Aber was für ein hinterhältiges Mistding das doch ist.
Aus der eigenen Erfahrung weiß ich, daß – wenn die mahnenden, schimpfenden, die Unverständnis und Unmut äußernden Stimmen in meinem Kopf nicht mehr zu hören sind – sich mein schlechtes Gewissen noch lange nicht beruhigt; es bleibt mir meist viel länger erhalten, als es mir guttun kann.
Da sitz ich am Schreibplatz und sortiere Zettel; und weil ich gründlich sortiere, lese ich, was darauf zu lesen ist. Manches ist mir unverständlich, von manchem weiß ich den Grund des Auschreibens und Aufhebens nicht mehr, manches läßt mich schmunzeln, einiges kenne ich noch (und könnte ich auch im Blog hier und da nachlesen). Jedenfalls verschwinden viele der Zettel im Aktenvernichter, im Reißwolf. Und andere kommen in eine Mappe, die ich mit einem Aufkleber versehen habe: Gehabte Ideen.
Zwei bleiben auf dem Tisch liegen. Der eine enthält neben dem Satz oben noch mehr, das mich sogar heute noch … nun ja, doch irgendwie belastet. Weil mein (vernünftiges) Handeln, das Ausschlagen einer Bitte, über das ich damals schrieb, mir sofort wieder ein schlechtes Gewissen machte all die Jahre später (es sind viele Jahre, die seither vergingen). Natürlich hätte ich helfen können, trotz meines unangenehmen Bauchgefühls, doch das wäre – wie ich schon kurz danach feststellen mußte – nicht gut für mich gewesen. Denn das, was ich hätte geben können, brauchte ich gut drei Wochen später, um Schlimmeres für mich selbst zu verhindern. Die Person, der ich damals nicht half, brach den Kontakt ab – und das führte dazu, daß ich schon damals ein schlechtes Gewissen hatte, monatelang. Und selbst heute habe ich für eine Weile deswegen ein schlechtes Gewissen.
Und auch heute war es wieder da. Dieses schlechte Gewissen, denn schließlich waren wir sehr eng befreundet und ich verweigerte meine Hilfe. Ich hätte doch können … und vielleicht hätte auch ich Hilfe von irgendwem gefunden … Alles Quatsch. Es war richtig, was ich tat (jedenfalls von heute aus betrachtet, mit meinem heutigen Wissen über das damalige und unmittelbar darauf folgenden Geschehen).
Diesen Zettel, diesen einen, den hebe ich nicht weiter auf. Auch der ist heute in Schnipselform im Altpapier gelandet. Auf daß ich nicht ein weiteres Mal in diese Falle stolpere, mit meinem Vergangenheits-Ich hadere (das tu ich nun häufig genug). Und wenn ich die Person und das Geschehen vergesse, auch die wundervollen gemeinsamen Erlebnisse: na und? (Ich weiß, daß in einer der alten Kladden bestimmt auch noch etwas dazu steht; doch die sind in einem Karton weit hinten oben auf dem Schrank, da muß ich nichts mehr sortieren.)
Jetzt geht es mir besser. Jetzt habe ich mich wieder beruhigt. (Und nein, genauer kann ich mich hier nicht darüber äußern.)
Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich mußte den Auffangbehälter des Reißwolfs dreimal leeren.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 24. Juli 2025 war ich zufrieden mit „entsorgten Erinnerungen”, mit einigen geripten CDs, mit Tomatensalat am Abend.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

