Welche Geheimnisse die Stille kennt (129/236)

Kalliope gewidmet

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Du möchtest also wissen, welche Geheimnisse die Stille kennt? Welche Deiner Geheimnisse? Ich lauschte ihr gestern Nachmittag, der Stille, als ich Deine Gedanken lesen konnte

Die Stille. Und die Geheimnisse. Nun, einige kennt sie ganz genau:

Sie hört den Rhythmus Deines Herzschlags, wenn Du voller Vorfeude auf etwas wartest/hoffst, wenn Du angstvoll etwas befürchtest/erwartest; sie kennt das Stocken Deines Atems, wenn er Dir vor Glück oder Unglück oder Empörung “geraubt” wird. Und sie zählt Deine Tränen, all Deine ungeweinten auch, mit denen Du so manche Erinnerung wieder und wieder und wieder über Dich ergehen lassen mußt, weil Du Dich erinnern willst, um gegen das Verblassen und Vergessen anzulieben.

Die Stille kennt auch die Dunkelheit: die im Schacht und die Schwärze beim orientierungslosen Paddeln auf mondlosem Nachtmeer – und Deine und meine Angst davor; sie hat jeden einzelnen Schweißtropfen aufgeleckt, den Du dabei aus Dir herausgewrungen hast. Sie neidet Dir nicht die Dunkelheit des Geborgenseins unter der Decke, die für zwei reicht und wolkenschaukelndes Kribbeln um den Bauchnabel herum erzeugt. Sie weiß um Deine Unsicherheit, wenn Du offenbaren mußt und willst, was doch offensichtlich ist, aber zwanghaft übersehen und ignoriert wird.

Und nochetwas: Die Stille schweigt mit Dir, wenn Du weder sprechen noch schreiben noch zeichnen noch denken möchtest. Und sie schreit mit Dir, wenn es notwendig wird.

 

Und nun, nun nehme ich mir Zeit, um in meine Stille hinabzugleiten, um mich in meine Stille einzukuscheln, bis die es geschafft hatt, all die salzigen Tropfen aus meinen Augenwinkeln zu tupfen, mit denen meine Erinnnerungen mich oft überraschen.

Schenken wir alle uns doch einfach mehr Zeit für die Stille und mehr Stille in der Zeit. Denn wir haben die Zeit und die Pflicht (?) dazu.

 

 

Da war es wieder – oder besser: sie, die Synergie. Da wuchs mein Kommentar weiter und weiter und weiter, bis daß ich ihn nicht als Kommentar, sondern als vom fremden Text inspirierten, herausgedrängten eigenen Beitrag veröffentlichte. Vielen lieben Dank für die Anregung.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 8. Mai 2015 war das nach langem Suchen mitten in der Schmutzwäsche wiedergefundene Notizbuch mit allen meinen Benutzernamen und PIN-Nummern und Paßwörtern.
 
Tageskarte 2015-05-09: Der Ritter der Kelche.

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Über Der Emil

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0 Antworten zu Welche Geheimnisse die Stille kennt (129/236)

  1. Sofasophia sagt:

    Du solltest meine Tränen sehen, um mein „Danke“ illustriert zu bekommen.
    Danke!

  2. Pingback: Lärm | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

  3. eckisoap sagt:

    du bist ein stille(r) künstler
    ich bin ehrlich tief beeindruckt
    danke

  4. Gabi sagt:

    Was für ein wunderbarer Text!

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