Redewendungspoesie (#235)

Wieder zwischen zwei Stühlen?

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Im Moment werde ich fast erschlagen von Senryū, Haiku, 28er, Janka und Tanka in meinem Kopf. An einem Nachmittag in der Straßenbahn notierte ich – zum Teil durch “belauschte Gespräche” inspiriert – siebzehn solcher kurzen Gedichte. Natürlich halten nur wenige von allen geschriebenen einer Betrachtung zuhause stand, scheinen mir nur einzelne der hingekritzelten Textchen es wert, veröffentlicht zu werden.

Qualitätskontrolle. Ja. Gerade für diese japanischen Kurzformen gibt es ja außer dem formalen (5 – 7 – 5 Silben) auch inhaltliche Regeln, die ich besonders bei Haiku und Tanka respektieren möchte. Deshalb zum Beispiel nenne ich kaum einen dieser kurzen Dreizeiler noch Haiku: es sind einfach keine, weil nur die Form, nicht aber die inhaltlichen Kriterien stimmen.

Der folgende Tanka (eine ganz vorzügliche, lesenswerte Anleitung zum Schreiben dieser “Lieder” bietet das TankaNetz) ist allerdings ein Tanka – glaube ich. Er entstand beim Nachdenken über eine äußerst unangeheme Situation, in der ich zwischen Teufel und Beelzebub hätte entscheiden müssen. Ich war nicht in der Lage dazu! Und wie nennt man das, wenn man sich nicht für das eine und nicht für das andere entscheiden kann?

 

 

Zwischen zwei Stühlen
sitze ich in der Sonne
in meinem Sessel.
 
Und im Schatten aufgespannt
ist meine Hängematte.

 

 

(Mein Dank gilt einer der beiden Frauen hinter mir in der Straßenbahn für die Idee mit dem Sessel.)

Doch, paßt schon, es ist ein Tanka. Obwohl: Grad schleichen sich wieder Zweifel ein in mein Hirn. Ist es vielleicht doch keiner? Sitz ich wieder zwischen zwei Stühlen …

Jetzt ist es vorbei. Jetzt hab ich es freigelassen, losgelassen.

Und ganz gelassen erhebe ich mich aus meinem Sessel und leg mich in meine Hängematte. Schaukelnd genieße ich endlich die Ruhe, die jetzt eingekehrt ist.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. August 2012 waren eine erhaltene Zusage eines Studiogastes und ein überraschendes Treffen.

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235 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 346 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Redewendungspoesie (#235)

  1. Ellen sagt:

    Und wieder durfte ich in nächtlicher Stunde dazulernen.
    Mein schlichtes „Danke dafür“ schleicht 😉 Dir nach…

  2. Frau Blau sagt:

    du erinnerst mich da an was… in der Kunst der Tankas übte ich mich auch schon, nach einer ausführlichen Radiosendung über eben diese… da muss ich mal in meinen Schreibebüchern blättern… soweit ich es heute noch weiß, ist es dir gelungen in der Vorgabe zu bleiben-

    mir gefällt die Idee ausserdem sehr gut, dass wenn mensch zwischen den Stühlen sitzt, den Sessel zu verlassen und sich in die Hängematte zu legen…

    ich wünsche dir einen wundervollen Sommertag
    herzlichst Frau Blau

    • Der Emil sagt:

      Zwei Frauen saßen hinter mir. Eine sagte dann, sie säße wieder zwischen zwei Stühlen, und klang dabei sehr niedergaschlagen. Die andere sagte, daß sei ihr Lieblingsplatz, denn links und rechts von ihrem Sessel stehe jeweils ein Stuhl – und zwischen diesen beiden, also: ihr Sessel zwischen zwei Stühlen sei ihr Lieblingsplatz 😉 So sitzt sie am liebsten zwischen zwei Stühlen – und beide Frauen lachten.

  3. scarlett sagt:

    Die Idee gefällt mir auch ausserordentlich gut. Zudem passt die Hängematte zum Sommer. 😉

  4. nextkabinett sagt:

    Schön!

  5. minibares sagt:

    Unverhofft kommt oft, sagt man. Und du hast es in der Straßenbahn aufgeschnappt.
    Klasse, das gefällt mir.

  6. syntaxia sagt:

    Wenn ich die Erläuterung zu Haiku und Tanka lese, dann ist es keine einmalige Naturbeschreibung, also dein Fünfzeiler kein Tanka. Demnach wären die ersten drei Zeilen vielleicht ein Senryu??? Darf es dann wie ein Tanka verwendet werden??
    Mh, und weil ich mich damit gar nicht mehr auseinandersetzen will, habe ich meine Texte Drei- und Fünfzeiler genannt. Es ist zu verwirrend und nicht immer eindeutig. Jeder sieht es wieder anders. Es ist und bleibt eine Kunst, die nicht 1:1 ins Deutsche zu übertragen ist. Also bleibe ich lieber bei den deutschen Namen. Verderben wir uns nicht die Freude am Schreiben durch das – oder?
    ..grüßt dich Monika

    • Der Emil sagt:

      Du hast Recht. Aber ich spiele trotzdem damit, denn ich habe einen Augenblick beschworen, für mich beschworen, und ihn festgehalten, für mich festgehalten.

      Ob ich es nun Tanka nenne oder nicht: Den Spaß daran habe ich weiterhin.

  7. Amelie sagt:

    So wie die Frau möchte ich auch gern zwischen zwei Stühlen sitzen …

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