Menschenbild in Splittern

Immer wieder beschäftigt mich die Tatsache, daß ich an anderen Menschen ganz plötzlich Seiten / Wesenszüge entdecke, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Und ich habe sehr oft nicht gewußt, warum das so ist und woher diese "anderen Seiten" kommen.

Irgendwann wurde ich von einem Satz überzeugt, den ich bei einer (flüchtigen?) Bekannten gelesen habe (und ich darf sie zitieren, ich hab extra nachgefragt):

Meine Texte sind mein Spiegelbild, das in tausenden von Scherben auf einer Umlaufbahn um mich herum schwebt. In welchen Splitter schaust Du gerade???

(c) Arcana Moon

Ewas verallgemeinert stimmt er noch immer, der Satz: denn das trifft nicht nur auf Texte, sondern auf alles zu, was jemand von einem anderen Menschen sieht. Und jeder, dem ich oder ein anderer Mensch gegenübertreten, sieht nur einen Teil – nichteinmal von mir oder ihm selbst, sondern nur von einem Bild von mir oder ihm.

Und aus diesem einen Bruchstück, diesem einen Splitter muß der Mensch sich in wenigen Sekunden ein Urteil über den Menschen ihm gegenüber ableiten? Nein, Mensch muß nicht.

Und trotzdem hab auch ich es immerwieder getan, immer und immer wieder, wider meines besseren Wissens. Und immer wieder wurde ich daher überrascht von Menschen, die dem Bild, das ich mir von ihnen machte, urplötzlich nicht mehr entsprachen. Geht es Dir, der Du das hier grad liest, etwa genauso? Wie oft war ich erstaunt – und bin es noch immer – wenn mein Blick in einen anderen Splitter des Bildes fällt, oder gar erschrocken. Ich erkenne in diesem einen Splitter mein Gegenüber nicht – und ich erkenne mich manchmal auch nicht. Und doch paßt alles – es wird sich alles fügen zu einem großen Bild, daß ich mir vom Menschen machen muß (muß? – möchte!). Dabei versuche ich, eben diese ganze Bild zu erhalten und nicht einen Menschen in ein winziges, verschobenes Bild hineinzupressen, wie es oft genug geschieht.

Wollen wir wirklich genormte, in genau bestimmte winzige beschränkte Rahmen gezwungene Menschen sein?

Erstveröffentlichung 2010-12-12
Der Emil

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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