237–2024: Unbesprechbar

Ich stelle mir vor, daß ich damit nicht alleine bin.

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Es gibt wirklich Themen, Dinge, die ein Mensch niemals mit einem anderen bespre­chen würde und wird. Selbst mit den wirklich allerallerallerbesten Freunden nicht, jedenfalls nicht ohne übergroße Not. Es gibt sogar Dinge, die z. B. ich lieber still­schwei­gend erdulde, statt etwas anzusprechen und so für allfällige Veränderungen zu sorgen. Außerdem, so war und bin ich der Meinung, ist es unmöglich, nur mit einem einzigen Menschen alles zu besprechen: Wer diese Sache von mir weiß, sollte nicht auch noch das von mir wissen. Ich teile sehr viel mit einzelnen Menschen, wirklich sehr viel, aber eben nicht alles mit einem einzigen Menschen. Vielleicht fürchte ich (zu Unrecht?) doch eine Art Gesichtsverlust, gar Entzauberung.

Ganz ähnlich mache ich das mit mit meinen Kladden. Obwohl ich immer wieder ver­sucht habe, wirklich alles in einer aufzschreiben, ist das nie gelungen. Minde­stens eine Sorte Texte, und zwar immer nur eine einzige, wird in einem besonderen Notizbuch festgehalten. Es überwiegen die Alltagskladden, die tagebuchähnlichen, aber in dem Schrankfach liegen auch jene, aus denen ich nur sehr wenig preisgab bisher. Da finden sich meine pornografischen Phantasien, so manche von Wut und Haß triefende Äußerungen und auch viele autobiografische Szenen, in denen ich mich weiß Gott nicht mit Ruhm bekleckerte. Deshalb, wegen der verteilten Notizen, mußte ich heute erste Sätze in eine neue andere Kladde eintragen, die zuvor dazu benutzte ist nämlich voll.

Ich würde mit Sicherheit Menschen finden, mit denen ich all das Pornöse besprechen könnte (und vielleicht sogar erleben, wahrscheinlich für viel Geld, aber immerhin). Und es gibt auch mehr als einen Platz, an dem sich der Schweinkram veröffentlichen, herzeigen läßt. Dennoch bleibt ein Rest unbesprechbar. Auch unveröffentlichbar. Jedenfalls solange ich lebe und mit den Reaktionen auf diese Dinge zurechtkommen müßte. Schütze ich damit die anderen Menschen vor dem von mir Verborgenen oder mich vor den Reaktionen darauf? Beides, denke ich.

Und ich glaube, jeder Mensch hat etwas Unausprechbares, Unmitteilbares in sich, jenes gewisse Geheimnis, das mit ins Grab genommen wird.

 

Erinnerung des Tages:
Ich fand ein Stück notierte Phantasie, an das ich lange nicht mehr dachte. Aber der Traum lebt noch in mir.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 24. August 2024 mit mit den Nummern 112 bis 119 (entschuldigt bitte, ein Insider, der heute sein muß), mit dem über Nacht im Kühlschrank durchgezogenen Gartentomatensalat, mit dem noch andauernden Gang übers Laternenfest.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Kommentare zu 237–2024: Unbesprechbar

  1. Elvira sagt:

    Ich denke auch, dass wir alle das eine oder andere Geheimnis mit ins Grab nehmen. Vermutlich sind das solche, die unsere Seele nicht allzu schwer belasten, denn dann ließe sich damit wohl schlecht leben (es sei denn, man wäre ein Sozio- oder Psychopath), sondern eben jene, von denen wir befürchten, dass sie das Bild von uns, das andere (oder auch wir selbst?) von uns haben, arg beschädigen könnten. Ich stelle mir gerade vor, dass es jemanden gelingen würde, diese Geheimnisse aus den Gräbern zu bergen und daraus ein Paralleluniversum zu basteln…Ich habe letztens eindeutig zu viel SF-Filme gesehen!

    • Der Emil sagt:

      Ich hatte mal die Phantasie, daß es in der Zukunft möglich sein wird, das Hirn von Sterbenden sozusagen herunterzuladen und dann in aller Ruhe darin stöbern zu können …

  2. Gudrun sagt:

    Ich glaube, ich bin zu unscheinbar in diesen Dingen und muss dann auch keine Geheimnisse mitnehmen. Keine Ahnung, ob das gut ist.
    Zugenommen hat bei mir aber, dass ich nicht mehr mit allen über alles rede. Es ist oft kein gutes Reden mehr und auch kein offenes Streitgespräch. Alles in allem ist es mir einfach nicht bekommen. Und zustimmen um des lieben Friedens willen kann ich manchmal eben nicht.

    • Der Emil sagt:

      Nur um des lieben Friedens Willen gibt es von mir schon lange keine Zustimmung mehr, wenn sowas gefordert wird, wende ich mich ab, ganz und gar.

      Du bist die erste Person, die meinen Erinnerunfen nach zu mir sagt, sie sei unscheinbar (unwichtig hörte ich schon, aber noch nie unscheinbar).

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