Ultreïa! Tag 1 – was für eine Etappe
Seit gestern weiß ich, daß ich auch die längsten Etappen des Ökumenischen Pilgerweges realistisch schaffen kann. Zwar schwer, aber machbar.
Als ich kurz vor zehn die Herberge verließ, um dieses riesige “&” zu fotografieren als Symbol für meinen tatsächlichen Start, ging ich von 18 km Wegstrecke für den Tag aus. Ich hatte noch Brot und Quark und Nüsse und zwei Liter Wasser dabei. Görlitz. Görlitz hat sehr viele Kirchen und ich war in nicht einer einzigen davon. Nicht in St. Jacobi, die 1994 mit Gründung des Bistums Görlitz zur Kathedrale erhoben wurde, nicht in der Nikolaikirche, an der der Weg offiziell beginnt. In der einen nicht, weil das etwa eine Stunde Zeit gekostet hätte, in der anderen nicht, weil sie noch verschlossen war. Nun gut, auf geht’s.
Von der Neiße hinauf zu St. Nikolai ist es ein kurzer, steiler Anstieg. Einmal drumrum, kurz bergab und schon war ich am Heiligen Grab. Bergauf ging es dorthin, und danach noch eine ganze Weile. Bis ich hinter dem Krankenhaus, hinter einer stillgelegten Straßenbahnendstelle den Ort über eine Brücke über die Eisenbahn mich nach rechts wenden verlassen konnte, ging es beinahe eine Sunde nur bergauf. Und weil ich diese Strecke hinter mich bringen wollte, war ich auch nicht im Heiligen Grab. Görlitz‘ Sehenswürdigkeiten hebe ich mir für einen späteren Besuch auf. Etwa 30 Minuten saß ich Schuhe, Füße und Socken lüftend am Rastplatz “Landeskronenblick”. Weiter nach Ebersbach – wo ich dann die Beschilderung übersah und etwa einen Kilometer in die falsche Richtung ging. (Ich habe auf mein GPS-Tracking geschaut, das ich in Görlitz einschaltete, da fiel es mir auf. Über eine nicht blickdichte Bohlenbrücke, deren Einzelteile sich unter mir bewegten, muße ich den/die Schöps überqueren. Auch das hab ich geschafft.
Danach machte die Route noch viel Spitzkehren und Schlenker. In Liebstein etwa: Rechtskurve, bergauf, Spitzkehre nach links, bergab, scharfe Rechtskurve bergauf. Und dann ging es weit übers Feld in den Königshainer Forst. Schöner Wald, schöne Bäche, wenig Müll, viele Pilze. Eine Pilgerbank, auf der ich wieder knapp eine halbe Stunde pausierte. Ein Schild: Hochstein 2,1 km! Genau dort muß ich hin, um etwa 7 km weiter Arnsdorf mit der Pilgerscheune zu erreichen! Ich geh etwa zehn Minuten, da kommt das nächste Schild an einem Rettungskräfte-Sammelplatz: Hochstein 2 km! Hä? Ich habe zehn Minuten für 100 m benötigt? Wieder das GPS gezückt, das bei mir auf dem Mobiltelefon läuft: etwas mehr als sechshundert Meter. Moment. Wieso bin ich jetzt schon 24 km unterwegs, diesem modernen Dingskrams nach? Und mein Wasser ist fast leer. Das war der Punkt, der mich in diesem Moment vom Wildzelten abhielt und zum neuen Kartenstudium brachte: In dem Dorf da gibt es einen Laden. Es ist jetzt 16 Uhr (d.h. ich ging fünf Stunden mit knapp fünf Kilometern pro Stunde). Zum Zelten bräuchte ich mehr Wasser. Ich versuche es mit Arnsdorf abseits der offiziellen Route und auf kürzem Weg doch noch. Und wenn ich es nicht schaffe, dann gibt es Wald und Zelt.
Gesagt, getan. Und mich unterwegs für meine blöde Pilgeridee verflucht. So langsam taten Oberschenkel und Füße weh … Dann hatte ich wieder Wasser – und vom Zelten haben mich nur die kurz scheinenden, aber wahrscheinlich längsten drei Kilometer der Welt abgehalten.
