Leider weiß ich darüber fast nichts (2017: 241)

Eine unbefriedigte Neugier.

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Da fällt mir ein: Ich zum Beispiel habe meine Eltern, geschweige denn meine Großeltern, nie gefragt, wie das bei ihnen “mit der Liebe” war, mit der Körperlichkeit, dem Streicheln, Küssen und ja, auch mit dem Sex. Ich habe auch keine anderen Menschen aus diesen Altersgruppen danach gefragt … Ja, das “gehört sich nicht”. Scheinbar/anscheinend war das lange, lange Zeit so, daß die Menschen darüber nicht zu sprechen wagten, nicht sprechen durften; die Scham war zu groß und auch … zu sehr durch die hierzulande christliche Moral verlangt und befördert. Selbst in meiner Generation war das lange Zeit noch verpönt. In der DDR wurde zwar vernünftig aufgeklärt, aber über dieses Thema zu sprechen war nicht so weit verbreitet wie heute.

Ich habe den (persönlichen) Eindruck, daß Sex und all seine Einzelheiten heute “salonfähig”, nein, alltäglich geworden sind. Vielleicht ist dadurch etwas vom Geheimnis verlorengegangen, vom Wunder, das Menschen darin oft und immernoch erwarten.

Ich sehe keine Pornofilme, nicht mehr, das war 1990 kurz aktuell, als die ersten (und eher schlechten) Filme dieser Art in den wie Pilze aus feuchtem Waldboden schießenden Videotheken verfügbar waren. Aber Photographien, pornographische Bilder, die sehe ich mir durchaus an. Und ich rede auch darüber, also über Sex, über Praktiken, Probleme, Ideen. Nein, nicht mit jeder und jedem, ganz gewiß nicht. Am ehesten noch mit den Menschen, die … zur gleichen Subkultur sich zugehörig fühlen wie ich. Bisher habe ich davon nur zwei, nein, drei Ausnahmen gemacht – und habe es zweimal bereut. Also: Ich rede über Sex, über meinen Sex, über meine Vorlieben, Abneigungen, Träume, Wünsche, Absichten. Ja, ich frage auch gerne nach solchen Dingen und lasse mir wirklich gerne – naja, den Rest könnt ihr euch sicher vorstellen.

Und doch, obwohl ich Elfriede Vavriks Buch “Nacktbadestrand” las, obwohl ich sogar ziemlich viel zum Thema Sexualität im Alltag meiner Eltern- und Großelterngenerationen zu lesen versuche: Ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie das früher war mit der Körperlichkeit. Und ob es für die Generation meiner Eltern mit der zunehmenden Offenheit leichter, einfacher, besser, natürlicher wurde, weiß ich auch nicht. Neugierig wäre ich schon. Und zwar nicht nur auf diesem Gebiet:
Ab und zu bedaure ich, daß damals niemand bloggen konnte über sein alltägliches Leben. Denn ich weiß kaum etwas über das Leben meiner Großeltern und deren ganzer Generation und nur wenig mehr über das meiner Eltern und ihrer Generation, über das alltägliche Leben, ihre Beziehungen, ihre Sehnsüchte, Träume, Phantasien, Gefühle. Ich fürchte, daß das Wissen darum immer nur ein sehr spärliches bleiben wird.

 

Auf solche Gedanken komme ich, wenn ich meinen Text von gestern genauer betrachte.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 29.08.2017 waren eine geschaffte Schicht, Mittagsschlaf, Dr. Who.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Fünf der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Leider weiß ich darüber fast nichts (2017: 241)

  1. Auch heut zutage möchte man doch nicht daran denken das die Eltern Sex haben oder hatten. Wenn man an die Eltern denkt, denkt man an Sexlose Menschen. So ist das in der Gesellschaft.

  2. Ulli sagt:

    Ich sehe das nicht so, dass heute mehr über Sex geredet wird, w i r k l i c h geredet! Und noch immer sind genau mit diesem Thema viele überfordert, wie gerne wir uns hinter Metaphern verstecken (wir, weil ich mich miteinschließe), hinter Poesie – und weißt du was, ich brauche es gar nicht ganz nackt, ganz offen, ich liebe das Geheimnis zwischen zwei Menschen…


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  3. Ist das so wichtig zu wissen, wie unsere Vorfahren Sex hatten? Warum? Lässt Ihnen doch ihre Geheimnisse und kleine Verstecke! Mir ist das egal. Törnt dich das an? Mir ist das egal. Ich hätte nie mit meinem Vater Sex haben wollen und mit wem ich das nicht wollte, deren Sexualität geht mir am Allerwertesten vorbei…

    • Der Emil sagt:

      Deswegen schrieb ich ja auch von Streicheln, Küssen usw.

