Aus dem Leben eines Privatiers.
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Er weiß nicht mehr, wann er damit angefangen hat. Doch es ist sein allabendliches Ritual. Jeden Abend dieser Ablauf, dieses Ritual: Ausziehen, im Bad die Abendtoilette erledigen, den Schlafanzug anziehen. Und dann …
Auf dem Stuhl gegenüber seines Platzes am Eßtisch, auf dem Stuhl, der früher, viel früher der Platz seiner großen Liebe war, auf dem für ein paar Monate seine Frau, sein ihm angetrautes Weib saß, steht eine große, braune Ledertasche mit Schulterriemen. Jeden Abend füllt er sie mit dem Wichtigsten, was er auf einer Reise, einer Reise ohne Wiederkehr, wie sein Weib sie angetreten hatte, unbedingt zu benötigen vermutet. Seinen Paß steckt er hinein und eine Summe Bargeld, die er immer im Hause hat. Das Familienstammbuch bleibt sowieso immer in der Tasche, ebenso wie die wichtigen Versicherungsunterlagen und der notariell beglaubigte Kaufvertrag für das Häuschen, zwei saubere Taschentücher, ein Kopierstift, ein Kamm. Jeden Abend gibt er zwei Halbliterflaschen Wasser und ein Pfund Brot in diese Tasche. Er achtet sorgsam darauf, daß die Taschenlampe nicht unter dem Proviant verschwindet oder gar eingeschaltet ihr Licht über Nacht verschwendet. Streichhölzer, Tabak und Zigarettenpapier sind auch in der Tasche, obwohl er nicht raucht. Und jeden Abend steckt er seine Zahnbürste in eine der kleinen Innentaschen.
Ehe er wirklich schlafen geht, liest er noch in einem alten Buch, nein, in einer Kladde, die er vorsichtig aus der Tasche nimmt und die er nach nur einer Seite wieder sorgfältig in der Tasche verstaut. Dabei geht er sowohl zum Holen als auch zum Einpacken jeweils eine Runde gegen den Uhrzeigersinn um den Tisch. Ehe er im Schlafzimmer das Licht ausschaltet, überzeugt er sich davon, daß auf dem Nachtschrank die Kerze steht und die Streichhölzer bereitliegen.
Jeden Abend dieses Ritual, jeden Abend diese Vorbereitungen auf eine Reise ohne Wiederkehr. Und jede Nacht um 3.47 Uhr schreckt er hoch aus dem Schlaf und hört wieder die Wohnungstür splittern …
Ich habe das unbestimmte Gefühl, daß er in den Dunstkreis von Tante Erdmute gehört …
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Das Gute am 29.09.2017 waren ein erledigter Termin, erledigte Hausarbeit, abgeschlossene Vorbereitungen.
Die Tageskarte für morgen ist das As der Stäbe.
© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ein sehr nachdenklich stimmender, berührender Text. Danke.
Ob Erdmute seine Schwester war? Die Schwägerin vielleicht? Die Frau gar, die geliebte?
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Noch weiß ich es wirklich nicht. Er hat auch noch keinen Namen …
Mal sehen wie es weiter geht.
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Verstehen kann ich das nicht so richtig. Hört sich ein wenig nach zwanghaft an oder nach ererbtem Unglück, Sichversteckenmüssen oder Flüchten, und Angst ist im Spiel. So etwas wünscht man niemandem. Jedoch sollte es in Worten ausgedrückt sein…
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Ich gestehe, daß ich auch noch nicht viel mehr weiß. Dieser Text war plötzlich so da, ohne Erklärungen, ohne Hintergrund. Ich hoffe, da arbeitet sich noch einiges aus meinem Denkicht heraus.
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