Wieder sechzehn sein am Grill
To get a Google translation use this link.
Verabredet hatten wir uns zu einem geselligen Wochenende mit viel Spaß und Bier. Und jetzt saßen wir da und starrten ins Feuer und schwiegen.
Wir, das ist eine kleine Gruppe von sieben Kerlen aus unserem Dorf, die wir uns in alle Welt zerstreut hatten. In der Kindheit und in der Jugend spielten wir üblicherweise in einundderselben Mannschaft Fußball gegen die Jungs aus dem Unterdorf. Das schweißt zusammen, das verbindet bis ins Erwachsenen- und Rentenalter hinein. Mit der Lehre verstreuten wir uns quer durchs ganze Land. Irgendwann hatten wir uns über eines der sozialen Netzwerke (nein, nicht fakebock) wiedergefunden und waren dann auch recht schnell bei zwar unregelmäßigen, aber doch fünf- oder sechsmal jährlich stattfindenden Treffen irgendwo im Nirgendwo, in Jugendherbergen, auf Bauernhöfen oder im Sommer sogar auf Zeltplätzen.
Für zwei Tage, zwei Abende und zwei Nächte wurden und werden wir immer wieder zu den bolzenden Halbstarken, die rauchten, Bier tranken und laut waren. Noch immer veranstalten wir den Wettstreit um den flachsten Witz. Und wir Helden des Alltags pinkelten die Reste der Lagerfeuer aus, immer und immerwieder. Klar, wir prahlten jedesmal über unsere Erfolge im Beruf und im Leben – aber am zweiten Abend waren wir alle erschreckend ehrlich: Von den Frauen wurden wir – alle! – spätestens hinausgeworfen, nachdem uns in der Firma gekündigt wurde. Jede noch so kurze Arbeitslosigkeit führte bei jedem von uns über kurz oder lang zur Ehelosigkeit. Beim Treffen im April hatte es dann Jochen als den letzten von uns auf diese Art und Weise erwischt.
Vorgestern Abend trafen wir uns wieder. Alle sieben wollten wir uns im Pappelgrund in Teutschenthal einfinden, unsere Zelte aufstellen, im See schwimmen und fette Steaks und Würste grillen und kühles Bier dazu trinken und einfach Spaß haben. Einer allerdings tauchte nicht auf: Jochen. Zuverlässig war er sonst wie sonst keiner; er war einer, auf den immer Verlaß war und der uns nie, keinen von uns, je im Stich gelassen hatte. Er fehlte, doch nach kurzer Zeit hatten wir restlichen sechs die Welt da draußen vergessen und waren wie die Sechzehnjährigen, die wir vor über 30 Jahren waren. Jochen war nicht da, wer weiß, warum. Konnte ja sein, er hat wieder Arbeit (wie wir alle) und war deshalb nicht hier erschienen.
Eine Regel hielten wir auch seit dem ersten Treffen ein, eisern und ohne Ausnahme: Alle Telefone sind ageschaltet, bis auf eines. Dessen Nummer wurde von uns immer als Notfallkontakt hinterlassen, egal wo. Reihum ging das, jeder hatte einmal Notdienst mit seinem Gerät. Ich kann mich trotzdem nicht daran erinnern, daß eines auch nur ein einziges Mal benutzt worden wäre. Dieses Mal war es mein Telefon, das nicht abgeschaltet wurde, sondern etwas Abseits beim Gepäck lag und das plötzlich klingelte. Ich strürzte hin, riß es ans Ohr und rief laut: “Jochen!” “Nein, nicht Jochen. Ich bin’s, Jana, Jochens Exfrau.” “Hey, hat sein neuer Chef ihn nicht freigelassen? Oder warum ist er nicht hergekommen?” “Jochen wird nicht mehr zu euren Treffen gehen.” “Was? Wieso das denn? Hat er nach 20 Jahren plötzlich keine Lust mehr auf uns?” “Nein nein.” Die Frau am Telefon schluchzte. “Ich habe heute nachmittag seinen Brief gefunden. Er hatte sich vor ein paar Tagen nicht wohlgefühlt und war beim Arzt. Als ich ihn am Telefon fragte, erklärte er mir noch, daß alles in Ordnung sei und er nur eine leichte Rippenprellung habe.” “Naja, die tut schon weh, so ’ne Prellung …“ “Es war keine Prellung. In seinem Brief schreibt er, daß er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat und noch höchstens zwei Monate zu leben gehabt hätte. Habt ihr von dem Unfall am Autobahndreieck Rippachtal gehört? Der Wagen, der ohne abzubremsen an den Brückenpfeiler? Vorgestern? Das war Jochen … Ich wollte euch nur bescheidsagen.” Und noch ehe ich etwas sagen konnte, hatte sie aufgelegt.
