Die Sache mit der Zeit (Nº 214 #oneaday)

Und über den Umgang mit Stoff und Texten

Entschuldigt, aber das muß heute so lang sein.
 
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Gestern begann ich Christa Wolfs Buch “Ein Tag im Jahr” nocheinmal von vorn zu lesen. Und diesmal hatte ich wohl die richtige Einstellung dazu. Ihre Sätze über den Umgang mit Kunst und Literatur, mit ihrem Stoff und ihren Texten, auch aus ihrer Sicht als Schriftstellerin, hätte ich noch 1988 unterschreiben können. Ich sah eine Kontinuität, Stabilität, Stagnation der Entwicklung in dem Land, das meine Heimat war, in der DDR. Damals war mir das Stehengebliebensein nicht so deutlich, nicht so bewußt. Doch in den Vergleichen zwischen Wolfs Buch und meinem Erleben, meinen Erinnerungen, da wurde es mir klarer.

Gestern schrieb Gabi einen sehr interessanten Beitrag zum Thema “Die Sache mit der Zeit” – und schrieb auch über den Umgang mit ihrem Stoff, ihren Themen, ihren Texten (auch den ungeschriebenen). Wieder das Problem, wie der Schreibende, der Schreiben-Wollende mit seinem Stoff, seinen Texten, seinen Gedanken und seinem Bedürfnis, sich mitzuteilen, umgeht. Schnell merkte ich, daß meine Antwort den Rahmen des Kommentares sprengen würde; und ich kündigte dann erstmal nur meinen Text hier an. (Ohne zu ahnen, daß ich heute die 1000-Worte-Grenze gnadenlos durchbreche!)

Gabi schreibt:

 

Unterwegs fallen mir oft so viele Dinge ein. Aber leider schreiben sich diese ja nicht von alleine.

Gelesen bei Gabi 
 

Deshalb nutze ich unterwegs meinen analogen US-Stick (ein Notizbuch und einen Stift) oder meinen OGG-Player (ja, der kann auch mp3 und hat eine Sprachaufzeichnungsfunktion), um Gedanken festzuhalten. Geht schnell, wirklich. Und dann sitze ich zuhause und überlege nicht, ob und wie ich das schreiben kann, sondern ob ich will, ob es mir ein Bedürfnis ist, mich des Textes zu entäußern, indem ich ihn veröffentliche. Das Abtippen und die vorsichtige Korrektur einiger mißglückter Formulierungen sind dann ein Kinderspiel.

 

Ich kann nicht sagen, was ich immer mache, aber Zeit habe ich auch keine. Also, irgendwas stimmt da wohl nicht. Ich weiß nur, dass ich immer mit irgendwas beschäftigt bin. Langweilig ist mir nie.

Gelesen bei Gabi 
 

Das Phänomen kenne ich auch. Viele Ereignisse des Tages sind Zeitfresser, ich möchte ja nichts verpassen (vor allem nicht in meinen Blogs!). Noch mehr: Pflichten sind Zeitfresser; wenn ich nicht wirklich vom Sinn dieser Pflichten erfüllt bin, so weigert sich mein Ich, diese Pflichten mit einer gewissen Stetigkeit im Handeln zu erfüllen. Immer wieder finde ich kleine Ausreden, interessante Nebensächlichkeiten, die mich von der (unangenehmen) Pflicht ablenken. Meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Vorgang zu konzentrieren, das scheine ich erst wieder lernen zu müssen.

Und so verteilen sich meine Aufmerksamkeit und mein Handeln auf viele kleine, unscheinbare Dinge, die in meiner Erinnerung einfach untergehen im Getöse des Tages. Manchmal denke ich, daß dieses Verzetteln in den Nebensachen a) ein Werkzeug zum Prokrastinieren (Aufschieben) ist und b) mich davor schützt, jetzt die wirklich wichtigen (und mir teilweise sehr unangenehmen oder viel zu sehr unklaren oder auch einfach im Ergebnis zu ungewissen) großen Baustellen und Vorhaben meines Lebens anzugehen und damit der Gefahr von Erfolg oder vollständigem Untergang ausgesetzt zu sein.

Um nicht etwas zu beginnen, das ich zwar will, aber vom Ausgang her ungewiß ist, verharre ich in der Ungewißheit.

