12. Türchen (Nº 346 #oneaday): Tischsitte

Das Gedeck für den ungebetenen, unerwarteten Gast

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Am Weihnachtsabend, am 24. Dezember, ist es in einigen Gegenden / Familien üblich, nicht nur für die anwesenden Personen einzudecken. Auf die Festtafel gehört ganz einfach ein Gedeck mehr – das für den ungebetenen, den unerwarteten Gast, als Zeichen für die Gastfreundschaft (die ja irgendwann einmal nicht so recht vorhanden war).

Im Erzgebirge habe ich dieses zusätzliche Gedeck bei einigen Familien gesehen. Nicht bei vielen, auch nicht nur bei alten Leuten. Meines Wissens gab es keinen gemeinsamen, verbindenden Hintergrund wie z. B. geografische Herkunft oder Glauben. Ich weiß wirklich nicht, wo genau ich das zum ersten Mal sah.

Tatsächlich. Ich mußte erst suchen, woher der Brauch kommt. Jetzt weiß ich, daß es in Polen üblich ist, zum Weihnachtsfestmahl ein Gedeck mehr als notwendig aufzulegen. Das kann ich also auch von Oberschlesiern oder Pommern (meine Großeltern väterlicherseits) kennen.

Wahrscheinlich wurde mir dazu die Geschichte erzählt, daß ein neuer Weltenretter nicht wieder in einem Stall das Weihnachtsfest verbringen soll. Kann auch sein, daß auf Bräuche zum Julfest verwiesen wurde und auf die Einladung an die wiedererwachende Natur …

Selbst eine rein humanistische, soziale Begründung lasse ich heute gelten: Welcher Mensch, welcher wirklich arme und einsame Mensch würde sich nicht freuen über einen Abend Aufnahme in eine Familie, einmal Sitzen an der Festtafel, einmal Angenommensein? Doch wer traut sich, einen solchen Menschen einzuladen?

Und wie kommt ein solcher Mensch zu mir?

Er kann einfach fragen, klingeln oder klopfen. Eine abenteuerliche Vorstellung? Ja, aber ich muß doch nicht Frank Zander heißen, um andere zu bewirten. Es müssen doch auch nicht 100 und mehr Leute sein. Einer, Eine. Bei den meisten Familien wird doch – wenn nicht gerade abgezählte Rouladen auf dem Tisch stehen – garantiert noch ein hungriger Bauch mehr satt. Schließlich reicht das Essen zumeist auch noch für den nächsten Tag?

An meine eigene Situation denke ich: Seit Jahren sitze ich zu Weihnachten (und sonst natürlich auch) allein am Tisch – sicher auch in einigen Tagen. Manchmal hätte ich mir da einen Gast gewünscht. Manchmal wäre ich gern der ungebetene, unerwartete Gast gewesen. Und vielleicht bin auch ich irgendwann der unerwartete Gast?

Der verlorene Sohn, der nicht nur verloren war für Vater, Mutter, Bruder und Söhne, sondern auch verloren hatte oder zu haben glaubte: die Familie, die Erinnerungen, das Leben, den Mut.

Da ich weiß, daß mindestens einer der eben genannten Menschen hier mitliest: Der Mut fehlt mir noch immer. Zu sehr schäme ich mich für all die Fehler, die ich zum Teil wider besseren Wissens machte. Zu sehr fürchte ich, mit meinem “Auftauchen” alte Wunden aufzureißen. Zu sehr habe ich Angst vor all den durchaus berechtigten Vorwürfen und Vorhaltungen, und vor den Fragen, die ich noch nicht und vielleicht auch nie beantworten kann.

Und trotzdem. Vielleicht ist es Zeit umzukehren. Um Verzeihung zu bitten und die Verständnislosigkeit für mein Handeln auszuhalten, anzunehmen und bestenfalls zu überwinden.

