„sunder warumbe“

In der jetzt beginnenden Weihnachtszeit sind wir ja alle mehr oder weniger heftig dem Konsumzwang und-terror ausgesetzt. Das hier zu Lesende sind durchaus ernstgemeinte Überlegungen. Und bitte: Zweck ist nicht Sinn.

Etwas tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne selbst davon einen meß- oder erkennbaren Vorteil zu haben, ohne die – bei sogenannten „Freundschaftsdiensten” zum Beispiel – immer wieder stillschweigend angenommene und erwartete Gegenseitigkeit. Gibt es sowas noch? Kann man sich auf dieser Ebene noch begegnen, sich zumindest solche schönen, angenehmen Begegnungen noch vorstellen, wünschen? Ich meine: Geben ohne einen Tausch zu erwarten, also Schenken ohne das heute obligatorische Gegengeschenk, Schenken, das nicht zum schlechten Gewissen beim Beschenkten wird?

Heute und hier in dieser Gesellschaft ist das für die Gebenden und für die Empfangenden sehr schwer geworden. Niemand bekommt etwas „einfach so” – man muß sich alles verdienen oder erarbeiten? Etwas ohne dafür erbrachte Leistung zu erhalten ist zumindest anrüchig; es steht sofort die (unausgesprochene) Frage im Raum, was denn nun dafür erwartet wird. Der Empfangende sucht fast krampfhaft nach dem Haken an der Sache, und zwar unabhängig von den durchaus lauteren Absichten oder der Absichtslosigkeit des Gebenden.

Lautere Absichten? Ja, vielleicht einfach nur, um Jemandem eine Freude zu machen, eine Last abzunehmen, seine Freude und sein Glück zu teilen … Das gibt es manchmal (ich glaube sehr selten), und das sind die (sehr) seltenen Momente, in denen keine Gegenleistung, kein Gewinn an Anerkennung oder Bekanntheit, kein Revanche-Geschenk erwartet wird. (Ich nehme gerne Beispiele entgegen!)

Aber der Empfangende, der lange genug sucht, wird einen Haken finden. Einen, der nur in seinen Gedankengängen existiert und der dann doch zu einem selbstgemachten, eingebildeten „Haken an der Sache” wird.

Es fehlt bei den – heutzutage «sogenannten» – Geschenken oft die Grund- und Bedingungslosigkeit. Einen Anlaß zu geben oder zu (ver)schenken gibt es doch immer — das muß nicht der Geburtstag oder sowas sein, es darf auch einfach der Überschwang der eigenen Freude sein oder der Augenblick im Hier und Jetzt. Und doch: Oft fragt der Verstand, die Eitelkeit nach einem Grund, wird eine Bedingung gesetzt oder eine Gegenleistung erwartet und nicht nur erhofft.

Dem Menschen – jedenfalls mir! – fehlt das «sunder warumbe» des Mystikers Meister Eckhardt, die Absichtslosigkeit manch' östlicher Religion, etwas, das früher (selbst noch in meiner Jugend) selbstverständlich war. Wann ist es verlorengegangen, das zwecklose Genießen, das Handeln ohne (individuelle, persönliche) Gewinnabsicht, und manchmal auch das Hinnehmen von Unabänderlichem?

Ich bin auf der Suche danach: nach absichtslosem Geben und zwecklosem Genießen. Falls mir jemand bei der Suche helfen mag: Ich freue mich über „Mitstreiter”.

Erstveröffentlichung 2010-04-05
Der Emil

Über Der Emil

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0 Kommentare zu „sunder warumbe“

  1. michelle sagt:

    Hi Emil,

    das ist ganz leicht: du stellst dich einfach auf „absichtslos jemandem helfen“ ein, wenn immer ein Gedanke an Gegenleistung oder was auch immer kommt. Du polst dich einfach auf „bedingungslos“ um, egal, was passiert. Du wirst sehen, das funktioniert.

  2. Ohhh EMIL wie herrlich…

    ich dachte gleich an dass kleine Büchlein
    “ Der weisse Neger WUMBABA“ als
    ich Deine Überschrift las!!
    Für heute schenke ich Dir mein Lächeln, welches über mein
    Gesicht huscht….. hatten wir doch ähnliche Absichten.

    Danke

  3. epsilon sagt:

    Ein Geben ohne Erwartung einer Gegenleistung ist doch wohl dann anzunehmen, wenn jemand einem Unbekannten hilft, den er wahrscheinlich niemals wiedersehen wird. Wie groß diese Bereitschaft ist, einem Unbekannten zu helfen, hat der Psychologe Robert Levine untersucht:
    Levine, R. “Cities with heart”, in: American Demographics, Oktober 1993, S. 46 – 54 und Levine, R., Martinez, T., Brase, G. und Sorenson, K., “Helping in 36 U.S. cities”, in: Journal of Personality and Social Psychology 67, 1994, S. 69 – 81.
    Levine präsentiert die Ergebnisse seiner Untersuchung auch in seinem Buch “A Geography of Time”, deutsch: Eine Landkarte der Zeit.

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