 

Wenn ich was mache, dann dauert es, weil ich meist alles zu genau machen will. Ich bin zu pingelig, ich würde am liebsten alles perfekt haben, alles wird zig mal kontrolliert, ich überlege mir oft hin und her, ob ich das so schreiben/machen/tun/lassen kann, wie es gerade ist usw.

Gelesen bei Gabi 
 

Hier reagiere ich allerdings anders. Ich handle – für meine Begriffe – spontan. Das heißt, was ich mir vornehme, was ich wirklich tun will, das beginne ich auch. Ob ich es am Ende fertigbringe, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das liegt aber an meiner Konditionierung als Versager. Ich habe gelernt, daß ich etwa zwei Stunden brauche, ehe ich das Haus verlassen kann, ich kenne unterwegs die wichtigsten Orte usw.

Und beim Schreiben?

Wie ich oben schon schrieb. Ich stelle mir nicht die Frage, wie ich was schreiben sollte. In meiner grenzenlosen Selbstüberschätzung nenne ich das, was ich schreibe, einfach Kunst. Alltagskunst, Gebrauchskunst, Untergrundkunst, Nischenkunst, entkunstete Kunst – wie auch immer. Aber mit der Anwendung des Kunstbegriffs ist nur noch gefragt, was ich als Text schreiben und veröffentlichen will, nicht wie ich es schreiben und veröffentlichen will. Formulierungsfragen, die ein eventueller Leser vielleicht haben könnte, werden nebensächlich. Es ist meins; meine Ideen, meine Vorstellungen, mein Leiden, meine Gefühle transportiere ich mit meinem Text.

Ja, das darf arrogant genannt werden. Aber das ist doch genau das, was die anderen, echten Künstler tagtäglich tun? Wo wären denn meine Texte, wenn sie unter allen Umständen allen Lesern, auch den nur potentiellen, gefallen müßten? Sicher noch immer nur in meinen Notizbüchern oder auf meinem PC. Veröffentlicht – auch wenn es nur hier in einem Blog ist – veröffentlicht wäre davon nicht einer. Und die, die noch in meinen Notizen verblieben sind, die, an denen ich noch arbeite, die bearbeite ich so, daß ich sie als fertig betrachte, als reif für die “Freilassung”.

Ich sehe das so wie bei vielen Malern oder Musikern. In der Oberliga der Künstler, dort, wo der Lebensunterhalt ausschließlich mit der Kunst verdient werden muß, kann das durchaus anders sein. Zum Beispiel in der Musikindustrie, dort sieht mensch ja, daß Erfolgreiches, Vielgespieltes sehr massenkompatibel sein muß und damit auch ziemlich austauschbar wird. Die echten Perlen der Musik, die Lieder/Stücke, bei denen ich überrascht aufhorche, die Bilder, die mich faszinieren, die sind nicht von den sogenannten Stars, sondern von denen, die ihr Handwerk verstehen und meist ziemlich unbekannt sind. Oder die als blutige Amateure nur aus Spaß an der Freude musizieren oder malen – der Live-Genuß, der am Schaffensprozeß ist noch immer der höchste Genuß.

Also nochmal: Der Text will aus mir heraus, ich lasse ihn (wenn es sehr gut funktioniert) einfach fließen. Und dann, wenn er mir feritg erscheint, stell ich ihn online – und erst dann schaue ich auf die Reaktionen. Vorauseilender Gehorsam? Immer “political correct”? Nein, das wären nicht meine Texte.

Puh. Liebe Gabi, ich danke Dir für die Anregung, die Du mir gegeben hast. Aber jetzt, jetzt bin ich mir über einige Dinge klarer als noch vor Kurzem. Und trotzdem werde ich auf direktes Lob auch in Zukunft mit schamhaftem Erröten reagieren, nach außen, und tief in mir wird ein Jubeln ausbrechen – denn das, was ich hier veröffentliche, ist ja doch “keine Kunst”.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 1. August 2011 waren eine aufregende Ankündigung und fertiges Gemälde.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Die Sache mit der Zeit (Nº 214 #oneaday)

  1. Pingback: » Die Sache mit der Zeit

  2. Follygirl sagt:

    Die ZEIT… schon immer eines meiner Lieblingsthemen… und komisch, auch bei mir gab es da immer eine Menge zu schreiben.
    LG und einen guten Tag, Petra

  3. sucherin sagt:

    Die Zeit ist schon ein spannendes Thema. Meine Meinung habe ich dazu bereits bei Gabi geschrieben und spare nun ein wenig Zeit, indem ich mich nicht wiederhole :-).
    viele liebe Grüße

  4. Deine Idee der Sprachaufzeichnung werde ich aufgreifen. Mein Problem sind die vielen Ideen, Sprachwitz, der mir unterwegs einfällt, aber wieder weg ist, bevor ich Papier+Bleistift zur Hand habe. Früher hatte ich immer ein Notizbuch in der Tasche, sollte ich wohl wieder einführen.