Ich ging zurück zu den anderen, nahm mir ein Bier, trank einen langen Zug und erzählte dann kurz und knapp, was ich am Telefon gerade erfahren hatte. Verabredet hatten wir sieben uns zu einem geselligen Wochenende mit viel Spaß und Bier. Und jetzt saßen wir zu sechst da und starrten ins Feuer und schwiegen.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 1. August 2015 waren Spaß im Sender, gute Gespräche, ein nettes Essen, ein interessanter Abend.
Tageskarte 2015-08-02: Die Zehn der Kelche.
© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Der zweite Blogbeitrag heute, der mich traurig stimmt. Und nachdenklich.
Vor lauter anderen Aspekten im Text ist mir die Trauer/traurigmachende Seite etwas in den Hintegrund des Bewußtseins gerutscht. Aber ja, sie ist da.
Erfolgsdruck, Kameradschaft, Gesundheitszwang, Freundschaft, Leidensfreiheit, Ehrlichkeit, Kindlichkeit, Unbekümmertheit, und und und und
Oh.
Selbst falls nicht-erlebt, wäre das ja möglich. Tod lauert überall.
Was mich nachdenklicher macht als der Tod: Warum verlassen Frauen Männer, wenn sie ihre Stellen verlieren?
Dass es primär am sozialen Abstieg liegt, glaube ich nicht. Ich behaupte, dass viele Männer (zumal in Familien), mit Arbeitslosigkeit nicht umgehen können und absacken, versumpfen. Was hältst du von dieser These? Dass die Frauen dann diesen Zustand nicht ertragen?
Arbeit, Geld, Image als „Wertmassstäbe“ in unserer Gesellschaft – ein Thema, das mir hier entgegenspringt.
Ansonsten: Klasse erzählt.
(Über das Erleben siehe meine Antwort an Clara.)
Erfolg und Arbeit und Geld und Familie. Oft muß nur eines davon wegfallen, und der Rest stürzt wie ein Kartehaus zusammen. Bei zu marktkonformen Menschen kommt dann auch ohne Krankheit ein Suizid. Und inwiefern all der „Erfolg“ (oder der Zwang dazu) für all die Krankheiten ursächlich sein kann und muß, das ist noch ungeklärt.
Daß die Weiber weg sind habe ich v.a. bei Jüngeren erlebt, die durchweg vom Kapitalismus geprägt wurden, und zwar von dem Kapitalismus, der Menschen zu Verbrauchern degradiert und für den es keine Alternative zum Wachstum gibt …
Krass das!
Ja ich gebe dir recht Emil oft ist es so wie du es hier ersonnen hast, aber auch Sophias Ansatz stimmt-wir lassen uns prägen- was zählt- was bleibt—-
Das Leben schlägt immer wieder zu – sehr oft hart und unerbittlich. – Ich ahnte es beim Lesen der ersten Zeilen, dass du von einer menschlichen Tragödie schreibst.
Ein Freund – inzwischen 74 – sagte mal: „Die Einschläge kommen immer dichter!“
Behalte ihn in dieser guten Erinnerung, die du vor der Nachricht der Frau von ihm hattest!
