Sehnsucht (Nº 114)

Ferne, Nähe, Kommunikation und falsche Annahmen

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Fernbeziehungen führte ich auch schon. eine davon spannte sich über 500 km, eine andere über 180 km. Ohne Auto. Mit der Bahn. Ohne Bahncard. Aber mit Sparpreisen.

Solange gemeinsame Interesse existieren und solange das Bedürfnis nach Kommunikation und Treffen und Nähe auf beiden Seiten gleich groß und groß genug ist, stellt eine Fernbeziehung auch kein Problem dar – zumindest nicht für mich. Es stimmt zwar, daß ich viel Nähe brauche, sogar sehr viel Nähe. Aber in meinen Fernbeziehungen war ich meist genügsam genug: Ich drängelte wenig bis nicht nach gegenseitigen Besuchen.

Daran gehen ja viele Beziehungen – ob nun Fern oder nicht – kaputt, daß ständig aufeinandergehockt werden muß, daß es nur noch gemeinsame Aktivitäten gibt, nur noch gemeinsame Freunde. Als das bei mir so war, fühlte ich mich zerquetscht. Ich wollte plötzlich weg.

Aber zu lange durften die Trennungszeiten in meinen Fernbeziehungen auch nicht sein: Wenigstens einmal im Monat war ich gern bei meiner Freundin oder meine Liebste war jeweils bei mir. Seltenere Begegnungen führ(t)en bei mir unweigerlich dazu. daß ich mir die vermißte Nähe (nach ziemlich langer Wartezeit) dann woanders hol(t)e.

 

 

Konfuzius sagt: Vermißt du deine Liebe in der Ferne wirklich? Wenn ja und richtig, wirst du die lange Entfernung bewältigen.

 

 

Genau das dachte ich mir dabei, wenn ich auf mindestens einem Treffen je Monat bestand. Irgendwie schaffte ich es immer, die Fahrkarte oder eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren und zu bezahlen. Wenn ich dazu nicht mehr bereit war, dann war wohl meine Liebe weg. Und genau das nahm ich eben auch von meinen Partnerinnen an.

Liebe ⇒ Sehnsucht ⇒ Reisefreude ⇒ Wiedersehen ⇒ Freude ⇒ (körperliche) Nähe.

So war das bei mir. Fehlte die Liebe, ließen die Sehnsucht und die Reisefreude nach. Und aus meinem Verhalten schloß ich, daß genau das auch bei anderen, zumindest aber bei meiner jeweiligen Partnerin so sein muß, so ist.

Gerade jetzt denke ich darüber nach, erinnere ich mich daran. Und mittlerweile glaube ich, daß ich einem Denkfehler aufsaß – denn jeder Mensch ist und verhält sich anders. Ich habe also falsche Erwartungen gehegt, bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Habe von mir und meinem Empfinden, meinem Bedürfnis ausgehend vorausgesetzt, daß es meinem Partnerinnen ebenso ging wie mir.

Jetzt schaue ich mir – zumindest in Büchern (und zum Teil auch in meinem Bekanntenkreis) – andere Fernbeziehungen an. Ihre Unbeständigkeit bei mir führe ich auch auf meinen Irrtum über die positive Wirkung der immer und überall möglichen sofortigen Kommunikation zurück. Auf meine (doch vorhandene, aber gut versteckte) Ungeduld (die letztlich auch zu Unzufriedenheit führte), meine Entwöhnung von der (zeitweiligen) Ungewißheit, die früher, zu Zeiten von Brief und Postkarte, sogar positiv besetzt und eben “die Spannung beim Warten auf eine Antwort” war.

Sehnsucht darf, durfte! nicht dauern bei mir – und das ist das Erste, was ich bei meiner “Rekonfiguration” wieder lernen möchte.

Wohin das führen wird? Das weiß ich noch nicht. Aber ich denke schonmal laut darüber nach.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. April 2013 war mein Besuch bei der allerallerallerbesten Freundin.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Sehnsucht (Nº 114)

  1. Sofasophia sagt:

    das richtige mass an nähe und distanz zu finden, ist vermutlich unmöglich. nicht nur sind ja immer zwei unterschiedliche menschen beteiligt, auch verändern sich die eigenen bedürfnisse. und doch: nach vier jahren fernbeziehung (wovon eins davon nahbeziehung war) kann ich für mich sagen, das ich sowohl die vor- als auch die nachteile kenne. ein grosser vorteil ist die sehnsucht. ein grosser nachteil ist die sehnsucht … 🙂
    gutnacht und gutes weitersinnen!

  2. Hallo Emil, interessante Gedanken und die eigenen Erwartungen zu betrachten ist immer ein guter Ansatzpunkt. Ich habe ähnliches mit einer Fernfreundin (nur Freundin!;)) durchgemacht und eine Mediatorin riet mir, bei meinen eigenen Erwartungen anzusetzen, diese runterzuschrauben. Man muß aber dabei immer die eigenen Gefühle im Auge behalten! Ich schraubte dann die Erwartungen runter, habe aber nur noch unter ihrer Oberflächlichkeit gelitten und dann war für mich klar, das ist keine Sache mehr von Erwartungen, sondern das ist nichts für mich und ich bevorzugte den Rückzug. Tut erst weh, ist aber irgendwann vorbei 😉 . Beim nächsten Mal, werde ich die Erwartungen von Anfang an im Zaum halten, also es versuchen 😉 . Liebe Grüße Anja

  3. puzzle sagt:

