Verdichten (Nº 79 #oneaday)

If you want to try Google translations of this blog use this link.

Gestern flatterte mir in der Liste meiner abonnierten Blogs auch wieder ein Beitrag von HERBST.ZEITLOSEN ins Haus. Genauer gesagt sind es zwei(?) Texte, die in Schlaflos – Text im Wandel zu finden sind; der Ausgangstext und eine Version, die sich daraus entwickelt haben soll.

Der zweite Teil hat mich gestern eine ganze Weile gefesselt. Weil er so bestimmt und doch unbestimmt ist:

 
Es war die Nacht der Nächte
ER hatte frei
Mein Nachtgebet verlief im Sand

ER hatte frei
Bis dann am Morgen mein Gebet
Vor Kälte zitternd vor ihm stand

Mit vorzüglichem Dank an die Autorin von HERBST.ZEITLOSEN.
 

Sie ist auf die Reaktionen gespannt. Meine wirklich laienhafte, durch nichts als durch meinen Kopf bestärkte Meinung möchte ich hier kundtun:

Zunächst: Ich sehe keinen Weg / keine Kraftlinie / keinen Traumpfad / keinen Algorithmus / keine nachverfolgbare Entwicklung vom ersten zum zweiten Text. Das ist die Leistung, die nur der Autor vollbringen kann und die keinen anderen Antrieb hat als den Drang nach (Ver-) Dichtung.

Der zweite, der zitierte Text, bei dem ich bleiben will, ist komprimiert, verdichtet und weit abstrahiert. Und das Abstrakte läßt mir Interpretationen zu, Freiheiten im Nach-Denken.

Denn wer ist ER? Der in der Nacht der Nächte frei hat?

Ist ER der, der heute Nacht frei hatte von der Beziehung mit dem lyrischen Ich, die vielleicht nur den Charakter einer Affäre hat?

Oder hat ER frei von seiner Tätigkeit, die das lyrische Ich pflegenderweise betreut und die ihn so in den anbetungswürdigen Zustand erhebt?

Hat ER frei in dem Sinne, daß er hinausziehen durfte in die weite Welt der Nacht, mit Zustimmung des lyrischen Ich Erlebnisse zu genießen, die sich jenes versagt?

Wieso steht nach der Nacht das Gebet vor IHM? Ist nun vielleicht doch ER gemeint, der immer über die Menschen wacht und alles sieht? Aber wieso hatte ER dann frei?

Was meint das Gebet hier überhaupt? Ein Flehen, eine Bitte, eine Mahnung? Preisendes? Bittendes? Steht das Gebet nur als Symbol für das lyrische Ich?

Und wieso zittert das Gebet vor Kälte? Sind es die Temperaturen? Oder ist es die fehlende Wärme einer zwischenmenschlichen, nein, interindividuellen Nähe?

Kann überhaupt etwas Transzendentes, etwas Religiöses gemeint sein mit der Anrede: ER? Wenn es doch um die Nacht der Nächte geht?

Oh, das vermaledeite verdichtete Ding wirft mehr Fagen auf als mir lieb sind. Und es ist fast ein wenig schade, daß ich den Ursprung kenne, denn dieses Kennen schränkt mich doch etwas ein in meiner Fabulierfreude …

Aber jetzt weiß ich, woran es mich erinnert: An Elke Erb und ihr «Der Faden der Geduld» (Aufbau-Verlag 1978).

Das Wichtigste zu diesem Text, nein, zu diesen Texten hab ich schon geschrieben: Ich sehen den Anfangs- und den Endpunkt einer (Ver-) Dichtung im besten Sinne.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

PS: Da ich heute den ganzen Tag im Wahllokal sitze, kann es sein, daß Kommentare erst spätabends genehmigt und erscheinen werden. Danke fürs Verständnis.

079 / 365 – One post a day (WP-count: 506 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Geschriebenes, postaday2011 #oneaday abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

0 Kommentare zu Verdichten (Nº 79 #oneaday)

  1. ich danke Emil, dass er meinem Text so viel Zuwendung geschenkt hat.

  2. frizztext sagt:

    DU hast natürlich heute nicht frei: WAHL-HELFER; viel Spaß; beim letzten Mal 44% Wahlbeteiligung – ob es diesmal mehr werden? Oder weniger? Habe ein gräßliches Video vom NPD-Kandidaten in Sachsen-Anhalt gesehen – ZDF, Freitags „heute“ Satire …

  3. Pingback: Sentiment: Elke Erb (Nº 177 #oneaday) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert