Ein Auftrag für den Roten Milan (Nº 246)


Morgens halb Zehn im neunten Stock

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Tagnacht. Schlaftüll vor und in meinen Augen. Jeden Morgen einundderselbe Traum beim Aufwachen. Seit Wochen schon. Und keine Chance, über das tagtägliche Ende hinaus, hinter die allmorgendliche Unterbrechung zu sehen. Nocheinmal in die Decke kriechen, jetzt, trotzdem; nur ein wenig der eigenen Nachtwärme nachspüren.

Durch das offene Fenster dringt der Lärm der Straße. Der Bus, der fast vorm Haus hält, öffnet und schließt zischend seine Türen und brummelt dann weiter. Die alleinstehende Frau vom dritten Stock links außen spricht mit dem Hundebesitzer aus dem zweiten rechts innen. Ich bin sicher, es sind mindestens vier Hunde dabei.

Mein Traum … Flockenweise erinnere ich mich — aber erinnern sich Menschen überhaupt an ihre Träume? Erinnere ich mich an ihn, den Traum, oder ist da “nur” ein Nachfühlen, ein Nachahnen, ein Traumwunsch für einen Wunschtraum? Unruhig gehe ich diesem Gedanken nach und wälze mich hin und her.

Ich sehe einen dunklen Schatten. Groß, schnell, fast lautlos. Daß es in einer Großstadt (gut, in einer kleinen Großstadt und noch dazu am “Stadtrand”) so still ist um halb Zehn, so still, daß ich den Flügelschlag des Roten Milans hören kann, der vor meinem offenen Fenster, vielleicht drei oder vier, vielleicht auch nur anderthalb Meter von der Hauswand entfernt eine scharfe Wende fliegt, das hätte ich nie gedacht.

In diesem Moment wird mir klar, daß der Rote Milan real ist, meine anderen Wahrnehmungen aber zum großen Teil im Traum zuhause sind. Ich schaukele mich zurück zu dem Moment kurz vorm Aufwachen; mein Körper bewegt sich, die Decke spannt mal hier, mal da. Doch wie absichtslos ich es auch versuche, weiter als bis zum mir bisher bekannten Ende kann ich nicht träumen.

Aufstehen. In der Küche setze ich Kaffe auf und schaue dann splitternackt, während die Kanne durchläuft, hier im neunten Stock aus dem Fenster. Es ist kühl, aber noch nicht zu kalt. Die Menschen unten scheinen nur die Größe von Feldmäusen zu haben, der Tiere, nach denen der Rote Milan Ausschau hält. Der (oder die?) kreist noch immer vor und über dem Haus am Himmel.

Der Vogel. Über mir. Ich flüstere ihm zu und bitte ihn, nach meinem Traum Ausschau zu halten. Der Rote Milan könnte mir, falls er ihn findet und fängt, den Traum einfach durchs offene Fenster auf meine Couch werfen. Dann kann ich den unter meiner Decke festhalten und erfahre endlich, wer die Person ist, die ich neben mir weiß in der Dunkelheit im Schlaf und von der nur ein Wehen des Türvorhangs zurückbleibt an jedem Morgen.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 2. September 2013 war die Erkenntnis, daß ich nur ein Paßwort ändern mußte und nichts weiter passiert ist.

© 2013 – Der Emil. Text steht unter Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Antworten zu Ein Auftrag für den Roten Milan (Nº 246)

  1. Er wird Deinen Traum erkennen, mit seinen wachsamen Augen. Er wird ihn greifen, mit vorsichtigen Krallen. Dann wird er ihn zu Dir bringen und vertrauensvoll neben Dich legen, wenn Du das nächste Mal des nachts träumend und rätselnd die Decke um Dich wickelst. Nur für weitere fünf Minuten … Und dann wirst Du es wissen.

    Toll geschrieben, lieber Emil, alle Achtung! ▲

    • Der Emil sagt:

      Lieben Dank für das Kompliment. Und für das mitgehen in meiner Phantasie (?).

      (Und wieder schäme ich mich fast dabei, «dafür» gelobt zu werden. Sozusagen eine Morgenseite, das tatsächliche Erleben gestern früh ratzfatz hingekrakelt. Und für solche Mühelosigkeit solches Lob …)

      • Manchmal ist es einfach so. Nur weil es ab und zu leichter fällt als sonst, muss es doch nicht schlechter sein! Dein Unterbewusstsein hatte die Erzählung bereits fertig und Deine Finger haben sie dann „nur“ noch geschrieben. Daran ist nichts verkehrt, hm?!

  2. puzzle sagt:

    Der Text gefällt mir, angefangen beim Wort „Schlaftüll“, der mir eine Sinnesempfindung von leicht steifer, sauber-staubiger Gardine suggeriert, wie sie sich früher beim aus dem Fenster Sehen bei Eltern oder Großmutter auf das Gesicht legte, bis zur Erinnerung an die unwirklich hellen Augen des Roten Milan.

    • Der Emil sagt:

      Schlaftüll ist aber das, was ich spüre, morgens zwischen Aufwachen und Wachsein in, um und vor meinen Augen. Und ja, er fühlt sich wie staubige, gestärkte Dederongardine.

  3. Sofasophia sagt:

    „für solch mühelosigkeit solch großes lob?“ weniger begabte schriftsteller könnten keinen solchen text schreibt, weder mühelos noch mühsam, gar nicht.
    tja, das eigene talent schätzen wir leider oft zu gering, auch weil es ja eben diese mühelosigkeit in sich hat (nicht immer, aber in sternstunden wie diesen). ich ahne, dass die meisten grossen werke sozusagen im einem wurf geschaffen wurden (nachbearbeitung dann schon? oder auch nicht?).

    dein text gefällt mir ausserordentlich gut. wie du assoziierst, die stimmung schaffst. grossartig!

    tja, träume … die welt des traumes ist mir oft ähnlich wie das leben: so als würde ich mir, der hauptakteurin in meinem film, von außen zuschauen (die perspektive ist wie von außen). immer wieder faszinieren mich traumlandschaften … was wollen sie und sagen = was will ich mir sagen?

    dream on 🙂

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