Aus dem Briefnachlaß von Annagrets Freundin (4)
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Allerliebste Geistesschwester,
ja, so geht das manchmal: Ein einfacher Wutausbruch bindet mehr Aufmerksamkeit und Energie als der ganze Rest des Lebens. Aber gut, es ist, wie es ist, sagt … in diesem Falle der Eine oder die Andere oder auch Jedes. Nun muß ich es nur noch schaffen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und ich muß die Möglichkeiten und Menschen finden, die mir die Umsetzung von Schlüssen ermöglichen.
Ich schreibe – wiedereinmal? – in Rätseln. Oh, ich versuche sogar sehr oft bewußt rätselhaft zu bleiben. Wo käme ich denn hin, wenn ich meine Rüstung und meine Maske abnähme und nackt und bloß und verletzlich vor Dich und vor andere Menschen, gar vor die Weilt treten würde? Du hättest sicher ganz Recht, wenn Du mich in Deiner Antwort vor denen warnen würdest, die Dir vor Jahren wahrscheinlich zusetzten.
Also von vorn. Vor einem halben Jahr hab ich der KWV geschrieben, daß die kaputte Dachrinne bei Regen ihr Wasser so gegen die Hauswand leitet, daß mittlerweile die Küchenwand völlig durchnäßt ist. Schriftlich wurde geantwortet. Schon in zwei Jahren würden die Bilanzmittel zur grundhaften Sanierung der Dächer hier in der Straße zur Verfügung stehen. Schon in zwei Jahren! Bis dahin sind auch die Dielen soweit vergammelt, daß meine Wohnung wohl baupolizeilich gesperrt wird. In meiner Ohnmacht habe ich eine Staatsratseingabe geschrieben und nachgefragt, ob das die vielbeschworene Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik ist, die neben den Neubaugebieten keinen Platz mehr läßt zum Wohnen in den Innenstädten oder ob alle Dachrinnen und Dachziegel gegen Valuta exportiert werden.
Jetzt sitz ich hier in der Tschechei und habe keine Ahnung, was mit meiner Wohnung inzwischen geschieht. Wissen tut ja keiner was, will ja niemand etwas. Aber es wird gemunkelt bei uns im Viertel. Vor allem die, die immer in die Kirche gehen, munkeln. Und ich bin nicht in die Kirche gegangen, weil “Gott” mir bei meinem Problem mit einer existierenden kaputten Dachrinne soweiso nicht helfen kann, sondern habe mit meinem kleinen Problem “kaputte Dachrinne” alle Leitungsebenen übersprungen und direkt an den Staatsratsvorsitzenden geschrieben. Ich habe alle übergangen, die sich um unser Wohl kümmern. Vielleicht habe ich jetzt so viel Aufmerksamkeit erregt, daß der Bezirkssekretär dem Kreissekretär Bescheid stößt und der der KWV aufs Dach steigt. Und die endlich dem Klempnermeister den Auftrag und das Material gibt. Und weil ich zur Zeit hier auf dem Berg sitze und mir einen Tee mit Rum schmecken lasse, haben alle “Organe” Zeit, sich umzusehen bei mir in der Wohnung. Nein, beste Freundin, schreib mir nicht, wie das damals bei euch war, vor eurem Umzug, die Briefe würden wohl sowieso nicht bei mir ankommen.
Meine Liebe, ich habe mich nie getraut, Dir das mitzuteilen. Aber es wird wohl so sein, daß jeder Brief, der von mir an Dich geht, sehr genau durchgelesen wird. Ebenso werden sich die Herren wohl immer köstlich amüsieren, wenn Du Dich über das nach Plaste schmeckende Puddingpulver aufregst, das Du in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen kaufen kannst. Wenn Du dann mich bittest, Dir das Puddingpulver von hier zu schicken … Ach nein, von dort, ich bin ja jetzt auch im Ausland. Nun, ich habe ja Westkontakte und ich glaube, daß ich die auch in meiner Eingabe erwähnt habe. Vielleicht … Ach, was hilft es, wenn ich jetzt und hier darüber nachdenke, was dort irgendwann geschehen wird. Ich will mir lieber darüber klar werden, ob euer, ob Dein Weg auch einer ist, den ich mich zu gehen traue. Alles zurücklassen: Die Menschen, die Kindheit, die Jugend, all meinen Glauben und all mein Geschick, in unserem Leben zurechtzukommen. Mein Arbeit sogar. Ich weiß es nicht.
Heimlich habe ich euch für verrückt erklärt. Nur weil ihr nicht zur Beerdigung Deines Onkels fahren durftet, weil Dein Vater in der Entwicklungsabteilung war, nur deshalb so ein Theater zu machen mit Eingaben über Eingaben und schließlich mit eurem Umzug Jahre später. Du hast dabei ja auch eine ganze Menge aufgeben müssen. Ich dachte immer, Du seiest den Anfeindungen des Klassenfeindes erlegen. Wahrscheinlich war es aber überhaupt nicht so. Ich weiß ja nichteinmal, ob Du damals mitreden durftest, hättest auch alleine hierbleiben dürfen.
Versprich mir bitte, daß ich Dich besuchen darf, wenn ich in Rente gegangen bin und Dich dann besuchen darf. Antworte bitte nicht auf diesen Brief; lies ihn, aber vergiß, was ich schreibe und erwähne ihn bitte nicht. Die müssen nicht wissen, daß ich Dir von hier aus geschrieben habe. In drei Tagen schon verlasse ich den Pleßberg und fahre nachhause, zurück in die DDR. Ich freue mich darauf, auf die ausgetretenen Stufen hoch zu meiner Wohnung, auf unseren Konsum an der Ecke. Und ich freu mich auf die Weiber in unserer Brigade, wenn ich am Montag mittag wieder zur Schicht fahre.
Doch, ich habe meine Gedanken hier wieder recht gut sortieren können, kam aber bis jetzt zu noch keinen anderen Ergebnissen. Wie gern würd ich jetzt mit Dir in der Mitropa sitzen und einen Kaffee und einen Braunen oder einen Rosentaler trinken. Wir könnten lachen und lästern und uns bei den Händen halten bis vor eure Haustür. Du hättest bestimmt die richtigen Ideen.
Also bitte, antworte nicht auf diesen Brief. Ich umarme Dich in Gedanken und bleibe
Deine “allerbäschde Freijndin” (so spricht mich František, der Kellner, mittlerweile an) Annagret
Es scheint, als wäre dieser Brief ebenso wie die Ansichtskarte in der Tschechoslowakei geschrieben und abgeschickt worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber bereits mindestens zwei oder drei Jahre vor jener.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 5. November 2013 waren die Antragsabgabe im Jobcenter (als Beistand) und der ausgedehnte Mittagsschlaf bis beinahe 17 Uhr.
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