Sentiment: Elke Erb (Nº 177 #oneaday)

Pryrik und Losa – Literatur in der DDR

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Eine der Schriftstellerinnen der Deutschen Demokratischen Republik ist Elke Erb. Ich erwähnte ihren Namen bereits im März 2011 und auch den Titel dieses Büchleins. Eva Strittmatter, Christa Wolf, Brigitte Reimann, Anna Seghers, Sarah Kirsch, Gabriele Eckart, Irmtraud Morgner usw. sind im allgemeinen bekannter als Elke Erb. Ihre ersten Veröffentlichungen wirkten auf viele recht verstörend, da sich ihre Texte der Einordnung in Lyrik und Prosa widersetz(t)en.

 
Wiederspiegelung
 

Ich seh mich wieder groß an meinen Grenzen
Aufgetaucht, ich hatte mich vergessen.
Vogel, flugs die Grenzen zu verwunden,
Frohlocke ich, die Spiegelscherben glänzen.
Ich hungerte, jetzt will ich wieder essen:
Dies Manna der Verletzungen, die munden.

Januar 1976
 

Elke Erb: Der Faden der Geduld. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1978;
2. Auflage 1984, S. 64.
 

Das schmale Bändchen, aus dem dieser Text stammt, kaufte ich mir für 9,30 Mark der DDR während der NVA-Zeit im Laden der MHO, den es in (fast) jeder Kaserne gab. Dort erhielt man sehr oft Goldstaub, also Dinge, die im normalen Handel kaum zu bekommen waren. Viele Bücher, auch sogenannte Lizenzschallplatten – und wenn man mit den Berufssoldaten gut zurechtkam, besorgten die einem auch einmal etwas davon. Natürlich konnte auch ich als UaZ einkaufen gehen, aber wir rangierten in der Hierarchie der Versorgung nunmal hinter den Berufssoldaten.

Und eben dieses Bändchen fiel mir gestern wieder in die Hände. Und ich las und las und las – und fand neben dem gerade vorgestellten Text auch noch diesen hier:

 
Armut
 

   Ich habe zuwenig Sachen, und es sind nur sol-
che, die notdürftig aus der Verlegenheit helfen.
Wären sie besser, könnten sie wenigere sein. Und
ich habe zuwenig Platz für meine Sachen. Bei
ihnen bin ich eine von den Sachen, die einer weg-
warf, der zuwenig hat.

10. Januar 1968/Oktober 1976
 

Elke Erb: Der Faden der Geduld. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1978;
2. Auflage 1984, S. 39. Zeilenrichtiges Zitat.
 
 

Nein, ich werde hier nichts interpretieren. Das überlasse ich jedem Leser selbst. Elke Erbs Texte – vor allem in diesem Büchlein – sind oft (“Der Gipfel”, “Ja, wird es denn gehen, das Tier?”, “Ein Wanderer”) schwer erschließbar einer Interpretation, nur mit dem Gefühl zu erfassen, wenn sie sich nicht gar verweigern.

Einen großen Teil des reichlich postkartengroßen Büchleins nimmt ein Gespräch zwischen Elke Erb und Christa Wolf ein, aus dem ich bestimmt noch einige Aussagen zitieren und als Anregung für mein Geschreibsel verwenden werde.

Falls jemand “Der Faden der Geduld” in die Hände bekommt: Lesenswert. (Mancher/manchem würde ich auch meines ausborgen.)

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Außer für die Zitate: © 2011 – Der Emil. Und KEIN cc …

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Sentiment: Elke Erb (Nº 177 #oneaday)

  1. dergrund sagt:

    Sehr interessant!

  2. „Bei ihnen bin ich eine von den Sachen, die einer wegwarf, der zuwenig hat.“
    Himmel, das ist so ein Satz, da steckt so viel drin, dass ich selbst gerade noch genüsslich an einer eigenen Interpretation kaue, einer Interpretation nur für mich.

    Danke dafür, der Name war mir tatsächlich gar nicht bekannt.

  3. giselzitrone sagt:

    Menschen sind aber manches mal keine Menschen zumindest benehmen sich manche nicht so. Einen schönen Sonntag wünsche ich noch Gruss Gislinde

  4. Synapse sagt:

    Irgendwie so gar nicht mein Fall oder zumindest nicht eben das, was ich an guter Literatur lese.
    Für mich ziemlich schwere Kost, aber denoch ungeuer aussagekräftig.

    Ich kannte diese Dame bis jetzt auch noch nicht.

    • der_emil sagt:

      Später wurde sie etwas „leichtfüßiger“.

      Ich bin eigentlich von Christa Wolf auf Caroline von Günderrode (eine heiße Verehrerin des Clemans Brentano, und wie Heinrich von Kleist Teil eines Kreises um Achim von Arnim und seiner Gemahlin Bettina) gestoßen, von der wieder zur Wolf zurück und dann auf die Erb, denn sowohl Günderrode aus auch Erb waren Gegenstand von Arbeiten von Christa Wolf.

  5. freidenkerin sagt:

    Sehr tiefgründig, diese Gedichte muss man lange wiederkäuen…

  6. „Goldstaub“ – hat man das so bei euch gesagt? Oder stammt der Ausdruck von dir?
    Elke Erb ist Goldstaub, ja.
    Grüße

    • der_emil sagt:

      Goldstaub war der (wirklich) umgangssprachliche Begriff für “Bückware”, also (sehr nützliche, sehr wertvolle, sehr schöne) Dinge, die es nur sehr selten in sehr geingen Mengen und nur unterm Ladentisch gab. Bückware hab ich erst nach der Wende gelesen/gehört.

      Ich würde Dir das Bändchen auch mal zum Lesen zuschicken, wenn Du Dich nicht an meinen Unterstreichungen störst 😉

  7. birgit sagt:

    bei mir im regal steht
    einer schreit: Nicht!
    lg birgit

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