17 Uhr und dreißig Minuten. Ankunft in Arnsdorf. Plötzlich das hier: ganz alleine für mich ein Drittel im obersten Stock einer Scheune, ähnlich groß wie bei Irgendlink: die Mitte das Kino ohne Zwischenböden darüber, die andere Seite besser ausgebaute Pilgerunterkunft und ich bin da drin absolut frei von Höhenangst. Eine Liege, wie ich sie aus Kindertagen noch kenne. Alle vier Pilgerinnen aus Görlitz auch hier! Hefeweizen! Göttlich! Es wurde ausnahmsweise auch gegrillt – da konnte auch ich nicht nein sagen. Duschen, eine Wäscheleine aufspannen und in der Scheune das gleich mit herausgewaschene Zeug aufgehängt: wie genial.
Und danach draußen gesessen und geklönt und gescherzt. Herrlich. Als ich den Text schreibe, ist es gerade 22 Uhr, ich bin hundemüde, das Netz lahmt. Also werde ich irgendwann mal Bilder nachliefern, so ich heute morgen das Fotografieren nicht vergesse.
Das GPS-tracking spricht von 30 km, die ich gegangen bin an meinem ersten Tag als Pilger. Der Pilgerführer versprach 18 km und tatsächlich sollen es um 24 km sein … Meinen Füßen nach waren es zuviele. Also runterschalten, noch dazu, wo die Herberge in Melaune geschlossen ist, und morgen vielleicht nur zehn oger zwölf Kilometer gehen. Für diese Leistung aber bin ich meinem Körper echt dankbar – und ein wenig stolz auf mich bin ich auch.
Der Verfasser des Blogs pilgert weiter und dankt für’s Lesen.
P.S.: Die Strecke am 2. August 2016: Von Görlitz nach Arnsdorf etwa 18 bis 30 km.
Positiv: Die wunderbar besondere Herberge, Füße frei, daß ich das tatsächlich schaffte.
© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Gratuliere zum ersten Tag!
Stolz darfst du sein – Du bist gut! Ich ziehe meinen Hut vor Dir
Toll. Ich hoffe Du schläfst gut und erholst Dich. Was das GPS sagt, sollte doch stimmen. All die Schlingen wollen doch auch gelaufen werden.
Toll! 24km sind schon eine stramme Leistung! Mute Dir nicht zu viel zu, sonst wird es zu anstrengend!
Der Weg ist das Ziel!
Respekt….. da hast Du ja eine ordentliche Etappe hingelegt. Ich habe mir das gerade mal bei Guugle angeguckt… Ich ziehe den Hut. Alles gute für die zweite Etappe heute.
Lieber Emil, du machst das toll. Nein echt jetzt.
Ich mag deine Berichte, auch über’s Einpacken und Zweifeln.
LG
Wooow, du hast steil angefangen. Weise, heute behutsamer vorzugehen.
Und das mit der Höhenangst: Ich glaube ja an Heilwunder. (Bei mir war sie ja eines Tages auch plötzlich weg.)
Habs gut!!!
Klasse! Wirklich gute Leistung für Tag eins.
Görlitz kommt mir schon bekannt vor, die Dörfer drumherum allerdings schon weniger. – An der Neiße wäre für mich immer die Peterskirche, auch St. Peter & Paul wohl genannt, die bekannteste Kirche gewesen, von dort hat man ja den herrlichen Ausblick auf das Nachbarland. – Das Hl. Grab kenne ich natürlich, doch an St. Nikolai habe ich keine besondere Erinnerung. – Die Jakobuskirche liegt doch fast schon in der Südstadt und ziemlich weit weg von den anderen Orten des Geschehens. – Darf man eigentlich bei solchen Pilgerreisen öffentliche Verkehrsmittel benutzen? Denn dahin fährt ja die Straßenbahn bis fast vor die Tür.
Architektonisch ist sie nichts Umwerfendes, da sie Neogotik ist.
Weiterhin alles Gute deinen Füßen, die werden dir noch oft in den Ohren liegen mit ihren Klagen!
Ich wünsche dir einen guten Weg. Ich werde am Sonntag von Erfurt weg auf dem „Weg der starken Frauen“ unterwegs sein und dann Weiter auf dem Jakobusweg 😉
Einen guten Weg wünsche ich Dir. (Ich bin ja auf einem Jakobsweg …)
Herzlichen Glückwunsch zum ersten Tag! Wahnsinn, gleich so eine Strecke. Ich werde weiter gespannt mitlesen.
gratuliere! toll!
wahnsinn! ich bin vom lesen schon platt. meine füße hätten gestreikt, das weiß ich.
meinen glückwunsch auch 🙂
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