    Solchen Gedankenketten wird man vermutlich mit jedem neuen Menschen, den man nicht immer um sich hat, immer wieder folgen, sie jedes Mal neu entscheiden müssen, manchmal sogar mit denselben Personen, unter anderen Bedingungen, aber ich denke, das hat einen sehr reinigenden Effekt. Die Mühe, die man sich machen muß, um den anderen zu erreichen, oder die er sich macht, um den Kontakt herzustellen, nimmt man so bewußter wahr, als wenn der Partner ständig aufgrund räumlicher Nähe gerifbar wäre – wo eher das Bedürfnis aufkommt, sich auch mal zu entziehen.
    Nur die Maßstäbe können so anders sein.
    Wenn ich mitbekommen, wie viele Paare, jüngere und mittlerweile sogar auch ältere, ihre Beziehungspflege per SMS abhandeln und sich dann wundern, weshalb das hakt und holpert, kann ich nur kopfschütteln.
    Ein Telefongespräch, für das man sich Zeit nimmt, die man dem anderen ausdrücklich widmet, wiegt mehr als 100 SMS am Tag. Jeden Tag über mehrere Wochen ein solches mit Sehnsucht geführtes Gespräch vermittelt stärkere Gefühle als eine ständige, mehr oder weniger absichtslose, Anwesenheit in einer gemeinsamen Wohnung.
    Wozu ich dir aber etwas „typisch Weibliches“ anfügen möchte, ist der Punkt der körperlichen Nähe. Sicher wünscht sich das jeder, aber es ist heikel, darüber zu kommunizieren, wenn frau gerne hören will, dass man um ihrer Gesamtheit willen Sehnsucht hat, aber mann es darauf reduziert äußert, dass man sie endlich wieder körperlich lieben will. Das soll man bei der Fernkommunikation keinesfalls unterschätzen, denn wehe, mann äußert dieses Begehren nicht….
    Achja, es ist spannend.^^
    Das Beste an der Sehnsucht ist, sie zu spüren und darüber zu kommmunizieren – und das nicht zu knapp.

    • Der Emil sagt:

      Aber körperliche Nähe und körperliche Liebe – das sind zwei völlig unterscheidliche Sachen. Mir fehlt die Nähe zuerst.

      Ist die Fähigkeit zum Warten vielleicht allen Menschen (zumindest denen der zivilisierten, vernetzten Welt) abhandengekommen? Weil es Sehnsucht doch nur mit Warten zusammen gibt …

      (Ja, bin grad verwirrt.)

      • Sofasophia sagt:

        geht mir auch so: zuerst vermisse ich das umeinanderherumsein und erst dann die körperliche liebe – aber die schon auch … 🙂

      • puzzle sagt:

        Da stimme ich zu, aber sehr eingeschränkt, falls das ein qualitatives Ranking bedeuten sollte, denn körperliche Nähe wird oft als Ersatz für verbale Kommunikation genommen, weil es einfacher ist zu kuscheln als zu sagen „Ich liebe dich“ und seine Gedanken zu erklären – und damit halte ich es eben nicht unhinterfragt für das Bessere.

        • Der Emil sagt:

          Nein, kein Ranking. Aber anfassen können, atmen hören, ein schnelles Streicheln oder Händedrücken – das ist die Nähe, die ich meine. Und Umarmen und manchmal auch Kuscheln  

  4. Stefan sagt:

    Ich liebe meine Freundin, den Hubert und die Zabine. Weit weit weg ist nicht gut. I mogs oanfach.

  5. Amelie sagt:

    Die Sehnsucht.
    Die Sehnsucht im Allgemeinen und die Sehnsucht im Speziellen. Nach Nähe.
    Lieber Emil, wieder ein Beitrag von Dir, der von mir genau am rechten Tag „benötigt“ wird.
    Ich bin nicht der Mensch für Fernbeziehungen, das habe ich herausgefunden. Warten ist etwas, was mir schwer fällt. Im Radio singt Frida Gold gerade: Ich will nicht mehr warten. Warum passt manchmal alles. Nur das zwischen Mann und Frau nicht!?
    Die Erwartungen herunter schrauben – ok. Aber nicht bis zu einem Punkt, wo ich nicht mehr ich selbst bin.
    Ich wünsche Dir und mir und uns allen einen guten Tag

    • Der Emil sagt:

      Diesmal schreib ich doch garnicht von „Erwartungen runterschrauben“? Sondern davon, daß ich falsche hatte, von falschen Voraussetzungen ausging, Irrtümern unterlag. Die Schlagworte, die mir fehlten/nicht einfielen, hat nextkabinett jetzt genannt.

  6. nextkabinett sagt:

    Ich denke, lieber Emil, das Schwierigste an Beziehungen überhaupt, ist, seine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen unkommuniziert auf den Anderen zu übertragen. Projektion und Übertragung sind da die Stichworte. Zu meinen, der andere denkt, fühlt und will das Gleiche wie man selbst. Herauszufinden, was der andere denkt, fühlt und will und dies dann mit dem eigenen Denken, Fühlen und Wollen in Einklang zu bringen, das ist wohl die hohe Schule von Beziehungen. Liebe als Arbeit … leider doch …

    • Der Emil sagt:

      Da sind die Fachbegriffe. Projektion und Übertragung. Ich nannte es oben falsche Voraussetzungen, Irrtümer – über das Denken und Fühlen anderer Menschen …

      Je ferner die Liebe desto schwerer die Arbeit.

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