Alle Bedürfnisse …
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Heute Abend sitzt er allein zuhause. Er langweilt sich vor dem Fernsehgerät und ist doch nervös, angespannt, fast ängstlich vor Sorge um ihr Wohlergehen. Denn sie ist nicht zuhause. Sie ist unterwegs. Sie, die, die er wirklich bedingungslos liebt – obwohl … Eine Bedingung bleibt dann doch, eher ein Wunsch, eine Hoffnung: daß sie bei ihm bleibt.
Sie ist unterwegs. Nicht für Geld, nicht mit ihren Freundinnen, nicht in der Oper. Sie trifft sich mit einem Mann, den er nicht kennt. Aber ihren Worten nach kann ihr jener geben, wozu er nicht in der Lage ist. Und tatsächlich weiß er um seine Unzulänglichkeiten und gönnt ihr das Vergnügen mit jenem anderen Mann. Jedes Vergnügen. Und weil er sie über alles liebt, stellt er keine Fragen, spioniert er nicht hinterher, will er keine Einzelheiten wissen. Sein Liebesbeweis an sie ist ihre Freiheit, das zu tun, was sie zufrieden macht. Ihr Liebesbeweis ist jedesmal ein kleines Video oder ein paar Bilder für ihn.
Ach ja, er überlegte schon oft, ob es ihm gefallen würde, wenn er direkt dabeisein könnte. Doch nein, er fragt nicht danach, er fordert es nicht ein, bettelt nicht darum. Soll sie ruhig ihr Vergnügen haben mit diesem Anderen. Soll sie ruhig stundenlang in seinen Armen liegen. Er weiß, es geht ihr dort gut, sie braucht das, und sie liebt ihn ebenso sehr wie er sie. Und er gönnt ihr die Nächte. Sein Rhythmusgefühl ist einfach nicht mehr vorhanden, seit er im Rollstuhl sitzt, mag er weder Merengue noch Tango mit ihr tanzen außerhalb der Wohnung – er hat es einmal versucht und fühlte sich unwohl, schief angestarrt. Und seitdem hat sie an jedem Mittwoch Abend dieses Treffen mit dem Anderen. Den Bildern und Videos nach sind sie ein begnadetes Tanzpaar, besser als sie und er selbst jemals hätten werden können.
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Das Gute am 27.09.2017 waren ausschlafen, Deine Stimme, ein unerwartetes Kompliment.
Die Tageskarte für morgen ist Das As der Kelche.
© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ich mag die Wendungen in deinen kleinen Geschichten. Am Anfang denkt man, man weiß immer sofort was jetzt kommt und dann: Richtungswechsel. Schön!
Danke 😉
Ach, übrigens ist das etwas, das ich … nunja, wirklich immer wieder zu erreichen versuche: Die Leser glauben, den Plot zu kennen, weil er so „gewöhnlich“ beginnt, so bekannt routiniert; und dann muß der Bruch sein, die Desillusionierung kommen.
Und ich freu mich diebisch, wenn das funktioniert 😉
Du kleiner Fuchs, du 😀. Macht aber auch Spaß solche Geschichten zu lesen.
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