Ein Waldschrat-Traum (#298)

Quittenzeit

Alle meine Waldschrat-Märchen sind dort zu finden.
 
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Elim, der Waldschrat, liegt seit einem ganzen Weilchen leise schnarchend auf einer Wiese und träumt vor sich hin. Kein Wunder, es ist ja auch ein sonniger, warmer Herbsttag.

“Was meinst Du: Wollen wir diesen grauslichen Waldschrat da unten nicht erschrecken und verjagen?” Die Quitte mit den braunen Flecken schaut ihre Nachbarin gespannt an: “Du hast doch auch gesehen, was er mit den anderen Früchten getan hat. Die roten Äpfel und die Kirschen hat er von ihren Bäumen gerissen und verschleppt! Er soll sie dann gegessen haben, mit seinen Zähnen zermalmt.”

“Aber noch nie hat er eine von uns Quitten angerührt” entgegnet die makellose Nachbarin mit der zartgrünen Stelle am Bauch. “Offensichtlich holt er nur rote Früchte. Und wir sind ihm bestimmt zu fest. Denk doch nur, wie weich und matschig die Kirschen und Äpfel sind und wie sie in seinen Fingern zerquetscht wurden …” Und die fleckige Quitte fügt hinzu: “Außerdem sind wir ihm viel zu gelb.”

Damit ist genug gesprochen. Die Quitten schaukeln – von einem leichten Oktoberwind sanft bewegt – einträglich nebeneinander im warmen Sonnenlicht. Bis fast zur Dämmerung hängen sie da und beobachten den schlafenden Elim unter ihrem Baum.

Dann frischt der Wind auf und rüttelt stärker an den Bäumen. Auch dem Waldschrat wurde im Traum kühler. Ein plötzlicher Windstoß bewegt die Äste so heftig, daß die Quitte mit dem braunen Fleck sich löst und mit einem lauten Aufschrei nach unten stürzt. Die makellose Quitte schaut ihr entsetzt hinterher und sieht, wie ihre Nachbarin direkt auf den Bauch des schlafenden Waldschrats fällt.

Elim schrickt hoch, als er getroffen wird. Verwirrt blickt er sich um. “Oh, es dunkelt schon bald.” Neben sich sieht er eine Quitte liegen. “Da hab ich doch geträumt, daß diese Früchte gesprochen haben über mich, kurz nachdem ich mich zum Ausruhen niederlegte”

Der Waldschrat holt jetzt die Leiter und seinen großen Korb vom Nachbarbaum. Er klettert in den Quittenbaum hinauf und plückt die duftenden, goldenen Früchte. “Daraus werd ich mir einen ordentlichen Vorrat Quittengelee machen. Mit ein wenig Zimt verfeinert, wie es Kruziblicka mir empfohlen hat. Und köstliches Quittenbrot für die Weihnachtszeit!” Quitte für Quitte legt er in seinen Korb. Als er die Leiter vom Baum nehmen will, sieht er noch eine einzige, makellos goldene Frucht weit oben hängen. Auch diese, die Nachbarin der Braungefleckten, pflückt er. Ganz zum Schluß bückt er sich nach der Quitte, die seinen Bauch traf.

Elim hebt sich den schweren Korb auf den Rücken, nimmt die Leiter auf die Schulter und geht durchs Halltal nach Hause. Dort schichtet er die Früchte auf seinen Küchentisch und freut sich über seine reiche Ernte.

Quitten – Dieter Motzel – Farbstiftzeichnung

Quitten Dieter Motzel – Farbstiftzeichnung
Alle Rechte am Bild: Dieter Motzel

Morgen wird er sie alle verarbeiten, zu Quittengelee und zu Quittenbrot. Jetzt aber ist er rechtschaffen müde. So nimmt Elim schnell ein Bad, um den Schweiß der Mühen des Tages abzuspülen, und trocknet sich und seinen wallenden Bart danach sehr gündlich. Im Schlafgemach schlüpft der Waldschrat in sein Nachthemd und dann unter seine wohlig-weiche Bettdecke.

Und ehe er das Licht löscht, stopft er sich die Enden seines Bartes in die Ohren, damit er schlafen kann, ohne störende Geräusche zu hören.

 

Mein Dank geht an Dieter Motzel, der mir die Verwendung seines Bildes aus seinem Beitrag Hartes Brot … die Quitte in seinem «Notizblock in Schräglage» hier freundlicherweise gestattete. Und danke auch für die Idee.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. Oktober 2012 waren die endlich abgeholte Jacke und eine gute Idee für die Dezembersendung im Radio.

Alle Rechte für das Bild: Dieter Motzel,
© 2012 – Der Emil. Der Text, nicht aber das verwendete Bild,
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298 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 654 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Ein Waldschrat-Traum (#298)

  1. TD sagt:

    Klasse! Ich werde Quitten jetzt mit anderen Augen sehen…ob ich sie essen kann, weiß ich noch nicht…kann man essen, was sprechen kann 🙂

  2. Follygirl sagt:

    Schöööön!
    Und ich wünschte ich könnte hier auch Quitten finden..
    LG, Petra

  3. Elvira sagt:

    Das Bartindieohrenstopfen war sicher eine sehr gute Idee! Wer weiß, wie laut die Empörung der Quitten auf dem Tisch war?

    • Der Emil sagt:

      Diese Bart-in-die-Ohren macht Elim seit einiger Zeit schon. Er hatte nämlich mal Probleme mit seiner Nachtruhe.

      Soweit ich weiß, können nur Früchtchen Früchtchen sprechen hören 😉 – oder Träumer

  4. Frau Momo sagt:

    Ich mag keine Quitten, aber ich hätte gerne was von dem Bart ab 🙂

  5. Sofasophia sagt:

    kann es sein, dass der waldschrat und du … ich mein ja nur 🙂
    schöner text. was quittenbrot ist, möchte ich schon lange wissen, war immer zu faul zum gugln. (hab wohl auch waldschratblut in meinen adern). nun endlich ein rechter link!
    danke!

    lg, soso

  6. Sofasophia sagt:

    ps: ach, das kenn ich, quittepäschteli heisst das bei uns 🙂

  7. Gudrun sagt:

    Also, an irgendwen erinnert mich der Waldschrat.
    Gibst du mir ein Stückchen vom Quittenbrot ab, wenn ich mal in Halle bin?
    (Schön hast du das geschrieben, lieber Emil.)

  8. Pingback: Hartes Brot … die Quitte | Germanys next Kabinettsküche

  9. Ein wunderbarer Text, hier werden sich die Quitten wohlfühlen …
    Liebe Grüße
    dm + mb

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