Eine besinnliche Zeit wünsche ich euch.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11. Dezember 2011 war der Besuch des Gospelkonzerts im Bahnhof.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu 12. Türchen (Nº 346 #oneaday): Tischsitte

  1. nextkabinett sagt:

    Eine schöne Weihnachtssitte, die Du beschreibst, lieber Emil. Decke doch einfach nicht nur an Weihnachten, sondern mindestens einmal in der Woche für eine zweite abwesende Person. Irgendwann wird sie einfach kommen und da sein. Ganz bestimmt.
    Und der Knoten in Bezug auf Deine Familie wird sich auch lösen, ganz sicher. Das Schlimmste, was Du tun könntest, wäre Dich zu hetzen und zu stressen. Lass die Dinge einfach reifen und sie werden passieren. Auch ohne Dein Zutun. Allein Dein Gedanke, um Verzeihung zu bitten, wird das Vergeben einleiten. Verzeihen und Vergeben – darum geht es doch für uns Menschen. Ohne dies gibt es keine Liebe …

  2. Follygirl sagt:

    Hatte auich schon von dieser Sitte gelesaen, wußte aber bisher gar nichts über den Ursprung…
    Tja, mit der Familie, das ist immer so eine Sache…
    LG, Petra

  3. Ein wundervoller Brauch. Ich hab auch schon mal davon gehört, hätte aber keine Idee gehabt, wo der geografisch unterzubringen ist. An Rhein und Ruhr hat das meines Wissens aber keine Tradition. Ich wünsche Dir jedenfalls, dass irgendwo jemand der mitliest, zu Weihnachten einen Platz für Dich bereithält…

  4. Inch sagt:

    Einen Cousin, der seit Jahrzehnten nicht mit seinen Eltern und Geschwistern spricht, lud ich letztes Jahr zu meinem 50. Geburtstag ein (seine Adresse herauszufinden, war recht mühselig). Darauf telefonierten wir und er freute sich wirklich, von mir zu hören. Nach Leipzig wollte er aber nicht kommen. NIE wieder! Im letzten Februar telefonierte dann eine Cousine, die mittlerweile in Mannheim wohnt, mit ihm und besuchte ihn Ostern. Wie sich herausstellte, traute er sich nicht nach Leipzig, weil er dachte, alle hassen ihn; also auch die Verwandten seiner Eltern und Geschwister. Die Cousine faltete ihn zusammen 😉 und im Herbst traute er sich schließlich nach Leipzig, ohne dass er seine Eltern und GEschwister treffen musste.
    Was ich sagen will: Wenn man mit einem oder zwei oder auch drei Verwandten im Klinsch liegt, muss das nicht heißen, dass die anderen Familienmitglieder auch an diesem Streit interessiert sind. Vielleicht vermissen sie Dich sogar, oder sehen manche Dinge sogar anders. Hab einfach den Mut, jemanden anzurufen. Vielleicht nicht gerade den, den Du glaubst verletzt zu haben.

  5. sweetkoffie sagt:

    Diese Sitte kannte ich nicht, finde sie aber sehr nachahmenswert.

    Vor ein paar Jahren, als wir aus der Kirche kamen, die Predigt ging um Einsamkeit an Weihnachten, da habe ich spontan einen jungen Holländer angerufen, der bei und arbeitete und leider nicht zu seiner Familie fahren konnte und habe ihn zum Heilig Abend-Essen eingeladen.
    Er hat sich so gefreut und ist gerne gekommen.
    Das war für uns alle so ein schöner, besonderer Abend, den wir alle nicht vergessen.
    Der gipfelte dann irgendwann darin, dass unser Fondue-Topf in hellen Flammen stand und wir ihn im hohen Bogen aus dem Fenster in den Schnee warfen, denn wir lebten in einem Holzhaus.

