Ehrenamtlich Entziffern und Abschreiben (Nº 057/2018)

Anstrengender Spaß.

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Es sind nur Stichworte. Viele Namen und Titel und Orte und Amtsbezeichnungen. Nur weniges ist unlesbar; vieles, was auf den ersten Blick nicht zu entziffern ist, läßt sich mit­hilfe Openstreetmap und Suchmaschinen erschließen und durch Vergleich mit anderen Worten doch noch transkribieren. Und ja, es ist ein sonderbares Gefühl, trotz aller Knapp­heit der Notate so weit in das Privat- und Dienstleben von längst Dahin­geschie­denen einzutauchen. Einhundertfünfunddreißig Jahre zurück liegt, was da dokumentiert wurde im Raum südöstlich von Stuttgart. Besonders beeindruckend sind die seltenen “Privat”-Bemerkungen über Krankheiten und Familiendinge, über Gebete und ähnliches. Und ich habe mittlerweile fünf verschiedene Handschriften, d.h. die Handschriften von fünf unter­schiedlichen Menschen gefunden. Am schwierigsten zu lesen sind die, die fröhlich und kunterbunt Kurrent- und lateinische Buchstabenschreibweisen mischen. Zefix! An einem solchen Gebilde saß ich heute eine knappe Stunde, ehe ich erkannte: zwei Handschriften, mehrere (abgekürzte) Worte, von denen zwei noch nachträglich eingefügt sein müssen. So ein Durcheinander. Aber die Befriedigung, das dann entziffert zu haben und sogar verstehen zu können, für andere verständlich aufbereitet zu sehen, die ist groß.

Warum ich das tu, mir das antue? Weil ich eben noch in der Lage bin, solche alten (in diesem Fall eher recht jungen) Handschriften zu lesen. Früher wurde vieles eben hand­schriftlich fixiert, da gab es keine Schreibmaschinen, Drucken war nur für Massen­ware üblich. All das Aufgeschriebene in den Kurrent-, Sütterlin-, Kanzlei- und sonstwie ge­nann­ten Schriften geht doch spätestens dann für die Allgemeinheit verloren, wenn niemand mehr das alles lesen kann. Mag sein, daß da oft Bedeutungsloses, für die heutige Zeit Bedeutungsloses gefunden wird; doch allemal war den damaligen Menschen es von genügend großer Bedeutung für das Aufschreiben, war es wert, schwarz auf weiß fest­ge­hal­ten zu werden. Zum Beispiel habe ich vor kurzem einen Fernsehbeitrag gesehen über Pfarrhäuser in Sachsen, und in einem waren eine Art Besuchslisten geführt worden, worinnen penibel aufgezeichnet ward, welche Amts- und sonstigen Personen in eben jenem Pfarrhaus aus welchem Grunde für welchen Zeitraum beherbergt wurden. Daraus läßt sich erahnen, wie wichtig Pfarrhäuser früher für das Leben der Dörfer und Städte waren. Wo sonst außer im Pfarrhaus konnte denn logiert werden, so es kein an­ge­mes­senes Gasthaus vor Ort gab? Ja, auch solche handschriftlichen Aufzeichnungen könnte ich übertragen, überhaupt die alten Kirchenchroniken und Kirchenbücher, Vereins­chro­ni­ken, Inventare usw.

Auch Kontorbücher von Kaufleuten verschiedenster Couleur oder von Gutsverwaltern wären (waren für mich schonmal) interessant: Was wurde von wem wie gehandelt, in welchen Mengen und zu welchen Preisen? Da käme dann noch eine Schwierigkeit dazu: die alten Zählmaße Schock, Mandel, Gross; Klafter, Ster, Rute, Elle, Fuß – und was es alles gab. Haben doch heutzutage die meisten Menschen schon mit dem Zeichen für das Gewichtsmaß Pfund (dieses durchkringelte große M in lateinisch aussehender Schreib­schrift) …

 

Solange ich mit meinem Faible für alte deutsche Handschriften helfen, bewahren helfen kann, mach ich das gerne.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 26.02.2018 waren Ausschlafen (neuerdings elf Stunden), eine neue Pfanne, unerwartetes Telefonieren.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Ritter der Münzen.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Ehrenamtlich Entziffern und Abschreiben (Nº 057/2018)

  1. Myriade sagt:

    Muss ja auch interessant sein, gerade die kleinen, unbedeutenden Dinge, was den Menschen damals wichtig und erwähnenswert war ….

  2. Xeniana sagt:

    Das klingt richtig spannend!

  3. Ich finde es gut und wichtig das es Menschen gibt wie dich. Die es als wichtig erachten solche Schriftstücke zu entziffern und zu retten.
    Ich finde es nur schade das dies nicht als Beruf betrachtet wird womit du dir dein Brot verdienen kannst. Immer mehr Sachen werden als Ehrenamt bezeichnet, die dabei eigentlich so wichtig sind. Dabei ist es heutzutage gar nicht mehr so selbstverständlich solche Handschriften lesen zu können. Für mich also ein seltenes, wichtiges Gut was du besitzt.

  4. Corinna sagt:

    Ich find‘ das total spannend! Schön, dass du das kleine Leben zu bewahren helfen kannst!


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  6. de Chareli sagt:

    Das finde ich als Beschäftigung reichlich cool. Eine spannende Entdeckungsreise durch (noch) unbekannte Leben und Welten!

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