Nur eine Feder blieb vom Traum

Des Nachts träumte ich von ihr. Mal wieder. Eine Phantasiegestalt besuchte mich, flatterte um mich herum. Ihre Flügel berührten mich unter der Bettdecke, machten meine Haut sich kräuseln. Mit ihrem Schnabel zupfte sie an den Haaren auf meinem Bauch und brachte mich zum Lächeln.

Im Traum spazierte eine Möwe mit unvorstellbarer Zärtlichkeit von meinem Bart über meinem Bauch zu meinem linken Fuß und flatterte dabei vorsichtig mit ihren strahlendweißen Flügeln. Es entstand ein leiser Hauch, kaum spürbar wie der Atem einer in meinem Arm liegenden schlafenden Liebsten, der meinen Nacken streift. Mit einem Hüpfer landete sie auf dem rechten Fuß und kam das Bein heraufgetrippelt. Nicht, daß sie meine Haut berührte, nein, ich spürte ganz genau, daß sie sich nur an all den Härchen abstieß, die manchmal kaum sichtbar sind.

Dann saß sie, diese sternenlichtstrahlende Möwe knapp unterhalb meines Nabels und sah mich an in meinem Traum. Und während ich ihr ihren Nacken kraulte, mit meinen Fingern nur die Spitzen ihrer Federn in der Luft darüber liebkoste, schwang sie ihre Flügel. Und der Hauch erreichte mich und ich spürte eine unerträgliche Leichtigkeit von Zärtlichkeiten.

Mehr wollte ich davon, mehr spüren. Und ich versuchte ihr das zu sagen, aber im Traum konnte ich nicht kreischen wie eine Möwe und das Gekreisch wäre zu laut gewesen und hätte die Zärtlichkeit zerstört. Jedes laute Geräusch hätte auch diese kaum spürbare Regung der Luft genau an dieser Stelle gestoppt – aber ich wollte doch mehr und festere Berührungen in meinem Traum! Ich wollte doch viel mehr eins sein mit ihr!

Und als dieser Wunsch übermächtig wurde unter dem Druck meiner Erregung griff ich zu und wollte sie festhalten. Vielleicht versuchte sie dann ja durch heftigere Flügelschläge zu entkommen, vielleicht träfen ihre Federn härter als nur dieser Hauch?

Und meine Hand, die bisher nur die Spitzen ihrer Nackenfedern in der Luft darüber liebkoste, schloß sich um ihren Hals. Mit einem traurigen Blick aus den kleinen, dunkler werdenden Möwenaugen wand sie ihren Kopf, lies einen Seufzer, ein sehr schmerzlich leises Kreischen ertönen und zerfiel in lauter kleine Federn, die ein Windhauch und mein heftiger Atem von meinem Bauch bliesen. Und so, wie die Federn nicht mehr auf mir lagen, wurden sie immer durchsichtiger und verschwanden in der Nacht.

Und ich wachte auf mit einer ungestillten Sehnsucht und einer ungestillten Lust. Und als ich am Nachmittag durch die Stadt ging, da fand ich, was die Möwe meines Traums mir zurückließ.

Nur eine Feder blieb …

Erstveröffentlichung 2010-02-27
Der Emil

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Nur eine Feder blieb vom Traum

  1. puzzle sagt:

    Sehr schön ist das – geschrieben und geträumt.

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