Kopfschmerzen

Stimmen und grelles Licht

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Ich habe Kopfschmerzen, wahnsinnige Kopfschmerzen. Mein Mund ist trocken. Ich kann meinen Mund nicht bewegen. Und es ist hier viel zu hell, selbst durch die geschlossenen Lider hindurch ist es viel zu hell. “Patient erwacht! Puls 98, Atmung stabil!” Eine Frauenstimme wie durch Watte. Und eine andere Frau: “Extubieren. Jetzt.” Irgendetwas kratzt fürchterlich in meinem Hals und in meinem Mund. Und noch immer ist da dieser Geruch, dieser Duft, an den ich mich so heftig erinnerte, daß ich aus meinem Traum aufwachte. Aus einem Alptraum von dichtestem Nebel. Der Geruch!

Die erste Stimme wieder: “Hallo? Hören Sie mich?” Sie klingt gedämpft. “Sie sind doch wach, ich seh das doch auf den Geräten. Hören sie mich? Können sie mich verstehen?” Warum nur ist diese Frau so gedämpft? “Ja, aber Sie sind so leise”, versuche ich zu sagen, aber ich bekomme keinen Ton heraus. Etwas passiert in meinem Mund. Richtig spüren kann ich es nicht, aber ich merke, daß etwas geschieht. Als ich erneut antworten will, öffnen und schließen sich meine Lippen wieder nicht. Ich kann weder meinen Mund bewegen noch sprechen, na prima. “Warten Sie, ich befeuchte ihren Mund nochmal.” Wieder die erste Stimme, die ohne den französischen Akzent. Wieder dieses Gefühl in meinem Mund – und der Geruch ganz nah an meinem Gesicht. Dann ist es vorbei und ich bemerke, daß die Helligkeit etwas nachläßt. Vielleicht haben sich meine Augen daran gewöhnt? Oder bin ich jetzt doch blind, und die Helligkeit eben – nein, es ist ja noch Licht da.

Es kommt mir vor, als hätten mich die Frauen verlassen. Ist das immernoch mein Traum? Der Geruch ist auch verschwunden. Ich versuche zu sprechen, merke, wie etwas in meinem Hals vibriert. Klingt wie eine Krähe, denke ich. Jetzt weiß ich auch, daß ich nicht träume, denn dann würde ich nicht denken, daß ich gerade gedacht habe, ich klänge wie eine Krähe. Und wahrscheinlich hätte ich auch nicht dieses fiese Geräusch im Ohr, dieses Piepsen. Wenn nur die Kopfschmerzen nicht so heftig wären. Meine Augen werden feucht. Weine ich? Vor Schmerz? Und jetzt höre ich mich wimmern, hier in mir drin, in meinem Hals spüre ich mich wimmern. Und die Frauenstimme ist wieder da, genauso wie dieser Geruch, den ich kenne, der mich erinnert an – ach, wenn es mir nur endlich wieder einfallen würde!

“Na, sind Sie jetzt wach? Wenn ja, kneifen sie doch die Lippen oder die Augen zweimal zusammen für ein » ja «.” Ich versuche beides gleichzeitig, und es gelingt mir, die Mundwinkel zu verziehen. Bei den Augen bin ich mir nicht sicher. Die Lider sind noch so … so … so verklebt wie nach einer guten Nacht mit tiefem Schlaf und wundervollen Träumen. Im linken Auge scheint sich das zwar langsam zu lösen, aber ich will die Augen jetzt nicht öffnen. Nein, ich will die Augen in diesem hellen Licht nicht öffnen. “Versuchen Sie es nocheinmal, Sie schaffen das schon!” Immernoch klingt die Stimme gedämpft. Ich kneife die Augen zusammen mit aller Kraft, ich reiße die Augen auf. Die Lider kleben zusammen, allerdings scheinen sich meine Augenbrauen zu bewegen. Wieder kneife ich, erneut reiße ich auf. Das grelle Licht tut weh im ersten Moment, bis ich es nach der Schrecksekunde endlich schaffe, das linke Lid wieder zu schließen. “Hey,das war Klasse! Ich wußte doch, daß Sie wach sind. Und jetzt zweimal blinzeln für » Ja «.” Ich schaffe es. Ja! Ich habe » Ja « signalisieren können. Nur: Warum sage ich nicht einfach ja oder nein?

Plötzlich weiß ich, was geschieht, wo ich bin: Ich liege aus irgendeinem Grund in irgendeinem Krankenhaus. Und aus irgendeinem Grund kann ich mich kaum bewegen. Kopfschmerzen habe ich, sehr heftige Kopfschmerzen. Der Mund ist schonwieder trocken, aber diese wenigen Versuche, mich oder irgendetwas von mir zu bewegen, waren so anstrengend, daß mir das jetzt ziemlich egal ist. Und das, was ich roch, das ist vielleicht nur der typische Krankenhausgeruch gewesen. Während ich darüber nachzudenken versuche, sinke ich wieder in einen Dämmerzustand, in eine Art luziden Traum, in einen Zustand zwischen weggetreten und wach …

 

 

Na? Ob damit diese Geschichte fortgesetzt wird? Jedenfalls war es nicht die, über deren Fortsetzung ich mich so freute.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. November 2014 war der ruhige Nachmittag voller Ideen.
 
Tageskarte 2014-11-22: Der König der Münzen.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Kopfschmerzen

  1. Sofasophia sagt:

    Wahnsinn. Mir ist als wäre ich er, weil du das so genial beschreibst.
    Echt ganz groß und eine würdige Fortsetzung. Bin gespannt auf mehr. Und auch auf die andere, über deren Fortsetzung du dich so gefreut hast.
    Und überhaupt: Du bist ein sehr begabter Schreiber! Muss einfach mal gesagt werden!!

    • Der Emil sagt:

      Ähm … Ähchchhemm. Ich und so ein Lob … das … Uff. Dieser Nebelabend wächst gerade so weiter, daß es mir Angst macht.

      (Hans ist wieder aufgetaucht und weiter unterwegs zu seinr Braut.)

      • Sofasophia sagt:

        Oh, schreib weiter. Bitte. Unbedingt! Das Schreiben ist dein Ding, oder etwa nicht!?

        • Der Emil sagt:

          Das Schreiben, ja, das ist meins. Oder noch besser: Das Schreibideenhaben. Denn manchmal schaffe ich es nicht, aus einem Plot/einer Idee etwas Rundes zusammenzuschreiben.

          Kurze Geschichtchen, Episödchen, Minaturen: Ja.
          Romane, Novellen u.ä.: Davor hab ich Schiß. (Vielleicht bräuchte ich dahingehend ein Coaching, das ich leider nicht bezahlen kann.)

          • Sofasophia sagt:

            Da kenn ich noch einen, dem es ähnlich geht in Sachen längere Texte. Vielleicht gibts da einfach unterschiedliche Talente? Oder sich in Disziplin trainieren? Ob das geht? Hm …

  2. sternenpfad sagt:

    fesselnder text. wirklich klasse geschrieben. hut ab!

  3. Ulli sagt:

    ja wirklich … supergut geschrieben, das weckt Erinnerungen an eigenes Aufwachen in irgendeinem KH, wenn auch nicht so … ja, Emil: weiter so

  4. Bruder Indiana sagt:

    Hmmm, sicher doch, gut geschrieben. Mit etwas Einfühlungsvermögen geht es mir auch gleich ganz schlecht.

  5. Gabi sagt:

    Wirklich toll geschrieben. Ich konnte richtig fühlen, was Du beschrieben hast.

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