Kleine Geheimnisse eines gelingenden Zusammenlebens.
Sie weiß nicht genau, warum der Sonntag für sie erst Sonntag ist, wenn sie den Gottesdienst im Fernsehen verfolgen kann. Sie war nie besonders religiös oder gläubig im Sinne der Kirche. Ja, auch sie denkt, daß da „Etwas” sein muß, doch sie hat keinen Namen dafür und keine Beweise. Die Kirchen, die Gotteshäuser, interessieren sie nur ausnahmsweise, wenn sie in ihnen Oasen der Stille und der Abkühlung finden kann. An den seltenen Tagen, da sie diese Sendung verpaßt, fehlt ihr allerdings die gesamte Sonntagslaune. Und dann kann er, der ihr Hausdiener und nicht ihr Butler ist, kaum etwas richtig und zu ihrer Zufriedenheit tun. Diese Sonntage sind schwierig, ähneln einem Minenfeld, einem gruseligen Labyrinth. Und beide, er und sie, sind froh, wenn sie überstanden sind.
Heute sitzt er wie üblich mit ihr zusammen, hat in den 45 Minuten vor der Mattscheibe nicht zu tun außer: anwesend sein. Er beobachtet sie und sie weiß und spürt es. Wenn sie die Kirchenlieder mitsingt, zittrig und nicht mehr ganz so sicher in Melodie und Text, dann vergißt sie seine Anwesenheit. Es bereitet ihr nicht die Freude, die manche wohl haben können; doch das Mitsingen rührt immer etwas an in ihr, etwas Unbestimmtes, dennoch warm Einhüllendes, Bewahrendes. Sie könnte es niemandem erklären, auch ihm nicht. Vielleicht, so hofft sie, kennt er das ja auch …
Auch dieser Sonntag nimmt seinen Lauf mit all den Routinen und Ritualen, von denen sie schon seit Jahren kaum noch abweichen. In ihrem Alter ist sie wirklich nicht mehr versessen auf Neues. Und so kommt es auch heute wieder dazu, daß sie und er irgendwann in lautes Gelächter ausbrechen: „Herrlicher Baikal, du heiliges Meer, auf einer Lachstonne will ich dich zwingen!” So singt er – und spätestens an diese Stelle unterbricht sie ihn und sagt: „Kannst Du nicht einmal ganz normal zu mir in die Badewanne steigen?” Tante Erdmute kann sich zu ihrer beider Bedauern noch immer nicht für das russische Liedgut begeistern. Und sie beide lachen miteinander und sitzen dann versonnen lächelnd zwischen den Bergen aus Schaum.
Erinnerung des Tages:
Als ich hierher nach Halle (Saale) kam, war der Bau der Neustädter Straßenbahnstrecke noch in vollem Gange und das Neustadt-Center noch keine zwei Jahre alt.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 19. Oktober 2025 war ich zufrieden mit meinem Nicht-Ärger über das zu späte Aufstehen, mit ein paar Ideen von und zu Tante Erdmute, mit dem Erleben rund um die Tram-Baustelle.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