      Nein, bei den Vorfahren törnt mich das überhaupt nicht an; ich möchte ihren Alltag …

      Grad rauf ich mir die Haare. Ja, ich habe die Sexualität im Text oft erwähnt; doch in meinem Kopf war sie eben nur (plakativ hervorgehobener) Bestandteil des Alltaggslebens, von dem ich (auch) kaum etwas weiß.

  4. puzzleblume sagt:

    Das Problem hinter dem Unwissen ist der Widerwille der Nachkommen, denke ich, denen die Fassade der reinen Elternschaft wichtig ist, um nicht irritiert zu werden in der Eindeutigkeit, mit der sie ihre kleine Welt ordnen in Menschen mit bestimmten Rollen.
    Vielschichtigkeit ist eine Herausforderung, der sich nur sehr mutige Personen stellen, un deren Mut rührt, wie deiner, meistens nicht aus einer schlichten Neugier, die einem ja beizeiten in puncto menschlicher Sexualität erzieherisch kanalisiert wurde, sondern aus der Ahnung heraus, dass es einem aus persönlichen Gründen wichtiger sein könnte, um seine eigene gegebene Position besser zu verstehen.
    Ich denke, dass Menschen, die sich auseinandersetzen wollen mit ihren Impulsen auf der einen Seite, oder Hemmungen andererseits, nicht zufrieden zu stellen sind mit nur visuellen Angeboten, wie sie die Medienindustrie als kommerzielle Produkte anbietet.
    Kommunikation über Sexualität muss schließlich auch gelernt werden.

    Das Lesen von mehr oder weniger sachlicher Lektüre zu den Themen bietet zwar Wissenserweiterung auf der Sachebene, aber entbehrt des persönlichen Bezugs und bringt einen nicht weiter darin, darüber zu sprechen, ohne mit dem Gegenüber in die Situation zu kommen, dass es nach einer Offenbarung individueller Eigenheiten immer eine fallbeilartige Entscheidung über die ganze Beziehung , den Bestand des Kontakts geben muss, und dabei ist es ganz gleich, ob jemand homosexuelle Vorstellungen, äußert, oder über eher ungewöhnliche Phantasien und Wünsche.

    Andererseits hilft einem das Wissen über das sexuelle Miteinander der Eltern, Großeltern etc. aber nicht weiter, wo es partnerschaftliche Bindung geht, weil die aufgrund der Lebensumstände, Gesetzgebungen oder Notzeiten viel pragmatischer oder resignierter mit dem umgegangen sind, was punktuell nicht ideal zusammengepasst hat, solange nur das firmenähnliche Konstrukt von Ehe und Familie gut lief.

    Ich glaube nicht, dass sie glücklicher waren darin, innerhalb der Bindung jede ersehnte Erfüllung zu finden als jemand der heute eine – noch so flüchtige – Partnerschaft sucht. Aber möglicherweise hatten sie es etwas leichter, weil das Ideal, miteinander jeden Gedanken teilen bzw. kontrollieren zu wollen, weniger ausgeprägt war und andererseits die Möglichkeiten geringer, gerade dies zu tun.
    Allein schon, weil es weniger medialen „Konfrontationsstoff“ gab, der den Partner herausfordern musste.
    Es war auf diese Weise sicherlich leichter, eine nur so genannte „bessere Hälfte“ für das materielle Projekt Leben zu finden, als einen irgendwo da draussen wartenden, einzigartigen und alle Sehnsüchte verstehenden und teilenden Seelenzwilling zu finden

    Man muss es wohl einfach akzeptieren, dass es einen Unterschied macht, ob man sein Leben mit einem Fußball- oder Autonarren teilt, oder mit jemandem, dessen erotische Vorstellungen sich ins für den andere Unverständliche bewegen. Aber um bei dem Beispiel zu bleiben: so wie sich diese einem Lieblingsverein oder einer Lieblingsmarke zuwenden, so verschieden sind doch auch die Vorstellungen innerhalb der von aussen betrachteten „Szene“, und damit meine ich nicht die Rollenverteilungen, sondern die damit verbundenen Vorstellungen. Es gibt ein durchaus „vanilliges“ Verständnis von Geben und Nehmen, bei dem man gar nicht so genau sagen könnte, ob sich der sogenannte Dominierende nicht ebenso der Disziplin des anderen unterwirft, und eben die vielen anderen Spielarten, deren Kompatibilität eine Partnerfindung noch viel komplizierter macht, und das über die Sprache hinaus.

