Tut zwar nicht unbedingt was zur Sache, ist aber dennoch eine schöne Geschichte zum Thema Streichholz:

    Der Seemann, die Zigarette und die Kerze

    Ein alter Aberglaube sagt, dass jedes Mal ein Seemann stirbt, wenn jemand sich eine Zigarette an einer Kerze anzündet? Seemännischer Aberglaube hat oft einen realen Hintergrund, so auch in diesem Fall.

    Denn wenn Seeleute keine Heuer auf einem Schiff bekamen, wenn sie meist während des Winter ihre Zeit zwangsweise an Land verbrachten und damit ohne Einnahmen waren, verdienten sich viele Seemänner durch den Verkauf von Streichhölzern etwas dazu.

    Wer sich also seine Zigarette an einer Kerze und nicht mit einem Streichholz anzündete, brachte einen Seemann um seinen Verdienst. Man raubte ihm seine Existenz oder, übertrieben formuliert, man beförderte ihn an den Rand des Todes.

    • Der Emil sagt:

      Oh, das kenne ich und ich habe es auch immer beherzigt: Keine Zigarre oder Zigarette an einer Kerze anzünden, sonst stirbt ein Seemann …

      Daß sich diese Geschichte aber bis ins Erzgebirge, eine Bergbaugegend, herumgesprochen hatte und kein Bezug auf die armen Bergleute genommen wurde, bei denen es durchaus ähnlich war, wunderte mich auch immer …

  8. frauholle52 sagt:

    Kinder wischen auch über Fotos in Zeitschriften, um sie zu vergrößern. Ja, die Welt verändert sich!

  9. eiderente sagt:

    Lieber Emil, seit einiger Zeit lese ich in Deinem Blog und find ihn wunderbar. Bin kommentierfaul, aber zu den Streichhölzern muss ich doch mal: Vor einigen Jahren bin ich im Rahmen meiner Plastikvermeidungsaktivitäten von Feuerzeugen auf Streichhölzer umgestiegen. Wenn mich einer nach Feuer fragt, biete ich ihm oder ihr mein „Einwegfeuerzeug aus nachwachsenden Rohstoffen“ an…die Reaktion: erst ein verständnisloser Blick („Was hat die?“), dann ein „Aha-Blick“, manchmal mit Anzeichen von Nervosität („kann ich das damit überhaupt?“) aber irgendwie haben bisher alle ihre Zigarette zum Brennen gebracht. Problematisch finde ich eher, dass seit einiger Zeit die Läden weniger werden, in denen man überhaupt noch Streichhölzer kaufen kann. Die bekannten Discounter A. und L. haben gar keine mehr, die Drogerieketten nur die großen für Kamin und Lagerfeuer bzw. viele Kerzen auf einmal, und mein Supermarkt hat nach der Übernahme und Sortimentsänderung nicht nur Streichhölzer, sondern auch sowas Simples wie Butterbrotpapier von der Rolle ausgelistet. Ich muss jetzt immer den dritten schrecklichen Discounter n. aufsuchen, um Streichhölzer zu kriegen! Okay, wegen Streichholzmangel mit dem Rauchen aufzuhören wär ja mal ein außergewöhnlicher Grund… der mich allerdings (noch?) nicht überzeugt!
    Viele Grüße und bitte schreib weiter!!!

    • Der Emil sagt:

      Da, wo ich einkaufen gehe, führen die Discounter und die Drogeriemärkte noch Streich-, Zünd- oder Schwefelhölzer bzw. -hölzchen (okay, die letzte Bezeichnung ist wirklich veraltet).

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