    Vor ein paar Tagen dachte ich noch, dass es wieder einmal an der Zeit sei, sich einen unverhofften Gast zum Weihnachtsessen einzuladen. Ich habe auch schon so eine Idee…

    • der_emil sagt:

      Das mit dem Holländer ist wirklich eine wundervolle Geste.

      Ich wünsche Dir, daß Deine Einladung angenommen werden kann und Weihnachten damit wieder etwas ganz Besonderes wird (vielleicht ohne Brandsatz?).

  6. kreadiv sagt:

    Eigentlich sollte es jeden Tag so sein, nicht nur an Weihnachten.

    • der_emil sagt:

      Ja. Aber wer traut sich wirklich?

      Ich meine, daß ich schon ab und zu mit einem der stadtbekannten Leutchen ’ne Wurst essen gehe. Aber zu mir nach Hause? Trau ich mich meist nicht.

      • kreadiv sagt:

        Na klar, weil man sich z.B. vorher schon ängstlich fragt, ob sich dieser Mensch dann aufdrängt und ständig ungebeten hereinschneit… Abgesehen davon will man ja auch nicht gönnerhaft erscheinen.
        Ich war ja vor kurzem bei Freunden für ein paar Tage zu Gast in ihrem Haus und der Hausherr vertritt die These: „Ist ein Gast im Haus, ist Gott im Haus.“ Ein schöner Gedanke wie ich finde.

  7. M. sagt:

    Ich stamme aus dem Erzgebirge, allerdings kannte ich den Brauch bis eben nicht. Bei uns wurde an der Tafel so lange mit dem Stuhl gerückt, bis von jeder anwesenden Person der Schatten an der Wand zu sehen ist. Dies bedeutet, dass der Mensch dann auch im kommenden Jahr noch mit am Tisch sitzt, lebt….

    Ich habe diesen Brauch übernommen und auch im Hause von Mandy und Ingo werden die Stühle gerückt…

    Lieber Emil, herzliche Grüße.

  8. Elvira sagt:

    Eine schöne Sitte – nicht nur zur Weihnachtszeit!
    Fühl Dich mal virtuell gedrückt.

  9. christA sagt:

    Kann mich erinnern, dass es in meiner Kindheit mal Anfragen gab, ich nehme an von einer karitativen Einrichtung, zu Weihnachten einen fremden Gast zu Tisch zu bitten. Ich hätte das spannend gefunden, doch meine Eltern haben da nicht mit gemacht.

    Gelegentlich stelle ich fest, dass sich wildfremde Menschen über unerwartete Geschenke freuen wie z.B. in meiner „Adventsgeschichte“ (http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventsgeschichte.html), aber auch Nachbarn freuen sich, wenn ich ihnen ein Stück Kuchen schenke, wenn ich gebacken habe oder Bekannte, die lange nichts von mir gehört haben und plötzlich eine Postkarte oder einen Brief erhalten…

    Ich denke nicht, dass sich solch kleine Gesten auf Feiertage beschränken müssen, sondern dass sie jederzeit möglich sein sollten, wenn sie einem gerade einfallen.

    • der_emil sagt:

      Das mit den Anfragen in der Kinderzeit: Irgendwas war da … auch im Osten …

      Ja, unerwartete Geschenke würde ich gern öfter machen. Denn das ist etwas, das mir selbst große Freude bereitet.

  10. Gudrun sagt:

    Ich kenne den Brauch auch. Bei uns wurde das teilweise so gemacht. Meine Eltern gehörten keiner Kirche an (seit Genarationen war das so, also kein DDR-Problem). Irgendwann sagte mein Vater mal zu mir, dass wir Heiden wären. Ich war damels Kind und dachte, das sind Menschen ohne Glauben. Erst viel später habe ich erfahren, dass das nich so ist. Damals habe ich mir keine Gedanken gemacht, und hatte es bald wieder vergessen. Ansonsten gab es keine Erklärung meiner Eltern. Vielleicht wollten sie mich irgendwie schützen, denn ih war auch so schon hitzköpfig genug.