    Dass sich heutzutage so viele Menschen leisten können, sich damit gedanklich zu beschäftigen, wie sie ihren Vorstellungen zur Realisierung verhelfen könnten, ist persönlicher Luxus und Last zugleich, denn eine durch Medien suggerierte Erreichbarkeit beschäftigt vielleicht den privatesten persönlichen Lustgewinn, aber macht den Einzelnen so viel individueller und anspruchsvoller, dass das Finden eines absolut kompatiblen Menschen für alle Lebenslagen unwahrscheinlicher wird als einen Lottogewinn.

    Es geht nicht um die Kommunikation, wenn es schwierig es ist, über Sexualität zu sprechen, es geht um das, was man in den wehrlosen Seelenbereichen des anderen berührt, wo jede Möglichkeit zur Argumentation endet.

    Darum wahrscheinlich enden Gespräche über das Allzu-Andere im hilflosen Abbruch einer im Entstehen befindlichen Nahbeziehung, oder machen langfristig ein Miteinander unmöglich, wo Wünsche offenbart, aber nicht nur durch den anderen unerfüllbar sind, sondern denjenigen auch in der Tiefe seiner Seele beunruhigen.
    Es steht dann unausgesprochen aber ständig ein Schatten der Zurückweisung, des schlechten Gewissens, des Vorwurfs und des Unvermögens im Raum, mit dem es keiner von beiden aushalten kann.

    • Der Emil sagt:

      Oh. Vielen, vielen, vielen Danke dafür! Hier nur eine erste, kurze Meldung.

      Du sprichst einiges an, das auch ich im Kopf hatte.

      „… das Ideal, miteinander jeden Gedanken teilen bzw. kontrollieren zu wollen“ — genau, wie konnten die ohne sooo lange zusammenbleiben? Aber taten sie es vielleicht gerde deshalb?

      „… das Finden eines absolut kompatiblen Menschen für alle Lebenslagen unwahrscheinlicher wird als einen Lottogewinn“ — und auch da wieder: Es ist ja bekannt, daß zuviel Auswahl einfach nur Streß ist und kein Vorteil.

      ———————

      Es geht/ging mir eben nicht nur um Sexualität, es ist der ganze Alltag einer Beziehung, von dem ich nichts oder nicht viel weiß. Und diese beiden von mir herausgegriffenen Gedanken gehören da eben auch dazu.

      • puzzleblume sagt:

        Danke. Ich glaube, auf der Basis bestimmter allgemeiner Werte im Frieden zu sein mit den Unterschieden ist wichtiger als größtmögliche Übereinstimmungen in allen Details. Aber du hast gerade in dem Zusammenhang bestimmt Recht mit dem Mangel, der aus dem (scheinbaren) Überangebot entsteht. Davon waren die Generationen zuvor verschont.

  5. Meine Oma, sie war Jahrgang 1920, hatte immer betont, wenn mein Vater so streng mit mir war: „Wo ein Wille, da ein Gebüsch.“ Das lies mich immer schmunzeln. Generell habe ich auch ehr den Eindruck, obwohl mein Vater noch bis Ende der 60er Jahre in London lebte, gekifft hatte etc. plötzlich einen seltsamen teils verspießten Wandel durchlebte. Wie einige seines Jahrgangs. Meine Großeltern schienen einiges entspannter zu sehen, auch war die Sprache, das Andeuten des Zweideutigen anders, interessant, aber ziemlich heftig. Ich weiß noch wie ich ein Buch als Kind fand, welches ziemlich versaut war, auf dem zweiten Blick, doch verblümt geschrieben war. ^^ Ich habe oft den Eindruck (Ausgaben gibt es natürlich immer) Dass die Generationen immer ein wenig im Wechsel sind, einmal verspießt, dann kommt die auflehnende Jugend, dann wiederum deren Kinder, die dieses Leben für ‚ungeordnet‘ und zu locker ansehen… Ein ewiger Kreislauf. Langfristig setzt sich dann meist die ‚Mitte‘ durch, habe ich die Vermutung. 🙂

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