  5. kreadiv sagt:

    Lieber Emil,
    ich lese weiterhin gerne bei Dir und verfolge, was so bei Dir passiert, auch wenn ich mich nicht immer dazu äußere.
    Ich finde die Grundtendenz, die im Moment bei Dir vorherrscht, jedenfalls sehr schön.
    Herzliche Grüße
    Andrea

  6. Gabi sagt:

    Ich hätte mir nicht gedacht, dass mein Beitrag über die Zeit solch ein Interesse auslösen würde. 😉 Dabei war das quasi so ziemlich der einzige Beitrg von mir, den ich spontan und recht schnell geschrieben hatte. Und das ist was ganz seltenes bei mir.
    Mir gefällt, was Du über Dein eigenes Schreiben berichtest. Dass Du es als Kunst ansiehst. Find ich gut. Ich hoffe, dass ich auch irgendwann mal etwas „spontaner“ werde und mir nicht immer alles hundert mal hin und her überlege.
    Und irgendeine Methode für unterwegs um so manchen Gedanken aufzuzeichnen, sollte ich mir vielleicht auch mal überlegen.

    lg Gabi

    • der_emil sagt:

      Na, da hat aber auch Danny mit seinen GÖ-Blogs was dazugetan.

      Vielleicht hast Du irgendwo ein Gerät rumliegen, das Du als Diktaphon nutzen kannst? (Sogar manche Mobiltelefone können das …)

      Ach nochwas: Früher™ habe ich doch auch so hin- und herüberlegt, ob und wie – bis ich davon die Nase voll hatte und es als Kunst bezeichnete. Darin bin ich jetzt frei.

  7. freidenkerin sagt:

    Die meisten meiner Posts entstehen im Kopf während der Arbeitszeit, während meiner langen Gehzeiten durch die weitläufigen Flure des „Nobelhotels“. Meistens sind sie dann bereits so weit fertig, wenn ich nach Hause komme, dass ich mich nur mehr hinzusetzen und aus meinem „Speicher“ abtippen brauche…
    Ich genieße „meine“ Zeit wirklich sehr, ich mag es, wenn sie förmlich an mir vorüber fliegt, ich mag es aber auch, wenn sie beinahe stehen zu bleiben scheint…

    • der_emil sagt:

      Ohne Hilfsmittel, nur per Gedächtnis würde ich das nicht schaffen …

      • freidenkerin sagt:

        Das geht ganz gut. Ich kann auch noch per Gedächtnis in meinem Fotoarchiv stöbern und Bilder auswählen, und wo ich sie einfügen möchte… Ich hatte immer schon ein sehr gutes Gedächtnis – zumindest was die künstlerischen Aktivitäten anbelangt. Im Job vergesse ich schon mal, das Brotkörbchen oder die Kaffeesahne auf die Frühstückstabletts zu tun. 😉

      • Gudrun sagt:

        Ich auch nicht. Und deshalb habe ich immer einen Stift und einen kleinen Blog mit. Eigentlich schreibe ich ja nicht. Ich zeichne mehr, mache mir Skizzen zu allem, was mir an Bildern durch den Kopf geht. Meine Papierskizzen sind manchmal so grottenschlecht, flüchtig, einfach dahergekriexelt, aber das Kopfkino setzt sofort ein, wenn ich sie betrachte. Auch später.

  8. Gudrun sagt:

    Das, was du über dein „Früher“ geschrieben hast, lieber Emil, finde ich sehr interessant, weil ich immer noch jedesmal hin- und herüberlege, ob oder ob nicht… Ich bin da leider überhaupt nicht frei und weiß auch nicht, wie ich es werden soll. Die nötige Schnoddrigkeit werde ich wohl nie erreichen. Aber ich arbeite daran.
    Du schreibst: Der Text will aus mir heraus, ich lasse ihn… Vielleicht sollte ich genauso herangehen. Die Bilder wollen heraus, ich halte sie nicht zurück. Es muss ja nicht jedem gefallen. Es ist keine Kunst.

    Liebe Grüße
    Gudrun

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