Eine Frage zur Fahrkarte (#115)

Feigling

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(Schonwieder ÖPNV, ich weiß.) Gestern stand ich im Bus, der Rucksack war gut gefüllt von meine Einkaufstour zu YVQY. Im Notizbuch versunken hörte ich plötzlich eine störende Stimme. “Schönen guten Tag.” Oh nein, dachte ich, der war gut; jetzt habe ich den Faden verloren, jetzt ist es damit vorbei. “Dürfte ich – bitte! – mal ihre Fahrkarte sehen?” Anscheinend wurde ich nicht zum ersten Mal gefragt.

Ich drehte mich um und blickte in ein Studentinnengesicht. Der mir vor die Nase gehaltene Ausweis war mit “Fahrgastzählung” überschrieben. So aus meinen Gedanken gerissen reagierte ich wohl nicht schnell genug und die junge Frau wiederholte mit einem genervten Unterton: “Dürfte ich endlich mal ihre Fahrkarte sehen?” Ich fischte sie aus meinem Portemonnaie und hielt sie hin.

Als ich alles wieder an seinem Platz verstaut hatte, begann ich über die soeben erlebte Szene nachzudenken.

Was, wenn ich einfach nicht reagiert hätte? Oder wenn ich ihre Frage mit einem knurrenden “Nein!” beantwortet hätte? Nicht, weil ich mir gerade eine Beförderungsleistung erschlichen hatte, sondern weil ich der Meinung war, niemand dürfe meine Fahrkarte sehen? Was dann?

Hätte ich den Bus verlassen müssen? Es waren keine Kontrolleure dabei. Gut, ich erlebte bereits, daß ein Fahrer ein paar halbstarke Rowdys hinauskomplimentierte – indem er sich weigerte, auch nur einen Meter weiterzufahren, solange sie noch im Bus waren. Schon nach wenigen Sekunden hatten die drei etwa zwanzig andere Fahrgäste gegen sich aufgebracht und zogen schimpfend von dannen.

Aber gestern nachmittag? Werden die Zählerinnen auf solche Spinner, die einfach nicht wollen, vorbereitet? Gibt es entsprechende Verhaltensregeln? Neugierig war ich, und doch traute ich mich nicht sofort, die Zählerinnen einfach zu fragen. Ich Feigling.

Ich überlegte hin, ich überlegte her. Ich fand eine mir zusagende Formulierung. Und als ich mich endlich entschlossen hatte nachzufragen, weil ich aus einer solchen Neinsager-Geschichte gerne einen Blogpost gemacht hätte, stiegen die Zählerinnen aus.

Dumm gelaufen.

Es bleiben mir vorerst nur Vermutungen. Aber wenn ich heute oder morgen wieder gezählt werde, frage ich nach. Dann scher ich mich nicht um die befremdlichen Blicke, die mir die Fragerei einbringen könnte. Der Stoff ist es wohl wert …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. April 2012 waren etwa 60 bearbeitete Bilder und ca. 20 Seiten abgetipptes Notizbuch von 2008.

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115 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 432 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Eine Frage zur Fahrkarte (#115)

  1. Inch sagt:

    Ich bin gespannt 😀

  2. Jaaa, mach das … auf deren Gesicht bin ich gespannt ! Damit rechnen sie nicht das mal einenr Nein sagt.

  3. Mia sagt:

    Da sitzt so ein kleiner Provokateur in Dir? – Mich hätte viel mehr interessiert wie die Dame reagiert hätte wenn Du sie darauf angesprochen hättest ´jetzt habe ich den Gedanken-Faden verloren, ich war grade dabei die Geschichte meines Lebens zu verfassen` oder so ähnlich. 😉

  4. Li Ssi sagt:

    es braucht schon einen besonderen mut NEIN zu sagen und dann auch noch fragen zu stellen… bin gespannt!
    was mich noch wundert, dass sie sagen, sie zählen, dazu müssen sie doch nicht auch kontrollieren… grübel… fühle mich gerade wie nietzke von hausundhirschs… lach und liebe grüße

  5. Gudrun sagt:

    Tja, eigentlich müssen sie darauf vorbereitet worden sein. Wir hatten im Freizeitpark auch Training, denn es gibt schon „putzige“ Leute der verschiedensten Art. Und das Personal hat bestimmt und vor allem nett und höflich zu sein. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass es manche sehr irritiert, wenn ich ihnen mein strahlendstes Lächeln gezeigt habe.
    Die Frage, so wie sie gestellt wurde, reizt aber auch zum Nein-Sagen. 😀
    Es gibt bestimmt noch die Auflösung. Oder?

    lächelnde Grüße von der Gudrun

  6. M. sagt:

    Muss ich doch direkt mal meinen Mann fragen, ob er auch „Zählerinnen“ in seinem Bus transportiert. Grins.

  7. der_emil sagt:

    Reblogged this on Ministerium für Reiseangelegenheiten und kommentierte:
    Wie gehen Fahrgastzählerinnen mit renitenten Kunden um? Werden sie extra geschult?

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