Zuerst stand unter dem Text noch: „Nein diesen Abend habe ich nicht erlebt, zumindest nicht so. Der Text ist aus fünf oder sechs Erlebnissen zusammenphantasiert, verdichtet.“ Die beiden Sätze hab ich dann doch weggelassen, weil sie zu plakativ schienen, zu sehr auf meine Arbeit am/im Text fixierten und das Eigentliche (ähm, ja, was ist da Eigentliche hierherinnen) zu sehr plattgemacht hätten.
All die Teile der Geschichte gehören zu meinem Erleben, doch nicht in dieser destillierten Konzentration.
Einzig und allein ist wichtig, wie DU das alles erlebt hast – denn die LeserInnen sind Außenstehende.
Ein gefällt mir zu klicken finde ich irgendwie unpassend. Der Inhalt deiner Zeilen ist zu schwer für ein gefallen.
Damit meine ich nicht das die Zeilen nicht gut geschrieben sind, doch das sind sie.
Es ist eher wie ein Schock der mir aus deinen Zeilen entgegen kommt. Als ich angefangen hatte zu lesen, und du schriebst das Jochen nicht da wäre, ahnte ich schon schlimmes. Da machte ich mir Sorgen und das obwohl ich dich.ihn.irgendwen von dir gar nicht kenne. Doch der Kloß im Hals bildete sich von allein… und nun habe ich keine Worte.
Ich hoffe das eure zukünftigen Treffen dennoch statt finden werden_können. Und das ihr dann auch noch zu Sechst fröhlich werden könnt. Das würde ich euch sehr wünschen, denn Freundschaften sind so selten, finde ich, heutzutage.
Kann man eigentlich nicht mehr auf Kommentare einen Kommentar schreiben?
Wollte etwas zu SofaSophia’s Zeilen schreiben…
„Warum verlassen Frauen Männer, wenn sie ihre Stellen verlieren?
Dass es primär am sozialen Abstieg liegt, glaube ich nicht. Ich behaupte, dass viele Männer (zumal in Familien), mit Arbeitslosigkeit nicht umgehen können und absacken, versumpfen. Was hältst du von dieser These? Dass die Frauen dann diesen Zustand nicht ertragen? “
Vielleicht spielt da auch hinein, dass schon länger etwas in den Beziehungen zwischen den Partnern nicht mehr stimmig ist. Dann verliert der Partner die Arbeit und er kann damit vielleicht nicht umgehen. Die Frau aber auch nicht. (Also das er zu Haus ist). So das dann eines zum anderen kommt.
Ich denke nicht das es Grundsätzlich so wäre, dass Frauen ihre Männer verlassen, weil sie ihren Job verlieren. Mir ist das in meinem Umfeld so noch nicht aufgefallen. Ich denke, wenn es in der Liebe und dem gemeinsamen Leben noch liebevoll und ein Zusammenhalt gibt, dann kann man Arbeitslosigkeit eines Partners meistern und gemeinsam neue Wege finden.
Also das hoffe ich zumindest wenn ich an das große Wort der Liebe denke…
Es ist schon traurig, dass die Frauen euch so im Stich lassen. Gerade dann wo sie doch eigentlich da sein sollten für die Männer.
Seltsam ist das schon… und schade. Denn da erleben die Frauen ja auch nicht, wie die Männer sich vielleicht verändern und neue Lebensaufgaben für sich finden…
Traurig ist das alles…
Ach so: die Miniatur ist mit „Nichterlebt“ verschlagwortet (siehe auch meine erste Antwort auf Clara).
Frauen und Herren sind sowieso ein sehr eigenes Kapitel für mich. Dieses „die Frauen werfen die arbeitslos Gewordenen hinaus“ habe ich v. a. im jüngeren Bekanntenkreis mittlerweile viel zu oft erlebt. „Da gibt’s bestimmt was besseres“ ist der Ersatz für „bis daß der Tod euch scheide“. Die beliebige Austauschbarkeit ist bis in die Paarbeziehung vorgedrungen.
Usw. usf.