    Lieber Emil, ich glaube, du hast zwar Angst, alte Wunden aufzureißen, du hast aber auch Angst abgewiesen zu werden. Versuch es trotzdem. Es kann allen nur helfen und zumindest Klarheit bringen.

    Und nun noch ein Wort zu den abgezählten Rouladen. Mein Sohn hatte einen Freund, der durfte am Weihnachtsabend nicht vor 20: 00 Uhr zu Hause sein. Also blieb er bei uns. Rouladen kann man durchschneiden und ein Geschenk fand sich auch immer. Für den (inzwischen großen) Jungen bin ich so etwas wie eine Ersatzmutti. Immer noch.

    Liebe Grüße und dir eine schöne Woche
    (Ich habe den Organisten eurer Marktkirche in einem Konzert erlebt. Es war gut.)

    • der_emil sagt:

      Stimmt, man könnte eine Roulade durchschneiden. In der frühen Kindheit – Wismut-Haus, da waren sowieso alle eine Familie – ging das mit den Ersatzeltern bei uns auch so zu.

      Du hast Irene Peyote (ja, der Mann heißt so) gehört? Wo war er denn? Ich jedenfallls hörte gestern den „Leipzig Gospel Choir“ im Halleschen Bahnhof 😉

      • Gudrun sagt:

        Er hat in der Nikolaikirche gespielt. Ich war sehr begeistert, weil er das Instrument voll ausgereizt hat. Einmal war alles wuchtig und stark und dann zeigte er, dass man auch mit der Orgel ganz leise, zarte Töne spielen kann.

  11. frizztext sagt:

    schöner Brauch!

  12. Pingback: 23. Türchen: Ein Lied (#358) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

  13. Himmelhoch sagt:

    Früher, als wir noch eine Familie waren, haben wir das auch gemacht – zwr keine unbekannte Person, aber eine einsame. – Die letzten Jahre waren zu sehr mit dem Kümmern um meine Mutter ausgefüllt – aber ich denke, es könnte vielleicht wieder eine Zeit kommen, in der ich meine weihnachtliche Einsamkeit an einem der Feiertage (der andere ist dem Sohn gewidmet, aber viel mehr Familie gibt es bei mir hier in der Gegend nicht, die anderen sind alle ganz weit weg) mit jemand teilen möchte. – Ob ich es mir zutrauen würde, jemand von der Straße zu holen, weiß ich nicht.
    Emil, du bist nicht allein, auch wenn du allein bist – denn du hast hier viele Freunde gefunden, die an dich denken. Ein ganz klein wenig hilft das, weiß ich aus eigener Erfahrung.
    Liebe Grüße zu dir von Clara

  14. Grüß dich Emil!
    Das hast du wundervoll aufgeschrieben und außerdem hast du
    segensreiche Gedanken in Bezug zu lieben Menschen,
    denen sicherlich noch so manch schönes Erlebnis folgen wird.

    Das mit dem einen Gedeck mehr, kannte ich nicht.
    Jedenfalls begeistert mich dieses Brauchtum sehr und werde mir
    diese Idee in mein Herz legen.
    Schade, dass ich erst heute gelesen habe.

    Ich habe vorgestern drei Damen aus unserem Altenheim zu einer Adventjause eingeladen.
    Ich wollte ihnen einfach eine kleine Freude bereiten….
    Ich war so überrascht, dass dies für diese lieben Frauen, keine kleine Freude,
    sondern eine sehr große war. Es war so schön.
    Wir haben herzhaft geplaudert und sogar ein paar Weihnachtslieder gesungen miteinander.
    Ganz sicher werde ich, so Gott will, das im nächsten Jahr wieder machen.
    Ich bin dankbar für diesen gemeinsm verbrachten Nachmittag!
    Segen Emil sei mit dir und allen Menschen die du liebst.
    HERZ-lichst
    M.M.

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